Dieter Baumann

Zeitsprung im Knast

Beim Staffelhalbmarathon in der JVA begleitet Dieter Baumann "seine Jungs" und fühlt sich wie bei Olympia.

Staffelmarathon in der JVA Hahnöfersand

Durch Zäune und Stacheldraht lässt sich hier niemand die Lauf-Lust verderben.

Bild: JVA Hahnöfersand

Lauf der Woche
Freitag, 04. Juni 2010
Hahnöfersand (Jugendstrafanstalt)
Halbmarathon – locker (fast immer)


In der letzten Woche war ich in der JVA Hahnöfersand. Dort fand ein Halbmarathon statt. Fünf Jugendliche liefen in einem Staffelrennen Halbmarathon. 13 Haftanstalten am Start und zur Unterstützung lief ich mit – natürlich 21 Kilometer am Stück. Ein Long-Jog.

Die Jungs der Musik AG des Knastes legten ACDC auf. „Highway to Hell”, später dann “Hells Bells”. Wahnsinn, kann ich nur sagen. Warum hat man das nicht zu meiner Zeit im Stadion gemacht? Es lief vom ersten Meter rund, die Sonne schien, die Stimmung – im Knast wohlgemerkt – perfekt. Die Runde führte hinter einem Zellengebäude entlang und immer, wenn die Heimmannschaft dort vorbei kam, war das Geschrei der Kollegen an den vergitterten Fenstern groß. Absoluter Heimvorteil und doch hatten sie auch für mich – „wer ist denn der Alte dort“? – Beifall übrig. Danke.

Das Wachpersonal hat Spaß an seiner neuen Aufgabe: Runden zählen.

Bild: JVA Hahnöfersand

Nach jedem Staffelwechsel wurde das Tempo unruhig. Mal zog einer der Jungs wie wild an, dann, nach zwei Runden war das Pulver verschossen und das Tempo nahm rapide ab. Mal lief ich mit einem Jungen, der während seiner Haftstrafe von 155 Kilo auf 95 Kilo abgenommen hatte. Er war nicht einer der besten Läufer seiner Anstalt, doch, so wurde mir versichert, einer der fleißigsten. 60 Kilogramm abnehmen, welch eine Leistung. So war es ein ständiger Wechsel von Tempo und Mitläufer.

Als die letzten Staffelläufer auf der Runde waren, wurde es ernst. (Die besten Läufer kommen immer zum Schluss.) Sie zogen das Tempo an. Neben mir lief ein schmächtiger Junge. Dunkle Augen, dunkle Haare. Ein leichter Laufschritt. Plötzlich, wir waren gerade um die Ecke des Zellengebäudes gebogen, da wartet ein Mannschaftskollege auf ihn, lief einige Schritte mit, schüttete ihm Wasser über den Kopf und rief mit lauter Stimme: „Jalla! Jalla!“

Dieter Baumann

Bild: JVA Hahnöfersand

Dieter Baumann ist nach seinem Ausflug in die Vergangenheit hochzufrieden.

Von einer zur nächsten Sekunde befand ich mich nicht mehr im Knast, mit einem Male war ich mitten im Stadion. „Jalla! Jalla!“ - genau mit diesen zwei Worten feuerten sich die marokkanischen Läufer in einem Rennen gegenseitig an. „Jalla! Jalla!“ - und schon beschleunigten sie ihre Schritte, brachten sich für den Schlussspurt in Position. Auch für mich wurde dieser Ausruf im Lauf der Jahre zu einer Art Signalwirkung. Jalla! Jalla!“ – jetzt auch im Knast.

Wie in einer Zeitschleife war ich zurückversetzt, nur kurz, für wenige Sekunden. Ich beschleunigte meine Schritte, hörte die Zuschauer toben, vor mir Khalid Skah, hinter mir Paul Bitok aus Kenia. Dann war ich wieder in Hahnöfersand, ein Jugendlicher, der mit leichtem Schritt vor mir lief, neben mir der Stacheldraht, dahinter der Wachmann. Doch für diese Zeitschleife, für diese wunderschönen Sekunden war es der Lauf der Woche.

Dieter Baumann: Lauf der Woche:

Der Angeber auf dem Fahrrad