Martin Grüning

Fahrstühle werden für Läufer gebaut

Warum Martin Grüning (48), stellvertretender Chefredakteur beim RUNNER’S WORLD-Magazin und ehemaliger 2:13-h-Marathonläufer, meint, dass Laufen cool ist.

Martin Grüning und Dieter Baumann am Start des Silvesterlaufs München 2012

Martin Grüning (vorne) und Dieter Baumann.

Bild: Josef Rüter

Herr Grüning, Sie laufen sportlich ambitioniert seit 35 Jahren, arbeiten im 18. Jahr als Redakteur bei einem Laufmagazin, ist Ihnen das Thema „Laufen“ nicht langsam mal langweilig?

Martin Grüning: Ehrlich gesagt: nein! Ich habe jeden Tag Lust zu laufen und oft genug gebe ich mich dieser Lust auch hemmungslos hin. Und ich habe jeden Tag Lust, zum Thema zu recherchieren bzw. über das Thema zu schreiben. Wer kann schon von sich behaupten, dass er sein Hobby zum Beruf machen durfte? Ich durfte, und dafür bin ich dem lieben Gott dankbar. Laufen ist doch viel spannender als es die meinen, die es noch nie getan haben. Nur wer selbst den ersten Laufschritt einmal gewagt hat, kann nachempfinden, dass das Laufen ganz viele verschiedene Facetten hat.

Da sind Sie also einer von denen, die nie den Fahrstuhl nutzen, noch nie geraucht haben und sich nur vollwertig ernähren?

Ich bin immer der erste, der in den Fahrstuhl einsteigt, auch wenn es nur um ein Stockwerk geht, und auch derjenige, der sich gerne auf Rolltreppen oder Rollbändern vordrängelt, dann aber keinen Schritt mehr bewegt. Ich sage immer: Alle diese mechanischen Fortbewegungsmittel wurden eigentlich nur für uns Läufer gebaut. Denn wir sind tatsächlich die einzigen, die sie ohne schlechtes Gewissen benutzen dürfen. Wir Läufer bewegen uns schließlich täglich hochintensiv meist stundenlang und haben dabei hunderte, ach tausende Kilokalorien verbrannt. Wir benötigen die Dinger, um die Kraft fürs nächste Training zu sparen. Die Menschen aber, die sich sonst keinen Schritt bewegen, die sollten wenigstens einmal am Tag Treppen steigen, um etwas für Ihre Gesundheit zu tun. Und zum Rauchen: doch, ich habe schon mal geraucht. Es muss 1975 gewesen sein. Ich war 13 Jahre alt. Es war eine ganze Packung. Danach aber tatsächlich nie mehr wieder. Und zum Thema „Ernährung“ äußere ich mich nur über meinen Anwalt...

Kann es sein, dass Sie das Laufen gar nicht so ernst nehmen, wie man es bei einem ehemaligen Leistungssportler annehmen sollte?

Sie können Recht haben. Ich denke, alles was man zu ernst nimmt, kann einen nicht ewig begeistern. Ich trainiere nur noch selten nach Trainingsplänen, dennoch täglich. Ich strebe nicht mehr nach maximaler Leistung, nehme dennoch an Wettkämpfen teil. Ich ernähre mich gesund und ausgewogen, aber habe dennoch ab und zu Appetit auf eine Schweinshaxe... Wenn ich etwas beim Laufen ernst nehme, dann sind es andere Läufer und deren Bedürfnisse. Ich spüre einen missionarischen Eifer in mir, andere Menschen zum Laufen zu bewegen, und wenn sie es schon tun, diese zu immer weiteren Laufzielen zu treiben. Ja, da bin ich sogar eventuell ein wenig penetrant. Aber ich lerne dazu: Inzwischen weiß ich, dass nicht jeder Mensch Marathonlaufen lernen muss, sondern nur jeder zweite.

Das Laufen boomt seit den 1970er Jahren, ist ein Ende des Booms in Sicht?

Beschreibt ein Boom nicht eine zeitlich begrenzte Hochkonjuktur? Von daher wehre ich mich im Zusammenhang mit dem Laufen immer gegen Wörter wie „Boom“ oder „Trend“. Das Laufen bewegt seit inzwischen gut 40 Jahren Massen von Menschen und wird es auch in Zukunft tun. Es ist die einfachste Sportart der Welt, jeder kann es. Es ist die praktikabelste Sportart der Welt, man kann es überall und immer, alleine oder zu mehreren. Es ist die gesündeste Sportart der Welt, denn keine hat einen unmittelbareren Herz-Kreislauf-Effekt. Und nicht zuletzt: es ist die Sportart, bei der man die meisten Kalorien verbrennt. Ja, die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Aber cool ist Laufen nicht, oder?

