Margot Käßmann

Die laufende Bischöfin

Margot Käßmann ist Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ein Interview mit der Läuferin.

Die laufende Bischhöfin Margot Käßmann

Margot Käßmann: Seit 23 Jahren Läuferin, seit 10 Jahren Bischhöfin.

Bild: Frank Schinski

Hannovers Landesbischöfin Margot Käßmann ist neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche (EKD) in Deutschland. Die beliebte Bischöfin erhielt 132 von 142 Stimmen. Käßmann ist in der 64-jährigen Geschichte der EKD die erste Frau an der Spitze. „Im Vertrauen auf Gottes Hilfe nehme ich die Wahl an“, sagte Käßmann.


RUNNER'S WORLD sprach mit Margot Käßmann über ihr Hobby Laufen. Wir dokumentieren im folgenden das Interview, das im Septemberheft 2008 erschien.

RUNNER’S WORLD: Jeder Läufer kennt herausragende mentale Erfahrungen beim Laufen – sei es, dass einem die Ideen nur so zufliegen, sei es, dass man besonders gut entspannen und meditieren kann. Ab wann kann man von einem spirituellen Erlebnis sprechen?
Käßmann:
Spiritualität heißt für mich, eine Erfahrung mit Gott zu machen. Das ist möglich, indem Sie beim Laufen zum Beispiel über einen Bibelvers oder eine bibli­sche Geschichte nachdenken. Diese Erfahrung finde ich auch, wenn ich dabei das Gespräch mit Gott, das Gebet suche. Und schließlich gibt es den Ansatz der Mystiker, die ­sagen: Ein vorgegebener Rhythmus – die Schritte, das Atmen – hilft uns, loszulassen, innerlich frei zu werden, von dem was uns belastet. Auch das kann ein spirituelles Erlebnis sein. Insgesamt sind das drei unterschiedliche Kategorien von Spiritualität. Ich nutze sie alle.

Eignet sich das Laufen in besonderer Weise zum Gebet?
Mir geht das so. Das Auf-dem-Weg-Sein ist ja eine biblische Kategorie – denken Sie an den Aufbruch des Volkes Israel. Aber auch Jesus hat sehr viel unterwegs mit ­seinen Jüngerinnen und Jüngern geredet. Der He­brä­er-Brief kennt das „wandernde Gottesvolk“. Wie die Emmaus-Jünger, denen auf ihrem Weg der auferstandene Jesus erscheint, sind wir immer unterwegs, Gottes­begegnungen zu machen. Wegerfahrungen sind also gut biblisch fundiert. Das kann das Laufen, aber auch das Pilgern sein. Wir beobachten zurzeit, dass immer mehr Menschen gerade auf diese Weise loslassen können, was sie im Alltag festhält, und so mit oder über Gott ins Gespräch kommen. Ich denke, dass viele Menschen Gott in ­ihrem Alltag oft schlicht vergessen. Es ist immer irgendetwas im Vordergrund: Arbeit, Haushalt, Kinder, Freunde. Laufen und ­Pilgern schaffen Abstand.

In einem Ihrer Bücher nennen Sie Rou­tine und Disziplin als Voraussetzungen für einen langfristigen Beziehungsaufbau zum Beten. Das erinnert sehr ans Laufen.
Die Parallele finde ich interessant. Viele ­sagen ja, das Laufen bringt mir nichts, haben es allerdings nur halbherzig versucht und sind nicht dabeigeblieben. Beim Gebet ist das auch so. Da sagen manche: „Neulich habe ich mal gebetet, aber das hat nichts gebracht.“ Es gilt eben, sich in beides hineinzuarbeiten und den eigenen Rhythmus zu finden. Manchmal sage ich mir morgens: Ach, muss das Laufen heute sein, bei dem Wetter? Aber wenn ich erst mal zwei Kilometer gelaufen bin, bin ich froh darüber.

Viele Läufer haben vielleicht zuletzt in ihrer Kindheit gebetet. Was würden Sie jemandem empfehlen, der es wieder ­lernen will?
Eigentlich sollte es ein Gebetsbuch für ­Läufer geben. Solange wir das nicht haben, können wir einen Bibeltext zum Reflek­tieren mit auf den Weg nehmen. Es gibt zum Beispiel wunderbare Psalm-Worte – etwa den Schöpfungspsalm 104, der hervorragend zum Naturerlebnis passt. Für Einsteiger eignen sich auch die Seligpreisungen aus dem Mat­thäus-Evangelium, Kapitel 5. Es müssen ja nicht immer lange Gebete sein, Jesus hat das mit dem knappen Vaterunser ja sehr gut vorgemacht.

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