Baumanns Lauf der Woche

Schattenhafter Lauf ins neue Jahr

Beim Silvesterlauf München sah Dieter Baumann stets den Schatten von Martin Grüning hinter sich. Das Duell aus Baumanns Sicht.

Martin Grüning und Dieter Baumann am Start des Silvesterlaufs München 2012

Martin Grüning und Dieter Baumann am Start des Silvesterlaufs München 2012.

Bild: Josef Rüter

Lauf der Woche
Datum: Montag, 31.12.2012
Ort: München
Schattenhafter Lauf ins neue Jahr


Ich melde mich vom Dauerlaufen und möchte mich bei meiner Wade bedanken. Normalerweise ist die Wade ein unauffälliges Körperteil. Eines, das einfach da ist, in der Regel schweigt und seinen Dienst verrichtet. Was gibt es für die Wade auch groß zu tun? Außer dieses eine Mal. Ja, 1978!

Fußballplatz Blaubeuren, C-Jugendspiel Blaubeuren gegen Blaustein. Es ging damals um mehr als nur um Fußball. Es ging um die Ehre! Und als dann dieser lange Ball kam, entlang der Seitenlinie und ich, damals noch Linksaußen, obwohl ich gar nicht links konnte. Ehrlich gesagt, ich konnte auch nicht rechts. Das einzige, was ich konnte, war laufen. Also lief ich diesem Ball hinterher. Zwei Meter von der Außenlinie entfernt, ein kerzengerade geschlagener Pass, ich in vollem Sprint, die Wade verrichtete klaglos ihren Dienst. Aus den Augenwinkeln sah ich einen Schatten, groß wie eine Wand, welliges Haar, halblange flatternde Hose: Der Torwart! Er kam angeflogen, lang streckte sich meine Wade um den Ball vor dem Torwart weg zu spitzeln. Vor meinem geistigen Auge sehe ich heute noch diese Ballberührung. Dieser innerliche Triumpf als ich… – dann hob ich ab.

Das nächste, was ich sah, war das Gesicht meines Vaters, der dem Spiel zugeschaut hatte. Er rief meinen Namen und ich fragte ihn, ob es ein Tor war. Um die Geschichte abzukürzen: es war kein Tor und auch kein Foulspiel. Der Schiedsrichter lies „weiterlaufen“. Dabei war meine Fußspitze mit der lang gestreckten Wade klar und deutlich vor dem Schatten mit welligen Haar und flatternder Hose…, ach lassen wir das. Kurzum, seither jammert meine Wade. Mit mir. Wochenlang konnte ich keinen Schritt tun, ohne dass sie sich nicht gemeldet hätte. Sie jammerte in einer Tour. Schlussendlich hörte ich mit dem Fußballspielen auf. Meine Wade meinte, es wäre besser so, allein wegen der Schatten und den flatternden Hosen. Sie gestand mir ein, zu laufen. NUR NOCH zu laufen. Aber nur so viel, wie sie wollte.

Nach 1988, was eine Jammerei kann ich ihnen sagen. „Zu viele Reisen“, schrie sie, „Jetleg, Schlafmangel, schlechtes Essen.“ Was ging meine Wade eigentlich die Esserei an? Aber es nutze nichts, zwei Jahre Pause. Nach 1992: „Nur noch Fete, nur noch Party, was ist mit Regeneration?“, jammerte sie. Es folgte ein Jahr Pause. 1999 war das einzige Mal, dass sie einem anderen Körperteil das Beantragen einer Pause zugestand: meinen Zähnen. Nach 2002 hörte das Jammern der Wade nicht mehr auf. Sie war davon überzeugt, dass sie einen Schatten gesehen hätte, beim EM Finale über 10.000 Meter im Münchener Olympiastadion. Lockiges Haar, flatternde Hose. Ich versuchte ihr zu erklären, dass der Spanier Martinez eine Glatze gehabt hätte, aber mit Logik und Vernunft kam man ohnehin nicht mehr an sie ran.

Silvesterlauf München 2012 - Bilder

Dann der Silvesterlauf München 2012. Was hat die Wade gejammert, nur weil ich mir mit dem alten Grüning ein kleines Duell liefern wollte. Ich hörte gar nicht mehr hin, also auf die Wade. Erster Kilometer: „Wie schnell“, fragte ich einen Mitläufer. (Ich hatte vergessen einzustoppen). „3:10.“ „Scheiße“, schrie meine Wade. Ich blickte zurück und sah einen Schatten. Welliges Haar, flatternde Hose. Konnte nur Grüning sein. Scheiße, er saß mir im Genick. Zweiter, dritter Kilometer, meine Wade schwieg, ich sah hinter mir den großen Schatten. Grüning war dran, was anders hätte mich auch gewundert. Kilometer fünf: „Wie schnell?“ „16:44.“ Wir bogen um eine spitze Ecke, mein Blick ging zurück. Kein Grüning! Wo war er?

Kilometer sechs, der Schatten mit flatternder Hose war da, direkt an meiner Schulter, mein Magen krampfe sich zusammen, oder war es meine Wade. Grüning war überhall, im Magen, in der Wade, direkt hinter mir. Ich nahm den Gang raus, soll er vorbei gehen, egal. Der Schatten blieb. Bei Kilometer neun liefen wir entlang der Empore des Münchner Olympiastadions, ein Blick auf die Rundbahn. Ich sah eine nasse Tartanbahn, Regen, flatternde Hose, Martinez mit Glatze vor mir. Schattenhaft.

Die letzten 400 Meter beim Silvesterlauf der Sprint – nein kein Sprint. Seit dem langen kerzengeraden Pass entlang der Seitenlinie beim Fußballspiel Blaubeuren gegen Blaustein sprintete meine Wade nur noch selten. Es reicht, wenn sie läuft, jammernd, aber läuft.

Dieter Baumann – Brot und Spiele

Bild: Ulrich Metz

Dieter Baumann spielt Theater:
Brot und Spiele, die nächsten Termine:
11.01.2013 - Herrlingen - Theaterei Herrlingen
12.01.2013 - Rottenburg - Theater am Torbogen

Kabarett-Termine
Sa. 05.01.2013 - Metzingen - Five live Festival
Fr. 18.01.2012 - Pfullingen - Schloss Schule / 20:00 Uhr
Mi. 06.02.2013 - Frankfurt - in der KäS / 20:00 Uhr

www.dieterbaumann.de

Dieter Baumann: Lauf der Woche:

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