Himmlische Motivation

Die Läufer-Predigt zu Weihnachten

Zu Weihnachten dokumentieren wir die Predigt, die Pfarrer Klaus Feierabend vor dem Berlin-Marathon hielt.

Die Läufer-Predigt

Das Feld der knapp 40.000 Läufer kurz nach dem Start des Berlin-Marathons.

Bild: photorun.net

Die nachfolgende Predigt hielt Pfarrer Klaus Feierabend, der als früherer Marathonläufer 21 Mal den Berlin-Marathon absolvierte, im September:

Liebe erwartungsvolle Freunde!

Erwartungsvoll, das seid ihr ja gewiss wieder, heute Abend hier in der Blauen Kirche, zur Ökumenischen Abendandacht vor dem 36. Berlin-Marathon. Diesen schönen und heiteren Gottesdienst gibt es seit 1985, nun also das 25. Mal! Horst Milde, der Vater des inzwischen weltberühmten Laufes der Weltklasse, der immer stärker auch ein Volkslauf geworden ist, er, sein erster Renn-Direktor, ist auch der Initiator der Ökumenischen Abendandacht.

Damals, vor 25 Jahren, war der im Mai stattfindende Frankfurt-Marathon jedesmal für Berlin ein Ansporn für die eigene Spitzenleistung auf allen Gebieten, nicht nur bei den Bestzeiten der Sieger, auch was das Angebot für die Teilnehmer und seine Akzeptanz bei ihnen betraf. Frankfurt hatte heuer einen Gottesdienst? Den wollen wir auch! So geschah es: Knut Soppa, Pfarrer in dieser Gemeinde, hielt die erste Predigt, über den Psalm 121, vom „Fuß, den ER nicht gleiten lassen möge...!"

Wunderbar, wie geschaffen für die gefahrvoll Laufenden, die, wenn auch gut vorbereitet, sich nicht des Erfolges sicher sein konnten. Diese Tatsache wird uns allen in jedem weiteren Laufjahr immer klarer. Nach 1985 habe ich, mit einer Ausnahme, bis heute hier die Predigt halten dürfen, nun also die dreiundzwanzigste. Diese Angabe ist eher nicht beifallsträchtig, sondern Ausdruck einer staunenden Erinnerung an lauter Wunder. Eine erwartungsvolle, sogar neugierige, heitere Gemeinde ist das Wunder, stets von Neuem. So seid ihr! Ihr seid das Wunder, zumindest für mich, den alt gewordenen Prediger.

„Sie sind aber alt geworden, seit Sie hier wohnen“, sagte die über 80 Jahre alte Nachbarin zu mir, als sie an meinem Hausgarten in der Waldsiedlung Spandau vorbeiwackelte. Ich antwortete per göttlicher Eingebung: „Sie nicht! Sie sahen damals schon genau so aus wie heute."

Damals, das war vor neun Jahren. Da musste ich meine Laufserie von 21 Teilnahmen in Folge am Berlin-Marathon unterbrechen. Im Jahr darauf dann die zweiundzwanzigste, es blieb die letzte. Das ist eine erzählenswerte Geschichte, die ich aber für mich behalte, wortkarg, wie ich bin und ohne jedes Selbstmitleid. Meine älteste Tochter Almut wusste das anders einzuschätzen, schon im zarten Kindesalter. Als ich wegen einer Fußverletzung kaum gehen konnte und laufen schon gar nicht, allen Kummer jedoch für mich behielt, klingelte beim Mittagessen das Telefon, ich humpelte hin.

Da sagte die Dreijährige: „Jetzt erzählt er wieder von sein' Aua."

Das war vor 43 Jahren. Die Enkelkinder inzwischen durchschauen mich genau so präzise wie ihre Mutter damals. „Lass doch den Quatsch, Opa", meinten sie brutal sorglos, als ich vor sechs Jahren das endgültige Aus von Ärztemund zu hören bekam und außer mir war. Die ganze Familie fand folgenden Ärztespruch gut:

„Keine 42 km mehr, bestenfalls 'ne Predigt darüber, aber nicht über 15 Minuten, Herr Pfarrer!"

