Erkenntnis Nr. 5

Die Dehnungsdebatte

Pferde dehnen sich, Hunde dehnen sich - sollten es Menschen daher auch tun?

Dieter Baumann, der deutsche Rekordhalter über 5000 und 10 000 Meter, ist ein Mann, auf den man hören sollte. So einer hat immer recht. Jedenfalls fast immer. Einst wurde er bei einem Vortrag gefragt, was er denn vom Stretching für Läufer halte. Seine legendäre Antwort damals lautete: „Haben Sie schon mal ein Rennpferd stretchen sehen?“ Soll heißen: Natürlich tun Rennpferde das nicht und wir Läufer müssen es auch nicht tun. Aber jetzt mal Hand aufs Herz: Haben Sie schon mal ein Rennpferd stretchen sehen? Wenn Sie ehrlich sind, haben Sie doch noch nie ein Rennpferd vor dem Start beobachtet. Dieter Baumann vermutlich auch nicht. Denn tatsächlich dehnt sich das Pferd, zum Beispiel morgens nach der langen Nacht im Stall. Aber vielleicht haben Sie mal Ihre Katze oder Ihren Hund beobachtet, wie sie sich nach dem Ruhen strecken (Dehnung der Agonisten) und recken (Dehnung der Antagonisten)? „Die schnellen Raubtiere, wie der Gepard oder der Löwe, stretchen alle, täglich, bevor sie auf die Jagd gehen“, sagt der Biologe Fred G. Hinken, „daher ­ergibt es durchaus Sinn, dass auch der Mensch sich vor schnellen Läufen dehnt.“ Interessanterweise zeigen allerdings die aktuellsten Metastudien zum Thema Stretching, dass es keine Vorteile, aber auch keine Nachteile bringt. Hat Baumann doch recht? „Das muss jeder für sich selbst ausprobieren“, revidiert der Olympiasieger heute seinen Satz von damals. „Der Mehrzahl der Athleten tut es subjektiv sehr gut.“

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