Alex Hutchinsons Lauflabor

Die Psychologie des Muskelkaters

Wie man über Schmerzen denkt, beeinflusst, wie man sich nach hartem Training fühlt. Denn Schmerzgefühl rührt zwar von den Muskeln her, wurde aber auch vom Gehirn gefiltert.

Die Psychologie des Muskelkaters

Das Schmerzgefühl rührt zwar von den Muskeln her, wird allerdings auch vom Gehirn gefiltert.

Bild: iStockphoto.com / piranka

Wenn man ein ungewöhnlich hartes Training absolviert, vielleicht einen Lauf mit starkem Gefälle oder anderen ungewohnten Bewegungen, wird man am nächsten Tag wahrscheinlich mit Muskelkater zu kämpfen haben. Aber wie stark ist der Muskelkater? Die meisten denken, das hängt nur davon ab, wie sehr die Muskeln beschädigt wurden.

Es könnte aber auch noch einen anderen Grund geben. Das behauptet zumindest eine interessante Studie von Eric Hall und Nicole Razor von der Elon University, die beim jährlichen Treffen des American College of Sports and Medicine vorgestellt wurde. Die Forscher nutzten eine Reihe von verschiedenen psychologischen Fragestellungen, um festzustellen, inwieweit die Einstellung zu Schmerzen die Wahrnehmung des Muskelkaters bei 35 College-Athleten, die ein hochintensives Training absolviert hatten, beeinflusst hat.

Die Studie fand heraus, dass es zu einem Teufelskreis führen kann, wenn man sich zu sehr damit beschäftigt, Schmerzen zu vermeiden. Normale Sportaktivitäten werden erst spät wiederaufgenommen, Heilprozesse werden verzögert und oft bleibt der Schmerz. Mit anderen Worten: Die Angst vor Schmerz kann Sie mehr in Ihrer Leistung beeinflussen als der Schmerz selbst.

Die Forscher benutzten unter anderem den Athlete Fear Avoidance Questionnaire, einen Fragebogen in dem der Proband gefragt wird, bis zu welchem Grad er gewissen Aussagen zustimmt („Ich werde nie wieder, wie vor meiner Verletzung spielen können“ oder „Ich habe Angst meine Verletzung zu verschlimmern, wenn ich zu früh wieder einsteige“). Weitere verwendete Fragebogen waren der Fear of Pain Questionnaire und die Pain Catastrophizing Scale.

Gewiss haben die Ergebnisse dieser Umfragen, die vor dem harten Training gemacht wurden, einigen Vorhersagewert und geben Aufschluss darüber, wie viel Schmerzen die Sportler glauben noch 24 und 48 Stunden nach dem Training zu spüren, wie stark sie den Schmerz bewerten und wie sehr sie erneute Verletzungen fürchten würden.

Ebenfalls interessant: Eine Umfrage zu Ängsten ergab, dass besorgtere Menschen ihren Muskelkater schmerzvoller empfinden. Also bedeutet das, der Muskelkater nach dem Training ist nur eine Illusion im eigenen Kopf? Leider nicht ganz. Aber es zeigt, dass unser Denken über Schmerz auch beeinflusst, wie wir auf Muskelschmerz reagieren.

Modell der Angst-Vermeidung ist umstritten

Dieses Modell der Angst-Vermeidung, welches besagt, dass übermäßige Vermeidung von Schmerzen den Teufelskreis für chronischer Schmerzen erst auslöst, wird allerdings hitzig diskutiert. Es gibt Situationen, in denen dieses Modell Sinn macht: Wenn man einen verstauchten Knöchel zu lange schont, wird der Heilungsprozess verlangsamt und sein Zustand manchmal sogar auf lange Sicht verschlechtert. Aber es gibt auch Bereiche, bei denen das Gegenteil der Fall ist: Wenn man die Signale einer Verletzung nicht ernst nimmt und verschleppt, riskiert man ebenfalls verlangsamte Heilung und langfristige Schäden.

Eine der wertvollsten Fähigkeiten, die man durch langjährige Sporterfahrung entwickelt, ist die Fähigkeit zwischen verschiedenen Stufen von Schmerz und Unwohlsein zu differenzieren. Ist der Schmerz, den man spürt nur ein kurzzeitiges Schwächeln des Körpers oder doch das erste Signal einer möglichen chronischen Verletzung, die einen für das nächste Jahr plagen wird, wenn sie nicht direkt behandelt wird? Gerade Läufer machen nach dem Versuch-und-Irrtum-Prinzip oft beträchtliche und natürlich ungewollte Erfahrungen auf diesem Gebiet.

Es wäre auch interessant, eine solche Studie mal über eine ganze Laufsaison zu führen. Legen „Angst-Vermeider“ weniger Kilometer zurück als ihre Laufkollegen und laufen deshalb konsequent langsamer? Oder vermeiden sie effektiver Verletzungen und machen größere Fortschritte? Oder ist „Angst-Vermeidung“ eher eine Folge einer Verletzungsgeschichte als ihr Auslöser?

In der Praxis sollte man auf jeden Fall vorsichtig sein: Im Zweifel sollten Sie lieber mal eine Pause machen, da ein paar Tage Ruhe immer noch besser sind als ein paar Monate Zwangspause. Aber es ist auch unbestreitbar, dass Sie auch lernen sollten durch harte Zeiten zu gehen und dabei nicht zu ängstlich zu sein, wenn Sie intensiv trainieren wollen. Das richtige Mittelmaß dabei zu finden ist schwierig. Diese Studie ist deshalb wohl vor allem eine hilfreiche Erinnerung daran, dass das Schmerzgefühl zwar von den Muskeln herrührt, allerdings auch von Ihrem Gehirn gefiltert wurde.

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