Siegertyp

Schwierigkeiten als Herausforderungen

In den USA sah sich Lagat einer vollkommen neuen Kultur gegenüber. Trainer James Li glaubte an ihn.

Bernard Lagat James Li

Ein perfektes Team: Auch nach 14 Jahren Zusammenarbeit haben Bernard Lagat und sein Coach James Li noch gemeinsame Pläne.

Bild: Michael Darter

Beim Dauerlauf in Tübingen oder im Finale eines großen Rennens ist Bernard Lagat nicht zu übersehen, und zwar nicht wegen seiner Körpergröße, sondern aufgrund seines unvergleichlichen Laufstils. „Es gibt keinen anderen Mittel- oder Langstreckler auf der Welt, der so sauber läuft wie er“, sagt anerkennend Hicham El Guerrouj. In der Szene weiß jeder, dass dies das Ergebnis jahrelanger Arbeit mit einem ist, der eben darauf sehr viel Wert legt: James Li.

Li, 1961 in China geboren und 1989 als Trainer in die USA emigriert, hatte nie zuvor einen Weltklasse-Mittelstreckler trainiert. Jetzt traf er auf einen „zurückhaltenden jungen Mann im Alter von 21 Jahren, der aus der Geborgenheit der elterlichen Farm in die ihm völlig fremde Welt der amerikanischen Universität geworfen wurde und sich an das kalte Klima, die amerikanische Kultur, die Anforderungen des Studiums und eines ganz neuen Trainingskonzepts erst gewöhnen musste. Aber er ist ein Nandi, er ergeht sich nicht in Selbstmitleid, sondern begreift Schwierigkeiten als Herausforderungen“, lobt Li seinen Athleten. „Er hat Freunde gefunden, fleißig gelernt und eifrig trainiert. Man brauchte ihn dazu nicht zu ermahnen, er tat es von selbst.“

Im ersten Jahr der Zusammenarbeit mussten Lagat und Li sich noch aneinander gewöhnen, aber Li merkte schnell, dass in dem Kenianer mehr steckte, als dieser im Training und im Wettkampf bisher gezeigt hatte. Und, siehe da, im Sommer 1998, dem ersten, den er in Tübingen verbrachte, platzte endlich der Knoten. Nur einige Kilometer entfernt, in Stuttgart, fand in jener Saison ein 1.500-Meter-Rennen der Weltklasse statt. Lagat hat den Lauf noch schmerzlich in Erinnerung: „Es war das härteste Rennen meines Lebens.“ Aber die Anstrengung zahlte sich aus. „Mit dem Startschuss sprinteten die Konkurrenten los. Das Tempo war irre. Ich kam mir vor wie in einem 800- oder 1.000-Meter-Lauf. Nach der ersten Runde schoss mir durch den Kopf: So fühlt sich also ein 3:30er-Tempo an!“ Am Schluss finishte Lagat in 3:34:48 Minuten, drei Sekunden schneller als seine Bestzeit. Ein Quantensprung in die absolute Weltklasse.

Lagat rief noch am selben Abend Li an: „Hey, Trainer, was glaubst du, was für eine Zeit ich gelaufen bin?“ – „3:34“, antwortete Li wie aus der Pistole geschossen. Lagat fiel fast der Hörer aus der Hand. „Woher weißt du das?“, fragte er erstaunt. – „Ich habe schon immer gewusst, dass du das draufhast.“

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