Das große Interview

Sabrina Mockenhaupt bewies 2009 wahren Kampfgeist

Im Interview verrät Laufheldin Sabrina Mockenhaupt, dass auch ein 35-Kilometer-Marathon reichen würde.

Sabrina Mockenhaupt

Sabrina Mockenhaupt

Bild: Photorun

Bei der Leichtathletik-WM in Berlin begeisterte „Mocki“ uns in diesem Sommer durch einen riesigen 20-Kilometer-Endspurt - im Interview durch eine fulminante Abkürzungs-Idee.

Nehmen wir einmal an, Sie haben einen Wunsch frei: Wenn Sie eine Disziplin erfinden dürften, welche wäre das?
Sabrina Mockenhaupt: Über diese Frage habe ich schon mit anderen Marathonläuferinnen gefachsimpelt. Das Fazit: Es würde reichen, wenn der Marathon nur 35 Kilometer lang wäre, denn meist beginnt die Quälerei zwischen 33 und 35 Kilometern. Andererseits würde man von Anfang an schneller laufen, wenn’s nur 35 Kilometer wären und dann quält man sich eben einfach früher. Und der Marathon geht nun mal über 42 Kilometer - da lässt sich wohl nix mehr dran ändern.

Haben diese verflixten sieben Kilometer Sie auch beim WM-Marathon gepiesackt?
In Berlin waren es eigentlich nur die letzten vier Kilometer. Der Wille war da, das Gefühl stimmte, aber die Beine wollten einfach nicht mehr. Kurz vor dem Ziel waren noch vier Läuferinnen in Sichtweite, aber ich hatte ab Kilometer 20 zu schnell forciert, so dass ich nicht mehr ran kam.

Da fehlte ein Hase?
Ja, ich bin zum ersten Mal ohne Tempomacher gelaufen, hatte keinen Windschatten und musste mein eigenes Rennen laufen. Dabei war die Führungsgruppe am Anfang gar nicht so schnell und im Nachhinein habe ich mich gefragt, ob ich vielleicht vorne hätte mitlaufen sollen. Aber vielleicht wäre das Anfangstempo der Spitzengruppe zu gefährlich gewesen und hätte mich am Ende womöglich den 17. Platz und die Zeit von 2:30 Stunden gekostet. Da es aber erst mein dritter Marathon überhaupt war und das Thermometer 26 Grad anzeigte, hatte ich viel zu viel Respekt vor der Marathonstrecke.

Mit Verlaub, war’s nicht sogar ein bisschen größenwahnsinnig, mit so wenig Erfahrung bei einer WM zu starten?
Nicht wirklich - obwohl ich dem Bundestrainer auch gesagt habe, dass ich eigentlich noch ein Marathon-Neuling bin. Aber ich hatte mich intensiv vorbereitet und war in einer Superform. Der 17. Platz spiegelte leider nicht wirklich meine Leistung wieder, aber da laufen eben nicht nur drei Russinnen wie über 10.000 Meter, sondern fünf Russinnen, fünf Chinesinnen, fünf Äthiopierinnen.

Unterwegs brüllte ein Zuschauer Ihnen zu, dass Sie auf dem 44. Platz sind...
Ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass ich so weit hinten bin und dachte „Wat ne Sch...!“ Aber die Zuschauer haben mich immer mehr angefeuert - so etwas habe ich im Stadion noch nicht erlebt. Und dann kamen mir die anderen Läuferinnen wie die Fliegen entgegen und ich habe eine nach der anderen eingesammelt. Dafür war der 17. Platz klasse und das Rennen war ein Wahnsinnserlebnis.

Sabrina Mockenhaupt als Gewinnerin des deutschen Hallenmeistertitel über 3.000 m

Bild: photorun.net

Was bleibt als persönliches Resümee vom WM-Marathon?
Es war mein schönster und auch mein wichtigster Marathon, weil ich so viele Erfahrungen in diesem Rennen gesammelt habe. Ich war noch nie so nervös wie vor diesem Tag, habe in den Nächten davor wenig Schlaf gefunden. In der Nacht vor dem Marathon lag ich bis 5 Uhr wach und habe nur zwei Stunden geschlafen. Aber der Lauf war herrlich. Schon am Start hatte ich Tränen in den Augen.

