Genussmittel Nr. 1

Kaffee ist nicht immer empfehlenswert

Eine Studie rüttelt auf, denn Kaffee ist nicht immer und für jeden der richtige Muntermacher.

Einer der ersten Handgriffe in der morgendlichen Routine ist für viele Menschen das Einschalten der Kaffeemaschine. Für neunzig Prozent der Erwachsenen in Deutschland ist Kaffee sogar das Getränk Nr. 1, und im Durchschnitt trinken die Deutschen vier Tassen Kaffee pro Tag.

Die morgendliche Tasse Kaffee ist für viele schon zur Routine geworden.

Bild: Thomas Pieruschek / aboutpixel.de

Auch wenn diese tägliche Mengen unter Umständen kritisch zu betrachten ist, gilt Kaffee grundsätzlich als stimulierend für das Nervensystem: Wir fühlen uns nach einem starken Kaffee wacher und können uns besser konzentrieren. Auch für ein anstehendes Training fühlt sich so mancher Läufer energiegeladener. Darüber hinaus hat Kaffee einen hohen Gehalt an Antioxidantien und somit einen günstigen Einfluss auf das Risiko, an Diabetes und Herzleiden zu erkranken. Der Inhaltsstoff Koffein wurde auch als förderlich für den Fettstoffwechsel und als schmerzlindernd nach intensiven Belastungen erkannt.

Im vergangenen Jahr allerdings trieb eine Veröffentlichung vielen Kaffeeliebhabern unter den Läufern Sorgenfalten auf die Stirn. Im Resümee einer sportphysiologischen Studie wird festgestellt, dass Koffein die Leistungsfähigkeit im Gegensatz zur hergebrachten Auffassung behindere, weshalb die Verfasser vielerorts mit der Aufforderung zitiert wurden, keinen Kaffee mehr vor körperlichen Aktivitäten zu trinken. „Koffein ist nämlich möglicherweise gar nicht so harmlos, wie wir bisher glaubten“, gibt Dr. Philipp Kaufmann, Co-Autor der Studie und Professor für Kardiologie in der Schweiz, zu bedenken.

Müssen Kaffeefreunde sich wirklich Sorgen machen, auf lieb gewordene Gewohnheiten etwa ganz verzichten? Wir wollen in diesem Artikel einige Zusammenhänge zum Thema näher erläutern und damit auch etwas zur Beruhigung der Gemüter beitragen.

Kaufmann und Mitarbeiter hatten bei Untersuchungen an der Universitätsklinik Zürich festgestellt, dass 200 Milligramm Koffein, also etwa zwei Tassen Kaffee, den Blutfluss zum Herzen während des Trainings um etwa 22 Prozent verringerten. Bei Sportlern, die in einer Höhenkammer trainierten, erhöhte sich dieser Wert sogar auf 39 Prozent. Die Kammer nutzten die Wissenschaftler, um die Bedingungen von Arteriosklerose zu simulieren, da ein Höhenaufenthalt ähnlich wie dieses Leiden die Sauerstoffmenge, die zum Herzen gelangt, begrenzt.

Bei Ruhe, also ohne körperliche Belastung, wurde ein derartig eingeschränkter Blutfluss nicht festgestellt. „Wenn Energie verbraucht wird“, erklärt Dr. Kaufmann den Prozess, „erweitert eine Substanz namens Adenosin die Arterien, um einen stärkeren Blutfluss zu ermöglichen. Das Koffein blockiert nun die Wirkung von Adenosin teilweise.“ Der Wissenschaft ist dieser Zusammenhang seit langem bekannt, aber das Forscherteam in Zürich konnte ihn erstmalig in einem messbaren Ausmaß provozieren. Die Ergebnisse wurden im Januar 2006 im Journal of the American College of Cardiology veröffentlicht.