Dies alles vergessend, redete ich mir vor einem Jahr hier, in der Blauen Kirche, das Blaue vom Himmel herunter, als ich einen nochmaligen einmaligen Marathonversuch für's nächste Jahr ankündigte. Ihr erinnert euch, falls ihr dabei waret. Ich kann es gar nicht oft genug wiederholen: TORHEIT SCHÜTZT VOR ALTER NICHT! Mit anderen Worten: Auch die Doofen bleiben nicht ewig jung!

Als meine wunderbare Frau F. mir zart bedeutete, ich sei doch langsam zu alt für den netten Unsinn, dachte ich: „Nein“, dachte ich, „auch sie!“ Inzwischen singe ich ihr auf dem Grabbänklein aus Stein und Holz fast täglich die Lieder, die sie mir sang und bin dort mit ihr verabredet.

Bild: Claus Dahms

Morgen gibt's in den Ev. Gemeinden offiziell den Predigttext aus Matthäus 6 zu hören, einem Teilstück der berühmten Bergpredigt Jesu. Ich lese mal vor und zwar aus der Lutherbibel.

Der Wortlaut wird vielen von euch vertraut sein, wie eine sonnige Erinnerung aus ferner Zeit:

25. Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? 26. Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? 27. Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? 28. Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Felde an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.

29. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist, wie eine von ihnen. 30. Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? 31. Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? 32. Nach all dem trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. 33. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. 34. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Mit diesen Bibelworten hat es eine wundersame Bewandtnis, jedenfalls geht es mir so mit ihnen: Ich kann mir gut vorstellen, dass sie tatsächlich aus Jesu Mund stammen. Nicht, dass ich das behaupte; dazu erscheint mir die verwickelte Geschichte der sog. Bergpredigt zu undurchdringbar. Man weiß längst, dass es sich um ein Kompendium verschiedener Reden Jesu handelt, oder sogar überarbeiteter und verfremdeter Reden Jesu. Ich aber, ich meine Jesus selbst zu hören. So könnte er gesprochen haben, ich vernehme seinen Herzton, dessen Frequenz ist mir vertraut.

Für's Verstehen dieser Worte ist es mir egal, ob sie wortwörtlich zu nehmen sind, fundamentalistisch sozusagen, oder im übertragenen Sinn, bildlich also, allegorisch nennt man das in der Theologie: liberal sozusagen. Ich vertraue ihnen einfach. Ich sauge mein tiefstes Vertrauen aus ihren Zitzen. Das ist ein Bild, das Luther benutzt hat, ich tue das jetzt auch. Ich mache das so, wie die Sieben Geisslein es hätten machen müssen, um die Stimme der Mutter untrüglich unterscheiden zu können von der Stimmverfälschung durch den Wolf. Die Stimme der Mutter ist untrüglich.

Sie reicht weit in die Vergangenheit zurück. Für uns alle, die wir mal Kinder waren und Enkelkinder gewesen sind oder die wir inzwischen unsere Kinder und Enkel oder die der anderen beobachten und sehen, was da los ist, was da mit ihnen geschieht: Eine Flüsterflut murmelnder Wortkaskaden an den Kinderohren wird immer wieder zur tief im Herzen schlummernden Urerinnerung. Und es ergibt sich dabei immer wieder ein Erkennen, denn die Herztonfrequenz ist unverwechselbar.
Ein bestimmtes Wort, ein Halbsatz, eine Liedzeile bleibt aufbewahrt und gehört zur Quelle der jetzt benötigten Lebenskraft. Seht, so vernehmen wir beim Hören auf dieses leise und eindringliche Bibelgeraune die Urmutterstimme, die Stimme Gottes: „ICH BIN IMMER BEI DIR, HAB KEINE ANGST, ICH BIN IMMER DA!"

Hier, bei diesen überlieferten Jesusworten, höre ich sie und bin beruhigt. Das meint: Nicht bequatscht worden bin ich, sondern beruhigt, zur wirklichen inneren Ruhe gebracht, in der die Sorgen, die mich zerstören, zerstört sind.

Diese innere Ruhe wünsche ich auch DIR. Erbitte du sie dir! So wirst du morgen laufen können, und es wird dir das alles zufallen. Lauf!

AMEN.

Pfarrer Klaus Feierabend

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