Das sagen Sie! Ich sage: laufen muss nicht cool sein, kann es aber sehr wohl. Es kommt immer darauf an, wie man es angeht. Schauen Sie sich nur die Aktion „Club der Töchter“ der Firma Nike an. Eine Laufbewegung von jungen Frauen, lässig gekleidet, getrieben über eine social community, da geht’s um ein gemeinsames sportliches Erlebnis, das einen außer Atem bringt, das Fett verbrennt, gesund macht, draußen stattfindet. Und nach dem Lauf wird gemeinsam Party gemacht. Oder unsere "Women’s Run"-Serie, die diesen Sommer in fünf Großstädten über 20.000 Frauen in Bewegung bringt, die vor Ort shoppen gehen, sich massieren lassen und einen entspannten und sportlichen Tag unter Mädels genießen.

In den USA boomt an den Colleges unter den Mädels welcher Sport? Fußball und Laufen! Mehr das Querfeldeinlaufen als das Bahn- oder Straßenlaufen. Wir müssen die Chance nutzen und eine neue Dimension des Laufens anregen, eine die Spaß- und „Figur“-betonter ist. Bei uns in Deutschland, eigentlich ganz Europa, steht leider noch zu sehr die klassische Leichtathletik im Vordergrund, wenn es ums Laufen geht, und natürlich haben junge Leute auch – noch – keine Lust kilometerlang auf einer geraden Straße ein transzendentales Erlebnis zu suchen, wie bei einem Marathon. Das tut man erst, wenn man in die Midlife-Krise kommt und Chef und Bauchansatz gleichermaßen Kopfzerbrechen machen.

Apropos Gesundheit: Ist denn auch Marathonlaufen gesund?

Ich bin inzwischen zirka 140 Marathons gerannt und ein Test bescheinigt mir zuletzt die Gesundheit eines 25-Jährigen. Spaß beiseite, was ich damit sagen will: die Vorbereitung auf einen Marathon ist sicherlich mit das Gesündeste, was man seinem Körper antun kann, wenn man sie nach sinnvollen Trainingsvorgaben gestaltet, wie den meinigen bzw. denen, die wir bei RUNNER’S WORLD veröffentlichen. Der Marathon-Wettkampf selbst ist allerdings eine Grenzbelastung – ohne Frage.

Warum läuft man überhaupt Marathon?

Um eine Herausforderung zu meistern. Um zu sich selbst zu finden. Um sich oder anderen etwas zu beweisen. Ein Marathon und die Vorbereitung darauf sind es etwas Besonderes. Sie können ein ganzes Leben verändern oder prägen. Zielgerichtet, nur auf sich alleine gestellt, über Wochen eine großartige körperliche Herausforderung anzugehen und schließlich zu meistern, das ist schon ein unvergleichliches Abenteuer. Der inzwischen viel zitierte Spruch „Der Marathon ist der Mount Everest des kleinen Mannes“ bringt es schon ganz gut auf den Punkt.

BMW engagiert sich seit dieser Saison bei den größten deutschen Marathons. Hand aufs Herz: passen Auto und Marathon zusammen?

Das kommt darauf an, welches Auto – sage ich jetzt mal ganz salopp. Ein sportliches Auto, und diesen Anspruch hat die Marke ja, passt natürlich eher zu einem Sportler als ein Lastwagen. Und wenn das Auto auch noch den Anspruch hat, effizient Energie umzusetzen und umweltschonend zu sein, dann sind die Gemeinsamkeiten noch größer. Das Auto an sich ist aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken, schön, wenn es Hersteller gibt, die sich Gedanken darüber machen, wie es in Zukunft unseren sich wandelnden Mobilitäts- und Umweltansprüchen gerecht werden kann. Und zu diesen Herstellern zähle ich BMW. Außerdem – ganz unabhängig von der Branche – finde ich es einen Fingerzeig, dass sich ein DAX-Unternehmen im Laufsport engagiert.

Zum Schluss: Sie haben einen Laufwunsch frei, was würden Sie sich wünschen?

Sie reden von der berühmt-berüchtigten Fee? Okay: ich würde gerne die Chance bekommen, mit jedem Vorstandsvorsitzenden der 100 größten deutschen Unternehmen einmal ganz privat laufen zu gehen. Viele würden sicherlich vorher sagen „Das kann ich nicht!“ und ich dürfte ihnen zeigen „Doch, auch Sie können!“. Dann wäre die Lunte gelegt. Mindestens 50 Prozent wären schon nach dem zweiten Lauf „auf Laufdroge“ und dann würden wir von oben nach unten das Laufen in den Firmen etablieren. Laufangebote in der Mittagspause, Laufangebote vor der Arbeit, nach der Arbeit. Ach, es wäre schön: ein etabliertes Laufsystem in jedem größeren deutschen Unternehmen. Und die Personalabteilungen würden für jeden Mitarbeiter ein RUNNER’S WORLD-Magazin abonnieren...

Interview: Markus Zach