Da bei aeroben Aktivitäten ein verstärkter Blutfluss zum Herzen erforderlich ist, könnte man aus den Erkenntnissen der Züricher Forscher theoretisch ableiten, dass Koffein die sportliche Leistungsfähigkeit einschränke. Nun war die Studie jedoch nicht darauf angelegt, eine Leistungseinbuße oder auch -steigerung bei Sportlern nach Kaffeegenuss zu messen, sondern vielmehr zu untersuchen, wie Koffein den Blutfluss zum Herzen beeinflusst. „Bei Patienten mit Arteriosklerose sind die Blutflussreserven in der Regel bereits eingeschränkt“, stellt Dr. Kaufmann klar. „Eine weitere Reduzierung könnte für diese Menschen dann theoretisch ein Problem bedeuten. Ungeachtet dessen gehe ich aber davon aus, dass ein eingeschränkter Blutfluss beim Sport für niemanden als günstig anzusehen wäre.“

Kaffee kann die Leistung steigern

Bild: Jan Gropp / aboutpixel.de

Koffeinhaltiger Kaffee kann zu einer Leistungssteigerung führen.

Wie so oft bei Erkenntnissen und Hypothesen in der Ernährungswissenschaft schlug das Pendel dann jedoch wieder in die andere Richtung. In der Aprilausgabe 2006 des Journal of Sports Science wurden die Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, die eine positive Wirkung von Koffein auf die Leistung von männlichen Langstreckenläufern beschreibt.

Bei einer Gruppe von Kaffee trinkenden Läufern, die 1,5 Milligramm Koffein pro Pfund Körpergewicht zu sich nahmen (was bei einem siebzig Kilo schweren Mann etwa 0,35 Liter Kaffee entspricht), ließ sich in einem anschließenden 8-km-Lauf eine Leistungsverbesserung von durchschnittlich 1,2 Prozent messen. Nach Aussage der Leiterin der Studie, Dr. Michelle Jones von der englischen Edge Hill University, waren die Läufer dank der Wirkung des Koffeins in der Lage, mit höherer Intensität zu laufen, ohne stärker zu ermüden. In der Novemberausgabe der gleichen Zeitschrift wurden die Ergebnisse einer weiteren Koffein-Studie beschrieben, hier jedoch unter der Fragestellung, ob Koffein die Zeiten von Radsportlern bei einem Ein-Kilometer-Sprint (über etwa sechzig Sekunden) verbessern könne. Die Forscher konstatierten eine Leistungssteigerung um 3,1 Prozent gegenüber der Vergleichgruppe, die kein Koffein konsumiert hatte.

Ist Koffein also gut oder schlecht für uns? Es kann beides sein. Die Züricher Studie mahnt zur Vorsicht, kommentiert der amerikanische Kardiologe Dr. Bernard Clark deren Ergebnisse: „Menschen mit Arteriosklerose oder Risikogruppen für Herzkrankheiten sollten vor dem Laufen keine größeren Koffeinmengen Kaffee zu sich nehmen, zumindest sollten sie zuvor ihren Arzt konsultieren. Falls Sie ohnehin kein Kaffeefreund sind", so der Herzspezialist, „sollten Ihnen Studien, die einen positiven Zusammenhang zwischen Koffein und Leistung herstellen, andererseits auch kein Anlass sein, mit dem Kaffeetrinken zu beginnen."

Mit anderen Worten, genießen Sie weiterhin Ihren Café Latte, wenn Ihnen der Sinn danach steht. Trotz seiner oben beschriebenen Erkenntnisse in Bezug auf den Blutfluss sieht auch Dr. Kaufmann für gesunde Menschen kein Probleme. Außerdem: In 100 Jahren Forschung über die anregenden Eigenschaften des Kaffees kann die Wissenschaft nicht so falsch gelegen haben. „Wir wissen um die positive Wirkung des Koffeins in psychologischer wie auch physiologischer Hinsicht", unterstreicht auch Dr. Lawrence Armstrong, eine führender Koffein-Forscher an der University of Connecticut. „Schon geringe Mengen können da eine entscheidene Wirkung haben, insbesondere jenseits der 30-km-Marke in einem Marathon."

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