Zum Weihnachtsfest

Die Läufer-Predigt aus Berlin

Mit der Predigt von Klaus Feierabend zum Berlin-Marathon wünschen wir allen Lesern ein frohes Weihnachtsfest.

Die Läufer-Predigt vom Berlin-Marathon

Training für den Heiligen Abend? Hier laufen Weihnachtsmänner in Mailand.

Bild: photorun.net

Klaus Feierabend, Berliner Pfarrer im Ruhestand, hält seit über 25 Jahren die Predigt, wenn am Abend vor dem Berlin-Marathon in der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche der Ökumenische Gottesdienst stattfindet. Nachfolgend veröffentlichen wir seinen Predigttext dieses Jahres.

Liebe Freunde!

So rede ich wieder mit Euch, heute, und denke an die Jahrzehnte lange Reihe unserer ernsthaft-heiteren, gedankenvoll-ulkigen Anhörung des lieben Gottes, hier in der Blauen Kirche. Ja, ein schöner Begriff: Anhörung des lieben Gottes: In der Tat fast ulkig. Verhören wir ihn denn, den lieben Gott? Gewiss nicht. Aber Fragen stellen, das muss erlaubt sein, nachdem wir ihn angehört haben. Wir sind schließlich sein Fußvolk! Sage niemand mehr: „Füße sind das Letzte!“

Seine beste Laufkundschaft sind wir! Denn wir möchten seine Anhänger und Mitläufer sein. Wir sind ja für ihn gerannt, nicht wahr? Nun ja, genau genommen sind wir um unser Leben gelaufen! Noch genauer: Wir laufen, um zu leben. Wir leben und laufen richtig, wenn wir hören und verstehen, was uns voranbringt und verändern kann. Und damit wir verstehen, lässt er sich unsere Fragen gefallen. Das mal gleich zur Wortbedeutung: Anhörung des lieben Gottes.

Heute spreche ich über Herztöne. Von ihnen lernen wir viel, soweit sie uns vertraut sind und wir mit ihnen unsere Tage verbringen. Den Grundton hören wir aus dem Mund des Jesus von Nazareth: Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben! (Joh. 10, 10)

Beim Laufen und Denken schütteln wir alles Sperrige und Hinderliche ab, wie die Schalen beim Nüsseknacken. Was dann daraus wird, kann zu einem Freudenfest führen für Leib und Seele und sich halten für längere Zeit. Das ist eine der wichtigsten Errungenschaften des laufenden Menschen. Solche Momente allerdings sind gefährdet durch andere Erfahrungen, die uns herabziehen und an Gott zweifeln lassen. Denn: Was für Grausamkeiten sind das, die wir Menschen einander antun oder die uns als Naturgewalt widerfahren?! In früheren Zeiten erwarteten die Menschen, dass Gott sich Sorgen machte um sie. Jetzt scheint es fast umgekehrt so, dass wir es sind, die sich sorgen um Gott.

Funktioniert er noch? Hält er seine Welt noch zusammen? Er wird sie doch wohl nicht aufgegeben haben, seine geliebt gewesene Schöpfung? Vielleicht hat er aber ein Notprogramm angeklickt, um die Schöpfung zu retten gegen den Menschen, die ehemalige „Nr.1"! Da sei Gott vor!

Jedenfalls sollten wir den Schöpfer an etwas erinnern, zweifach erinnern: einmal an seinen zugesagten Beitrag für den Erhalt seiner Schöpfung -, dass sie bleiben kann, was sie nach seinem damaligen Entscheid ist: Mutter und Hüterin für alles, was lebt. Und zweitens: Er, der Schöpfer möge sich ein bisschen mehr darum kümmern, dass der Mensch nicht zum Monster verkommt, sondern ein Glanzstück aus der himmlischen Werkstatt bleibt und von Neuem werden kann.

Jetzt aber dieses: Ich hatte einen Traum. Ich träumte ihn mehrfach. Offenbar soll ich mich mit ihm an eine würdige Öffentlichkeit wenden. Eine Öffentlichkeit von mehr Würde als diese hier in der Blauen Kirche finde ich nicht.

