Marvin Running

Sirenengesang der Steine

Normalerweise erinnert man sich besonders lebhaft an seine längste Laufstrecke. Hier ist zur Abwechslung mal unsere engste.

Marvin Running – Sirenengesang der Steine

Ohne Laufschuh macht doch diese ausgewaschene Schlucht im roten Fels gar nichts her.

Bild: Marvin Running

In Utah, unmittelbar südöstlich des Örtchens Escalanate zweigt die Hole-in-the-Rock-Road von der US 12 ab. Weil sie nicht asphaltiert ist, lässt man an dieser Stelle bereits die Mehrzahl der Touristen hinter sich.

Es ist Ende Mai, etwa 35 Grad Celsius. Vom tiefblauen Himmel herunter sengt die Mittagssonne auf den roten Slickrock.

Unser Tacho steht bei 26,3 Meilen Hole-in-the-Rock, als links eine sandige Piste abzweigt, die sich von dem Gelände rechts und links nur dadurch unterscheidet, dass etwas weniger Wüstengras darauf wächst. Unnötig zu erwähnen, dass es keinerlei Hinweisschilder gibt.

Die Piste endet auf einem Plateau, das wie eine kleine Halbinsel in ein Tal voller Sand und Stein hineinragt. Kein Schild. Kein Auto. Kein Mensch. Und kein Laut.

Hier beginnt der Pfad zu einem Slot Canyon namens Spooky Gulch, einer schmal ausgewaschenen Schlucht im roten Fels. Der Weg führt durch ein verzweigtes Canyonsystem. Anfangs über Fels und später, auf dem Grund des Systems, durch tiefen Sand.

Wir laufen los. Es ist fast windstill, heiß und trocken. Escalante serviert seine Luft wie ein versierter Sternekoch: Direkt, natürlich, voller exotischer Aromen, mit einem belebenden Abgang. Dabei atmet sie sich so zeitlos und edel, als könne sie Michelangelos David Leben einhauchen.

Wir schwitzen wie in einer Sauna, trotzdem ist unser Shirt kaum feucht, weil bei dieser Trockenheit alles sofort verdunstet. Wie viel Wasser haben wir wohl schon verloren?

Nach vielen Kurven, viel Sand und viel Fels stehen wir schließlich vor Spooky Gulch.

Um uns ist es unglaublich still.

Vor uns ist es einfach nur unglaublich.

Ein ausgewaschener Spalt klafft im Sandstein. Seine senkrechten Wände sind so weich und kurvig wie der Rücken der Venus von Milo und so farbig wie der kitschigste aller Sonnenuntergänge.

Herrchen ist sprachlos. Seine Antennen für Sinneseindrücke knistern in einem Sturm von Signalen. Mit den Händen streicht er über den glatten, warmen Stein. Seine Blicke klettern die Wände empor bis zu dem schmalen Spalt ganz oben, von wo aus das Sonnenlicht in die Schlucht sickert.

Kein Auto, kein Fahrrad wird es je bis hierher schaffen.

»Es gibt Dinge«, sagt Herrchen, »die sind nur Läufern vorbehalten…«

Ich seufze. Und nehme mal an, dass er damit nicht das Patellaspitzensyndrom meint.

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