Treffen der Generationen

"Im Laufrock? Niemals!"

Drei Läuferinnen-Generationen im Interview: Christa Vahlensieck, Sonja Oberem und Christina Kröckert.

Wenn sich drei Generationen von Läuferinnen an einen Tisch setzen, gibt es viel zu erzählen und erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. Christa Vahlensieck, 60, Ex-Marathon-Weltrekordlerin, Sonja Oberem, 37, Bronze-Medaillen-Gewinnerin im Marathon bei den Europameisterschaften und Christina Kröckert, 20, Deutsche Jugendmeisterin über 3.000 m, trafen sich zum RUNNER’S WORLD-Interview in der Esprit-Arena in Düsseldorf.

RUNNER’S WORLD: Christa, wie kam man Mitte der 60er Jahre als Mädchen zum Laufen?

Christa Vahlensieck: „Die längsten Strecken waren 600 m, bei den Frauen 800 m, später 1.500 m, schließlich 3.000 m. Dass man als Frau Leichtathletik betrieb und da also mitlief, war ja so ungewöhnlich nicht. Nur längere Distanzen gab es eben nicht. So lief ich einfach immer die längsten Strecken, die angeboten wurden. Erst durch die Initiative des Arztes Dr. Ernst van Aaken kam auch der Marathon in mein Bewusstsein, das war allerdings ‚schon’ 1973. Van Aaken richtete in dem Jahr in Waldniel den ersten reinen Frauen-Marathon aus und lud mich dazu ein. Ich gewann in 2:59 h. Im Training war ich einmal vorher 25 km gelaufen, das war’s mit der Vorbereitung. Der erfahrene Marathonläufer Paul Angenvorth begleitete seine Frau Manuela und mich auf dem Rad und bremste uns unterwegs immer wieder ein. Wir hatten ja keine Ahnung von Strecken, die länger als 3.000 m waren. Ich lief die erste Hälfte damals neun Minuten langsamer als die zweite Hälfte.

Ein Jahr später brach ich beim zweiten Marathon in Waldniel nach ersten sehr schnellen 30 km aber ein und lief ‚nur’ 2:54 h und danach dachte ich: So, da muss man sich offensichtlich anders drauf vorbereiten. Ich begann anschließend sofort mehr Kilometer zu laufen. 140 pro Woche. Nur Dauerläufe. 5 Wochen später lief ich in Essen 2:42 h. Weltrekord.“

RW: Sonja, Du bist in den ersten großen Laufboom hineingeboren worden. Da fragte keiner mehr danach, ob Frauen Marathon laufen können, oder?

Sonja Oberem: „Zunächst wollte ich vor allem eines: zu Olympischen Spielen, das war im Triathlon damals noch nicht möglich. Und ja, als ich umstieg vom Triathlon auf den Marathon da war das die große Zeit einer Uta Pippig, Katrin Dörre. Marathons wurden schon stundenlang im Fernsehen übertragen, Menschenmassen säumten die Straßen. Die Läufe hatten sich in den Jahren vorher die Innenstädte erobert, die Zuschauer mussten nicht zu den Läufern kommen, sondern die Läufer kamen zu den Zuschauern.“

RW: Christina, Du hast mit dem Laufen in einer Zeit begonnen, wo es doch inzwischen offensichtlich viel ‚coolere’ Sportarten gibt?

Christina Kröckert: „Tatsächlich gibt es heute bei uns nur noch eine kleine Trainingsgruppe. Und wenn man Gleichaltrigen erzählt, dass man Langstreckenläuferin ist, gucken die doch meist sehr ungläubig, schütteln mit dem Kopf und sagen: ‚Wie kann man sich das nur antun?’ Ich bin schließlich auch nur zum Laufen gekommen, weil mein Vater und dann die Geschwister liefen.“

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