Es geht um ein Gespräch des Allerhöchsten mit dem Sohn Gottes, der uns als Jesus von Nazareth bekannt ist. Nicht ein übliches Routinegespräch zwischen Gott-Vater und Gott-Sohn findet hier statt. Der Weltenschöpfer ist ziemlich wortkarg, während der Sohn eine Menge vorzubringen hat. Er redet auf Gott-Vater ein. Er drängt auf Veränderungen im Umgang mit der Schöpfung. Offenbar sieht er sie auf eine noch andere Weise gefährdet als wir, mehr von innen, weniger durch die Brachialgewalt, die von außen auf sie eindringt. Herztöne seien dabei wichtig, sagt Jesus: „Die Menschen lieben sie und vermissen sie oft genug“, sagt er. Interessant! Daran fehlt’s also in unserer Welt?!

Aber was ist das eigentlich. Herztöne!? Es muss sich um eine besonders eindrucksvolle Sprache handeln, die nicht jeder sprechen kann. Aber jeder hat sie nötig. Sie zeichnet sich aus durch Offenheit und vorbehaltlose Zuwendung. Und so meint es auch Jesus in meinem Traum: „Es ist eine ehrliche und zu Herzen gehende Sprache des Glaubens nötig, sie würde auch dem Himmel gut zu Gesicht stehen.“ Aber sie fehle auf beiden Seiten, beim Menschen und auch bei Gott.

Haste Töne!? Erstaunlich, was er da sagt, nicht wahr? Wo fehlt’s denn bei Gott?! Nun, der Große Gott solle sich doch bitteschön von seiner unglücklichen Selbstdarstellung trennen, mit der er sich als „eifersüchtigen und eifernden Gott“ bezeichnet, der ohne Pause gelobt und gepriesen sein will und jedes Ausbleiben seiner Lobpreisung rachsüchtig verfolgt, „bis ins dritte und vierte Glied!“ Das sei nicht in Ordnung. Ein bisschen weniger wäre durchaus mehr. So spricht der Gottessohn.

Und was den glaubenden Menschen betrifft: Ist es nicht etwas lächerlich, wenn jede kleinste alltägliche Wende zum Guten im persönlichen Befinden mit überschwänglichen Lobeshymnen bejubelt wird und der liebe Gott die alleinige Täterschaft am Hals hat, für pausenlose Wunderhilfe, seinen Auserwählten extra zugute?!

„Ich habe ihnen doch längst den Schlüssel zum Leben gegeben“, sagt Jesus, „nämlich mit meinem Zuspruch: Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben! Das reicht doch, sie haben, was sie brauchen, also: Keine zusätzlichen Wunder, noch und noch. Auch hier gilt: Weniger wäre mehr!

An dieser Stelle ungefähr, meine liebe Predigtgemeinde, wird mein Traum zum Standbild, es macht einen Punkt und geht nicht weiter. Wahrscheinlich war das Himmlische Gespräch beendet.

Mitten in de Nacht uff eenmal kloppt’s. Ich steh uff und kieke, wer steht draußen: Ein lieblicher Bote ohne Flügel. Aha, ein verkleideter Engel. Mit einer Papyrusrolle in der Hand. Und gleich darauf hab ich sie. Und weg isser. (Predigtmanuskript wird auf dem Altar abgelegt. Eine Schriftrolle wird „sichtbar“, aus der Talartasche gezogen und hochgehalten gezeigt. In Folge wird von der Rolle gelesen.) Seriöser formuliert: Da plötzlich erleuchtete mich eine zweite Eingebung: Über Nacht wurde mir diese Papyrus-Rolle zugespielt, von dort oben zu mir bis ganz unten! Direkt aus dem himmlischen Büro des Erzengels Michael – den wir heute feiern – in den unverkennbaren Farben der originalen Erstschrift „Gelb-Grün-Blau-Rot!“. So kam sie an mich. Ich habe sie hier beweiskräftig in der Hand und lese Euch daraus. Ihr seid meine Zeugen, Freunde! Und was steht da drin? Es ist die fast wortgetreue Wiedergabe des kürzlichen Zwiegepräches, welches der Sohn Gottes beim Schöpfergott dazu benutzt hat, seine zahlreichen Kritikpunkte an den vorliegenden Ergebnissen der göttlichen Schöpfung in Worte zu fassen. Jesus Christus verweist auf schwerwiegende Flüchtigkeitsfehler, zum Beispiel auf eine mangelnde Balance im Urteil des Schöpfers selber: Dieser ließ in die Bibel hineinschreiben: „Und siehe, es war sehr gut.“ Dann aber ward er des Menschen überdrüssig und wollte die ganze Brut sogar ausrotten.

