Waldemar Cierpinski über das Verhältnis zu Westdeutschland

Es gab nur wenige Gelegenheiten, um mit den Sportlern aus Westdeutschland in Kontakt zu treten.

Interview Cierpinski

Waldemar Cierpinski in seinem Büro.

Bild: Urs Weber

RUNNER’S WORLD: Wie war in Ihrer aktiven Zeit der Kontakt zu den Sportlern in Westdeutschland?
Es gab eigentlich nur wenige Gelegenheiten, wo man sich traf. Und dann war das vielleicht mal bei Wettkämpfen im Ausland, etwa in Japan, da hatte man mal die Gelegenheit, mit dem ein oder anderen zusammenzukommen. Dann bildeten wir eine Gruppe, was offiziell schon wieder nicht sein durfte. Aber man hat sich sportlich und fair gegenseitig unterstützt.

RUNNER’S WORLD: War der Kontakt zu westdeutschen Läufern unerwünscht?
Das Problem für uns war, dass wir als Sportler eigentlich keinen Kontakt pflegen durften. Ich musste eine Versicherung unterschreiben, die der Sportclub von mir abverlangt hat. Zu der Zeit, als ich in den Sportdienst eintrat, gab es eine Abteilung namens „Allseitige Ausbildung“ und die hat einem eine Verpflichtung mehr oder weniger diktiert. Die musste jeder selbst aufsetzen und unterschreiben. Im stillen Kämmerlein hat man mich dann aufgeklärt, dass das im DDR-Sport verpflichtend ist, dass ich West-Besucher zu melden habe. Die wussten natürlich, dass ich noch einen Onkel und eine Tante in den alten Bundesländern hatte, die uns besuchen kamen.

Mir wurde gesagt, dass ich jeden Kontakt, den ich ins kapitalistische Ausland habe, über meinen Trainer oder direkt über den Sportclub zu melden habe. Das hat nichts mit der Staatssicherheit zu tun gehabt, wie das fälschlich immer gern dargestellt wird, sondern das war ganz einfach eine Festlegung, die jeder Sportler zu der Zeit auferlegt bekam. Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre hat sich das allerdings deutlich gelockert, da interessierte es nur noch Wenige und es gab nicht mehr die großen Probleme. Aber ich habe erlebt, dass mancher Trainer dort nun versehentlich oder aus anderen, nichtigen Gründen, der Meldepflicht nicht nachkam, und dass es dann richtig Ärger gab.

Eigenartigerweise: Wenn man es gemeldet hatte, ist nichts passiert. Daran hatte man sich dann so gewöhnt. Für mich hieß das: Wenn mein Onkel kam, sind wir dann natürlich zu meinen Eltern gefahren und haben meinen Onkel begrüßt. Und am nächsten Tag habe ich das meinem Trainer gemeldet, er stellte es durch und dann war alles Friede, Freude, Eierkuchen. Und natürlich ging es mir anfangs auch wie anderen DDR-Bürgern: Ich habe in der ersten Zeit gar nicht darüber nachgedacht, weshalb ich nicht in die alten Bundesländer fahren durfte.

RUNNER’S WORLD: Gab es denn Laufauftritte von Ihnen in West-Deutschland?
Ich hatte nur ganz wenige Anlässe. Ich durfte einmal beim 25-km-Lauf in Westberlin starten, ich durfte zum Fest der kommunistischen Partei Österreichs auf den Prater fahren und durfte am Dortmunder Friedenslauf teilnehmen. Zu solchen Sachen haben sie mich gelassen, aber zu Wettkämpfen durfte ich nicht.

RUNNER’S WORLD: Also war der Austausch mit Westdeutschen Läufern auch da gering?
Die Offiziellen in der DDR hatten wohl Angst, dass man sich dann irgendwie verselbstständigt. Wobei ich eigentlich immer gesagt habe, dass ich hier eine große Familie habe, ich habe schließlich sechs Geschwister. Das Zusammensein mit meiner Familie war mir dann wichtiger, als irgendetwas anderes zu erleben.

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