Interview

Die Grenzenlosigkeit zwischen Läufern und dem Rest der Welt

Die Vereinheitlichung von Ich und Welt kann Themen fassbar machen, die ansonsten verdeckt bleiben.

Sie sprechen auch davon, dass sich beim Laufen die Grenzen zwischen Ich und Welt aufheben. Was passiert da genau im Gehirn?
Jeder Läufer kennt das Gefühl, dass es anfangs erst mal schwerfällt, in die Gänge, in einen Gleichklang zu kommen. Psy­chologisch gesehen bedeutet das: Die Gegen­überstellung von Ich und Welt, die wir im Alltag brauchen, um überhaupt leistungs­fähig zu sein, wird in diesen schweren ersten 15 bis 20 Minuten langsam aufgehoben. Dagegen wehren wir uns zunächst, weil wir die Differenz nicht aufgeben wollen. Sind die Widerstände dann aufgelöst, kommt es zu dem Zustand der Einheit, den Läufer etwa so beschreiben: „Ich bin der Lauf, und der Lauf bin ich.“ Alles kann ein Teil von mir werden: die Bäume, an denen ich vorbeilaufe, die schöne Läuferin, die mir entgegenkommt und deren Duft ich inhaliere. Die klare Grenze zwischen Ich und Welt verschwindet, ähnlich wie das bei Drogen der Fall ist – wobei Laufen ganz klar keine Droge ist.

Vereinheitlichung von Ich und Welt – das hört sich an, als sei man in einem ganz ausgeglichenen Gemütszustand. Aber gerade beim Laufen kann man sich ja auch in ganz extreme Emotionen steigern.
Das ist ja nicht als Glücksduselei gemeint. Im Gegenteil, durch die wegfallende Differenz kommen Themen hoch, die ansonsten verdeckt blieben. Manche Läufer wehren sich übrigens dagegen, indem sie sich konse­quent mit Zahlen und Rechenaufgaben beschäftigen und sich damit einen Halt geben.

Ist es denn therapeutisch wertvoll, was da manchmal hochkommt? Lindert es zum Beispiel mein Problem mit einem Kollegen, wenn ich morgens beim Laufen meine Wut mal so richtig auslebe?
Sie haben das Problem zumindest einmal durchbewegt und mit einer emotionalen Qualität versehen. Das verändert ihren Seelenhaushalt und kann die Lösung des Problems einfacher machen. Insofern ist das Laufen durchaus vergleichbar mit einigen therapeutischen Ansätzen. Das Manko beim Laufen ist, dass sich diese Effekte nach der Trainingseinheit verlieren – ähnlich wie die Wirkung von Träumen nach dem Aufwachen verpufft. In der therapeutischen Praxis würde man daran dann verbal im Sitzen oder Liegen weiterarbeiten.

Also löst Laufen allein keine Probleme?
Doch das kann es durchaus. Wir wissen aus den Beschreibungen der von uns befragten Läufer und Läuferinnen, dass Menschen, die an einem Problem herumgetüftelt haben, beim Laufen die Lösung dafür gefunden haben. Das liegt daran, dass sich während der Bewegung die gesamte seelische Verfassung komplett ändert und man aus einer anderen Perspektive oder Haltung auf seine Probleme schaut. Die unbewussten Prinzipien übernehmen das Regiment und können dabei helfen, ein Problem zu lösen. Bedingung dafür ist, dass man sich auf die Wirkung des Laufens einlässt und das, was mit einem dabei geschieht, auch zulässt. Diese Prinzipien sind übrigens die gleichen, die in unseren Träumen wirken. Das ist das Tolle am Laufen: Man kann quasi im Wacherleben träumen.

Aber das gilt nicht für jeden Lauf?
Keineswegs, das passiert nicht immer. Oft berichten Läufer davon, dass sie nicht mit sich klargekommen sind, keinen Rhythmus gefunden haben, zu schnell oder zu langsam gelaufen sind. Die Herstellung der Einheit von Ich und Welt ist eher das große Ziel beim Laufen, aber nicht der regelmäßige Normalfall.

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