„Ja“, gibt der Allerhöchste zu, etwas zögerlich: „Gerade ihre Lichtgestalten haben mich zu sehr enttäuscht, eigentlich alle ziemlich charakterlose Schlaumeier und Finsterlinge: Abel, der windelweiche und in jede Richtung biegsame Softy, Abraham, der Opportunist und Glücksritter, unvorstellbar eifrig und eilig in der Befolgung eines angeblich göttlichen Befehls zur tödlichen Opferung seines eigenen Sohnes. Jakob, der Bruderbetrüger und reuelose Blender. David, meine ganze Hoffnung tragend, dann aber nur noch gewissenloser Karrierist. Und natürlich Josef, ebenso schön wie durchtrieben: der absolute Täuscher und unschlagbare Zauberlehrling, der den Meister übertrifft und seiner nicht mehr bedarf, alles nur für sein Image. Als ich Thomas Mann gelesen hatte“, so fügte Gott-Vater hinzu, „wusste ich unfehlbar genau, wie es wirklich gewesen war. Das reichte mir, und ich fand es dann auch zum Kotzen.“

Für unser Verständnis, meine liebe Mitwisser-Gemeinde, ist es wichtig, die genannten Personen als Vertreter einer ausgeprägten Wesensart von reichem Vorkommen unter den Menschen zu verstehen, nicht nur als Einzelpersonen. Es waren schließlich mehr als ein Handvoll Leute, von denen der Schöpfergott sich am liebsten verabschiedet hätte.

„Aber Gottvater“, erwiderte Jesus, „Ohne deine lebenslange Förderung hätten sie nie die Leiter des Erfolges erklommen! Und wie widersprüchlich deine göttliche Lenkung. Gerade um der Lichtgestalten willen tat es dir allzuschnell wieder leid, das gesamte Kroppzeug, wie du es selber nanntest, zu vernichten. Und so hast du die Sündenflut wieder angehalten und die berühmt-berüchtigte Ausnahme gemacht: Noah und seine Familie! Ausgerechnet!“

„Und meine Lieblinge, die Tiere“, Gottvater mit zärtlicher Stimme. „O ja, das ist zum Weinen schön. Aber nur ohne das Wissen vom weiteren Schicksal der Tiere in der Welt des Homo Sapiens: Die reine Hölle! Nun aber, Vater, höre Du, was ich Dir jetzt sage: Es ist der tiefste Grund unserer letztlich untrennbaren Einheit und die Urquelle meiner zärtlichen Liebe zu Dir. Du rettetest den Brocken Erde vor allen finsteren Mächten damals. Du hast ihm Deinen Näfäsch eingehaucht, Deinen Atem, welcher Wunder wirkt: (Atemzug). Du schufest den lebendigen Menschen, der in seiner Vergänglichkeit den Hauch des Ewigen in sich trägt. Ich bin restlos begeistert, das hast Du wirklich gut gemacht, es ist genial. Leib und Seele erheben sich und loben den Herrn. Hallelujah! Die Geistgebung an den Menschen , seine Heranbildung zur Creatura Humana, die keinen Abschluss hat, sondern einen Auftrag enthält: Dieser Schöpfungsakt gründet deinen ewigen Ruhm und meine zärtliche Liebe für dich. Sie ist unwandelbar und treu. Ich werde deine Hoffnungen auf mich erfüllen, auch gegen dein Väterliches Verstehen.

Aber zugleich ... zugleich du Allerhöchster, schlichen sich schlimme Fehler mit ein. Trotz deiner wunderbaren Schöpfungsidee und Planung hast du dich bei der konkreten Gestaltwerdung deines Ersten Sohnes hinreißen lassen zu einem gutgemeinten, aber sehr unvorsichtigen Entgegenkommen. Du reichtest ihm den Finger, er nahm die ganze Hand. Da liegt der Grund für deinen Kummer und Zorn später.“

