Interview

Charakteristische Trainingspläne

Sowohl einen Ausgleich des Seelenlebens, als auch die Aufgabe der Ich-Welt-Differenz kann das Laufen erzeugen.

Können Sie für bestimmte Charaktertypen Trainingsempfehlungen geben?
Ja. Ein gesundes Seelenleben ist flexibel, ausgeglichen und nicht einseitig. Wenn ich in meinem Arbeitsleben sehr leistungs­orientiert bin, sollte ich das Laufen nutzen, um die Kehrseite zu entwickeln, es also gerade nicht leistungsorientiert angehen. Wer ansonsten eher ziellos lebt, sollte sich im Laufen Perspektiven schaffen, kann es also durchaus ambitioniert mit Trainingsplänen für konkrete Ziele angehen.

Sie haben auch eine interessante Interpretation des „inneren Schweinehunds“ zu bieten – nämlich als Wächter darüber, dass man sich nicht allzu häufig in einen Rauschzustand begibt.
Die Ich-Welt-Differenz, die wir in der Kindheit so langwierig gelernt haben, wird von uns nur ungern aufgegeben. Der innere Schweinehund hat die Funktion, dass wir uns nicht zu häufig der durch das Laufen verursachten Auflösung dieser Differenz und dem, was dabei hochkommen kann, hingeben. Das ist ja auch nicht immer angenehm. Manche Läufer spüren dabei zum Beispiel wieder die Schläge aus der Kindheit.

Bei Ihren Forschungen mit Marathon-Finishern sind Sie auf ein interessantes Paradoxon gestoßen: Viele bestreiten diesen Wettkampf, um sich selbst etwas zu beweisen – aber glücklich werden sie nur dann, wenn sie gleichsam fremde Hilfe erfahren haben. Können Sie das ­näher erläutern?
Das kann man nur verstehen, wenn man das ganze Phänomen im Blick hat. Wieso kommt eine Kultur auf die Idee, sonntags vormittags in ihren Städten die Distanz von 42,195 Kilo­metern zu zelebrieren? Wieso ist diese Idee so ein Erfolg? Zunächst setzt das eine Kultur voraus, der es gut geht. Wo Existenzfragen im Vordergrund stehen, gibt es kein Marathon-Phänomen dieser Art.
Was passiert bei einem Marathon? Man läuft sich mehr oder weniger unbewusst, aber systematisch in ein Leiden hinein. Am Anfang ist man noch sehr selbstbewusst, hat aber dennoch leise Zweifel, ob man es wohl schafft. So zwischen Kilometer 25 und 35 beginnt meistens das Leiden – körperlich, aber auch seelisch. Der Anfangszweifel wird auf einmal riesengroß. Man läuft bis zu einem Punkt, an dem es scheinbar nicht mehr weitergeht. Diejenigen, die es jetzt schaffen, von sich Abstand zu nehmen und sich auf etwas anderes einzulassen – auf die Samba-Trommeln, anfeuernde Zuschauer, ermunternde Plakate –, die erleben so etwas wie einen zweiten Frühling, ein befreites Weiterlaufen. Diese Läufer, die sich von außen unterstützen ließen, sind im Ziel die glücklichsten, während die, die sich verbissen mit sich selbst quälen, unzufrieden mit sich sind. Insofern kann man den Marathon in unse­rer Kultur auch als eine Prüfung für unsere aufgeblähten Egos sehen: Schaffst du es noch, dich auf etwas anderes einzu­lassen? Kannst du noch so etwas wie Demut leben?
Einen Marathon kann man auch als eine säkularisierte Passionsgeschichte sehen: leiden bis zur Selbstaufgabe, die zum Blick und Vertrauen auf etwas anderes führt.

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Fallbeispiel Depression