Apropos Tränen: Sie sind berühmt-berüchtigt als emotionales Energiebündel...
Mittlerweile versuche ich mich in Interviews zu zügeln, damit ich nicht mehr so viel Gesprächsstoff abgebe. Aber ganz und gar kann ich mein Naturell doch nicht verstecken - ich bin so wie ich bin und manchmal recht redselig. Da denkt mancher Journalist, er müsste keine Fragen stellen, weil ich ohnehin alles von selber erzähle.

Okay, nächste Frage: Ist die Erlösung beim Marathon im Ziel größer als nach einem 10.000-Meter-Rennen?
Eigentlich schon, aber auch über die 10.000 bin ich manchmal froh, wenn ich endlich im Ziel bin. Erwischt man einen schlechten Tag, können auch zehn Kilometer eine Qual sein. Hin uns wieder bin ich ja auch schon mal ausgestiegen, aber im Marathon noch nie. Wenn ich mich schon 35 Kilometer gequält habe, will ich auch die Ziellinie erreichen - egal wie. Jede Strecke hat ihren Reiz und die Erlösung kommt im Ziel. Manchmal aber auch nicht.

Und nach der Erlösung kommt die Freude: Hätten Sie bei der WM im 10.000-Meter-Ziel vielleicht mehr Grund zum Jubeln gehabt?
Sicherlich wäre ich über 10.000 Meter weiter vorne gewesen, weil die Rahmenbedingungen ganz anders waren und das Rennen wie auf mich zugeschnitten war. Aber das kann man vorher nicht wissen und so bin ich mit meinem Ergebnis über die Marathondistanz zufrieden. Jetzt heißt’s: Nach vorne blicken und für 2010 die richtige Rennauswahl treffen.

Was reizt Sie denn nun wirklich mehr - die 10.000-Meter-Strecke oder der Marathon mit den vermaledeiten sieben Kilometern am Schluss?
Das hängt davon ab, was gerade ansteht. Trainiere ich für die 10.000, freue ich mich tierisch auf das Rennen auf der Bahn. Bereite ich mich drei Monate lang für einen Marathon vor, freue ich mich wie eine Schneekönigin auf die 42 Kilometer.

Also üben Sie weiterhin den Spagat zwischen zehn und 42 Kilometern?
Nein, mein Fokus liegt schon auf dem Marathon, aber den will ich beim Höhepunkt nicht mehr laufen. Ich möchte wieder ins Stadion und werde bei der EM auf der Bahn starten. Außerdem: Kann man einen guten Marathon laufen, klappt’s auch über 10.000. Ich muss mich also gar nicht entscheiden. Schließlich hängt mein Herz einfach am Laufen.

Mal ganz ehrlich: Ist so ein Läuferleben manchmal nicht ein bisschen langweilig - immer nur laufen?
Nö, das ist wie ’ne Sucht und ich bin am Montag glücklich, wenn ich die 30 Kilometer schon geschafft habe, weil ich dann am Samstag weniger laufen muss. Im Grunde bin ich wie ein Buchhalter - man geilt sich an der wöchentlichen Kilometerrechnung auf.

Für die laufende Bilanzrechnung: Was ist beim Laufen wichtiger - Kopf oder Beine?
Grundsätzlich natürlich die Beine, aber wenn der Kopf nicht stimmt, nützen auch die flotten Beine nix. Ich muss meinen Kopf oft überlisten. Aussteigen ist immer doof, weil man danach nicht weiß, ob man es nicht vielleicht doch geschafft hätte. Was wäre wenn... Aber dann kann man nichts mehr ändern. Deshalb ist’s am besten, man läuft immer durch - auch im Training.

Und fürs persönliche Soll schauen Sie zum Leistungsvergleich schon mal in die alten Trainingsbücher Ihrer Eltern...
Ja - aber woher wissen Sie das denn?

Das steht auf Ihrer Homepage.
Ach ja! Meine Eltern sind früher selber Marathon gelaufen und die Bestzeit meiner Mutter habe ich schon unterboten. Nur meinen Vater habe ich noch nicht überholt - der hat ’ne 2:24:59 als Bestzeit und will mir immer erzählen, ich müsse ruhiger laufen. Dabei hat er selber immer Trainingsbestzeiten aufstellen wollen wie wir lachend in den Büchern lesen konnten.

Der Wunsch nach einer Marathon-Abkürzung lässt sich leider nicht erfüllen - da müssen Sie schon schneller laufen...
Mein Nummernschild am Auto zeigt momentan meine Bestzeit im Marathon - die 226. Da soll irgendwann 222 stehen. Ich denke, eine 2:22 ist machbar.

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