„Wieso Ersten Sohnes? Meiner Erinnerung nach bist Du mein Einziger, von Ewigkeit!“
„Nein, nein! Weißt Du nicht mehr? Adam, so war doch der Name des Erstgeborenen, meines Vorgängers sozusagen. Das schriftlich zu machen und in deiner Bibel zu veröffentlichen, hast du deinen Apostel Paulus angewiesen, da steht’s doch, im Römerbrief Kapitel 5, die Geschichte vom Ersten Adam, der die Sünde brachte und dann die vom Zweiten, der es besser macht. Und von jenem Ersten haben wir sogar ein Geburtsfoto! Ja, hier: Ein gewisser Herr Angelo – Michel Angelo, glaub ich, hat den himmlischen Film entwickelt. Und man sieht Dein Väterliches Gepränge im Gesicht und Deine verräterische Körperhaltung, hingestreckt Du wie auf Siegmund Freuds Sofa, der Therapeuten-Couch, als wäre der Schöpfer und Arzt hier der kranke Patient! Und wie Du ihm den Finger reichst ...! Du ahntest nicht, dass Adam, der toughe Schlingel, gleich deine ganze Hand nehmen würde?! Er begnügte sich nicht mit dem bloßen Finger, er trachtete nach dem Gesamtkunstwerk der Göttlichen Hand. Sein Griff nach dem Baum der Erkenntnis war von vornherein vorgesehen. Und deshalb, Vater, ich erinnere Dich daran, deshalb gibt es mich, den nachfolgenden Sohn Gottes, den eigentlich einzigen, so sagst Du jetzt auch, Du Gottvater. Ich aber sage dir, dass dieser Zweite als nunmehr Erster keineswegs der folgsam Brave nur sein kann, der keine eigene Meinung hat, in stummer Unterscheidung zu jenem Schlimmfinger, der seinen Ehrgeiz auf die Spitze getrieben hatte. Ich jedenfalls erhebe meine Stimme für meine Überzeugungen. Auch das Heilige Gerüst der Dreifaltigkeit wird mich daran nicht hindern. Ich wage den Protest, es muss sein.“

Und dann, meine lieben Predigthörer, sagt er einen Satz, oder zwei, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Hier stehen sie. Es ist nicht eindeutig, ob er sich direkt auf eine bestimmte Aufgabe bezieht, die er, der Gottessohn übernehmen soll, später. Aber was er sagt, spricht ohnehin für sich. Und so teile ich es euch mit: Ich weiß, wer ich bin. Und deshalb weiß ich auch, wer ich nicht sein werde. Wozu ich nicht geboren bin, das werde ich zurückweisen.“

Ende der Papyrusrolle Und wir nun? Wir stehen erstmal da: Zwischen Jesu Kritik und Protest an gewissen Vorentscheidungen im Himmel und seiner hinreißenden Liebeserklärung für den Gott, der die Schöpfung wagte, mitten im Tohuwabohu = im Chaos = Wüst und leer. „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“ So raunt der Dichter uns ins Herz.

In dieser spannungsreichen Spanne sind wir aufgefordert zum Hören auf die echten Herztöne. Diese hörende Aufmerksamkeit besetzt längst unseren Lauf-Alltag. Denn nicht die einfache Statistik unserer Läufe ist das, was zählt, soundsoviele Marathons, Halbmarathons, 25-km-Läufe. Sondern wir laufen, um zu leben. Und wir leben und laufen richtig, wenn wir hören und verstehen, was uns voranbringt und verändert.

Es bedarf dazu keiner angestrengten Atmung, keiner Überforderung des Denkvermögens, unsere Seele muss sich keinen Platten laufen. Es geht einfach auch so. Plötzlich verstehen wir uns auf Herztöne. Gott behüte euch auf den 42 Kilometern! Er läuft sozusagen mit euch und hört auf jeden eurer Gedanken, nicht zur Überwachung, aber in solidarischer Begleitung. Habt keine Bange vor Gottes Nähe unter euch! Rechnet mit ihr und lasst euch von ihr überraschen. Wie gerne wäre ich morgen mit euch auf dem Kurs, zum 22sten Mal, eine echt runde Zahl nicht wahr? À Dieu = mit Gott! Amen.

Und so ziehe ich am Ende diesen Papyrus hinter mir her, hinein in mein tägliches Dasein.

(...zurück vom Altar zum Sitzplatz, die 2 Meter lange und nunmehr vollends aufgerollte kunterbunte Papierschlange hintendran)

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