Herausragende Marathonläufer

Wilson Kipsang hat London im Visier

2011 gewann Wilson Kipsang den Frankfurt-Marathon in 2:03:42 Stunden, 2012 sind die Olympischen Spiele sein großes Ziel. Ein Portrait des Kenianers.

Wilson Kipsang

Wilson Kipsang.

Bild: photorun.net

Die Fotos seines Zieldurchlaufes in der Frankfurter Festhalle sprechen eine deutliche Sprache: Zunächst machte Wilson Kipsang ein enttäuschtes, verärgertes Gesicht, doch kurz danach über wog die Freude über eine außerordentliche Leistung. Der Kenianer hatte beim BMW Frankfurt-Marathon im vergangenen Oktober den Marathon-Weltrekord seines Landsmannes Patrick Makau (2:03:38 Stunden) um lediglich vier Sekunden verpasst. In 2:03:42 war Wilson Kipsang ins Ziel gestürmt. Es war Pech, dass er die Bestzeit an diesem Tag nicht gebrochen hatte. Aber es war nicht einmal die knappste Weltrekordjagd in der Marathon-Geschichte. 1985 hatte der Brite Steve Jones in Chicago die ein halbes Jahr zuvor in Rotterdam von Carlos Lopes (Portugal/2:07:12) aufgestellte Bestmarke um lediglich eine Sekunde verpasst.

„Es ist immer gut, gegen starke Konkurrenz zu laufen. Wenn man dann ein so hochklassig besetztes Rennen gewinnt, gibt das viel Selbstvertrauen“, erklärte Wilson Kipsang und fügte hinzu: „Mein nächstes großes Ziel sind die Olympischen Spiele in London im nächsten Sommer.“ Trotz der famosen Zeit von Frankfurt hat der kenianische Verband Wilson Kipsang noch nicht nominiert. Er gehört aber zu einem halben Dutzend vornominierter Athleten. So stark ist die kenianische Konkurrenz, dass der Verband sich erst nach dem Marathon-Frühjahr festlegen möchte. Daher wird Wilson Kipsang am 22. April in London starten. Dort trifft er unter anderen auf den Weltrekordler Patrick Makau.

Bereits 2010 hatte Wilson Kipsang in Frankfurt für Furore gesorgt: Damals war es das Ziel des Kenianers, den Streckenrekord von 2:06:14 Stunden zu unterbieten. Das schaffte er auf eindrucksvolle Art und Weise – mit einer Steigerung auf 2:04:57. „Ich war zuversichtlich, denn ich hatte sehr hart trainiert. Ich wusste, dass ich alles gemacht hatte, um hier zum Erfolg zu kommen“, erklärte Wilson Kipsang damals und erläuterte weiter: „Das ist wie bei einer Schulprüfung – wenn Du erst in der Nacht davor anfängst zu üben, ist es zu spät. Du musst Dich gut vorbereiten, dann kannst Du auch zuversichtlich sein.“

Wöchentliche Trainings-Kilometerleistungen zwischen 140 und 200 bilden die Grundlage für den Erfolg von Wilson Kipsang, der in Iten lebt und dort in einer Gruppe mit anderen Topläufern trainiert. Darunter sind Wilson Chebet (er gewann 2011 den Rotterdam-Marathon in 2:05:27 und startet ebenfalls am 22. April in London) und gelegentlich auch Patrick Makau. Einen festen Trainer hat Wilson Kipsang nicht. „Wir stellen uns unser Trainingsprogramm selber zusammen. Entscheidend ist dann, dass wir das Programm auch stringent befolgen. Wenn wir das tun, brauchen wir nicht unbedingt einen Trainer“, erklärt Wilson Kipsang, der im Vorfeld seiner Steigerung auf 2:03:42 Stunden das Trainingsprogramm etwas verändert hatte: „Ich habe vor dem Frankfurt-Marathon 2011 mehr Qualität trainiert als noch im Jahr zuvor.“ Das heißt, er ist vor allem mehr schnellere Einheiten gelaufen.

Wilson Kipsang ist rund 50 km von Iten als Kind einer Farmerfamilie aufgewachsen. Iten ist ein Zentrum für kenianische Weltklasseläufer. Doch im Gegensatz zu dem hoch liegenden Ort wuchs Kipsang in seiner Kindheit im Tal auf und profitierte in dieser Zeit nicht von der leistungsfördernden Höhenluft. Er ist als Kind auch nicht weit gelaufen. „Ich habe erst in der Oberschule bei Wettkämpfen gemerkt, dass ich Talent habe“, erzählt Wilson Kipsang.

Doch es dauerte noch einige Jahre, bevor der Kenianer mit richtigem Training begann. Nach der Schule arbeitete er zunächst als Zwischenhändler von Farm-Produkten. „Doch nach drei Jahren wollte ich das nicht mehr machen“, erzählt Wilson Kipsang, der dann in Iten mit dem Lauftraining begann. „Ich war damals 21 Jahre alt und wollte es mit dem Laufsport versuchen. Ich kannte andere Läufer, die in Iten trainierten.“ Es war damals das Jahr 2003 und Paul Tergat brach in Berlin den Marathon-Weltrekord. „Das war eine große Motivation für mich und für viele kenianische Läufer. Ich habe das Rennen damals im Fernsehen gesehen und sah, dass Laufen ein wirklich toller Sport ist und man davon auch leben kann. Zudem hat mich Paul Tergats Werdegang inspiriert“, sagt Wilson Kipsang, der allerdings Glück hatte, um vor einigen Jahren überhaupt erst in die Lage zu kommen, bei großen Straßenrennen außerhalb Kenias an den Start zu gehen.

Bei kenianischen Läufen hatte Wilson Kipsang bald Erfolg. Doch er hatte keinen Manager. Über Trainingspartner lernte er dann den Holländer Gerard van de Veen kennen. Mit etwas Glück bekam er die Chance, sein Talent bei einem Rennen in Europa unter Beweis zu stellen. Ein für den Jever Fun-Lauf im norddeutschen Schortens verpflichteter Kenianer fiel 2007 verletzt aus und so schickte van de Veen kurzfristig Wilson Kipsang in das 10-Meilen-Rennen. Ein anderer Athlet des Holländers hatte ihm gesagt, dass Kipsang gut in Form sei. „Ich hatte Glück und habe meine Chance genutzt.“ Kipsang gewann das Rennen, brach einen alten Streckenrekord und stellte auch noch eine Jahresweltbestzeit auf – das war sein Durchbruch. „Ich erinnere mich noch gut, dass ich ein riesiges, gefülltes Bierglas erhielt“, erzählt Wilson Kipsang, der einen Teil seiner erlaufenen, stattlichen Prämien und Startgelder in Kenia in den Bau von Häusern investiert.

Einmal startete Wilson Kipsang bisher bei einer großen interkontinentalen Meisterschaft für Kenia. 2009 verpasste er bei den Halbmarathon-Weltmeisterschaften in Birmingham die Bronzemedaille nur um acht Sekunden. Er wurde Vierter in 60:08 Minuten. Auch über die Halbmarathondistanz gehört er zu den schnellsten Läufern aller Zeiten: Mit seiner imposanten Bestzeit von 58:59 Minuten, die er 2009 als Zweiter des Rennens von Ras Al Khaimah (Vereinigte Arabische Emirate) aufstellte, ist er der siebtschnellste Läufer aller Zeiten. Doch der Marathon ist die Zukunft für Wilson Kipsang.

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Bildergalerie: BMW Frankfurt Marathon 2011
Foto: Norbert Wilhelmi