Kommentar

Das Problem liegt anderswo

Zwei Stadt-Marathons am gleichen Tag – zum einen ist dies Ausdruck dafür, dass der Lauf- bzw. Marathonmarkt gesund ist, andererseits ist es schade, dass sich zwei große Stadt-Marathons gegenseitig die mediale Aufmerksamkeit wegnehmen. Zu diesem Schluss könnte man gelangen, wenn man das Thema aus der Ferne betrachtet. Schaut man sich die Sachlage etwas genauer an, ändert sich die Argumentationslage.

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Thomas Steffens, Chefredakteur von Runner's World

Bild: Runner's World

Ob die beiden Marathons in Köln und München nun terminlich ein oder zwei Wochen auseinanderliegen (oder eben am gleichen Tag stattfinden), ändert wenig daran, dass sie sich eigentlich nicht berühren. Topläufer entscheiden sich bei einer derartigen Terminlage sowieso für den einen oder den anderen, auch wenn zwei Marathon-Veranstaltungen drei bis vier Wochen auseinander liegen. Unter Freizeitläufern gibt es zwar welche, die innerhalb von einer oder zwei Wochen zwei Marathons laufen, doch sie sind kein Faktor, wenn es um die Frage geht, ob der eine dem anderen Marathon Teilnehmer wegnimmt. Beide Städte liegen ausreichend weit auseinander und ihre Einzugsgebiete sind groß genug, eigene Teilnehmerfelder anzuziehen.

Wertlose Marathon-Meisterschaft?
Nicht unkommentiert stehen lassen will ich jedoch die Art der Auseinandersetzung seitens der Presse mit dem Thema, wie wertvoll denn nun Deutsche Marathon-Meisterschaften in München sind, wenn dort kein Pfennig Start- oder Preisgeld gezahlt wird und die Leistungen kein internationales Niveau repräsentieren. Die Süddeutsche Zeitung bemängelt beispielsweise den „fehlenden Nachrichtenwert“ (SZ-Sport 9.10.) bei diesen Meisterschaften. Damit ist wohl gemeint, dass es keine klingenden Namen gab, die eine entsprechende Berichterstattung gerechtfertigt hätten. Bei den Frauen mag das wohl stimmen, da liefen die beiden besten deutschen Frauen in Köln. Eine gab schon nach sieben Kilometern auf. (Ulrike Maisch ging wohl nur der Form halber bzw. dem Veranstalter zuliebe bzw. des Antrittsgeldes wegen an den Start; warum sonst läuft man trotz eines angeblichen Problems am Fuß los und hört gleich wieder auf?)

Bei den Männern stellt sich die Situation anders dar, und dazu hätte das ein oder andere Medium ruhig einmal ein paar Sätze verwenden können, um der Sachlage gerecht zu werden. Die stellt sich nun einmal so dar, dass es bei den deutschen Marathonläufern männlichen Geschlechts derzeit derart mau aussieht, dass man schon froh ist, wenn einer unter 2:20 läuft. So gesehen repräsentierten die Münchner Meisterschaften nichts weiter als die Realität in diesem Segment der Leichtathletik in Deutschland. Und der neue Marathon-Meister Matthias Körner repräsentiert nun einmal die deutsche Marathon-Spitze (4. Platz in der deutschen Bestenliste 2006), das ist Fakt, denn viele, die schneller sind als er gibt es nicht. Kleiner Vergleich am Rande: Der schnellste Deutsche in Köln lief übrigens 2:31 Stunden (Siegerzeit 2:11) , beim Berlin-Marathon 2:30 (Siegerzeit 2:05).

Was die Frauen angeht oder den ein oder anderen Mann, der fehlte, weil er z.B. am Baldeneysee läuft oder Ende Oktober in Frankfurt oder sonst wo startet: war es nicht schon immer so, dass Deutschen Marathonmeisterschaften nicht alle besten am Start vereinten? Wer sich zehn oder zwanzig (oder gar dreißig oder vierzig) Jahre zurückerinnert (oder mal in den Statistiken und Ergebnislisten nachblättert), erkennt schnell, dass schon immer gejammert wurde. Allerdings beklagte man sich damals auf höherem Niveau, und gerade deshalb erscheint es mir heute umso verwunderlicher, wenn solche Klagen erschallen.

Das Dilemma der Berichterstattung
Die Süddeutsche Zeitung ist in ihrer Berichterstattung (im Vorfeld und danach) ein Paradebeispiel für das Dilemma solcher Zeitungsformate: da sind über 10000 Menschen unterwegs auf Münchens Straßen und demonstrieren gewissermaßen für eine gewisse Form des Freizeitsports und die Redaktion findet keinen Weg, dieses Ereignis irgendwo einzuordnen. Dafür wurde am 9.10. neben dem Marathonbericht in der Abteilung Lokalsport über den Nordic Walking Day des Deutschen Leichtathleik-Verbandes berichtet, einer reinen Gesundheitssport-Veranstaltung also, die am Vortag des Marathons ganze 500 Menschen in ihren Bann zog. So viele Teilnehmer hatten am letzten Wochenende (geschätzt) mindestens 30 Laufveranstaltungen in Deutschland. Soviel zur Verhältnismäßigkeit in der Berichterstattung. Interessanter wäre gewesen, mal nachzuhaken, was den DLV treibt, zu dieser Veranstaltung im Vorfeld mindestens sechs Pressemeldungen zu verschicken, zur Marathon-DM in München gerade eine, zwei Tage vor dem Lauf.

Das Problem liegt wohl hauptsächlich darin begründet, dass man seitens der Zeitung kein Format findet, diese Sportveranstaltung darzustellen. Sportjournalisten können das offensichtlich nicht, weil sie auf Hochleistungssport (also Topläufer) fixiert sind, und wenn die fehlen (wie in München), wird über die Lage an der Versorgungsfront berichtet (30000 Bananen, 60000 Wasserbecher usw.), fürwahr Meldungen von unschätzbarem Nachrichtenwert.

Der WDR zeigt seit der Premiere des Köln-Marathons 1997, wie´s geht: die Hauptpersonen solcher Veranstaltungen sind die Läuferinnen und Läufer (sowie die Zuschauer), und an die geht man ran, hautnah. Das kann eine Zeitung auch, anders eben, aber dann gehört der Beitrag in den Lokalteil und nicht in den Sportteil. Eben jener Lokalteil der SZ enthielt weder am Freitag noch am Samstag vor dem Marathon auch nur einen Hinweis darauf, dass am Sonntag zwischen zehn und vier größere Straßenabschnitte in der Millionenstadt gesperrt sind. In anderen Städten bzw. bei anderen Zeitungen ist dies eine Selbstverständlichkeit.