Erfolgreicher Nachwuchsläufer

Philipp Pflieger: Von Null auf 13:31 Minuten

Philipp Pflieger, der Aufsteiger der Saison im deutschen Langstreckenlauf, im Interview mit Martin Grüning.

Philipp Pflieger

Philipp Pflieger

Bild: Theo Kiefner

Philipp Pflieger ist der Aufsteiger der Saison im deutschen Langstreckenlauf. Nach einem Verletzungsjahr 2011 eilt er in dieser Saison von Bestzeit zu Bestzeit. Im Mai wurde der 24-Jährige Deutscher Meister über 10000 m und qualifizierte sich über 5000 m in 13:31,24 Minuten für die Europameisterschaften in Helsinki (27. Juni bis 1. Juli). Schneller als er ist nur noch der Deutsche 5000-m-Meister Arne Gabius, der ist allerdings auch schon sechs Jahre älter. Martin Grüning, stellvertretender Chefredakteur bei RUNNER’S WORLD, sprach mit dem Nachwuchs-Star.

Martin Grüning: Glückwunsch zum zweiten Platz bei den Deutschen Meisterschaften über 5000 m, aber gegen einen Arne Gabius ist derzeit noch kein Kraut gewachsen, oder?

Philipp Pflieger: Ja, das hat man ja gesehen. Gerade auf der letzten Runde habe ich noch keine Chance gegen ihn. Da macht sich der Unterschied zwischen einem, der 13:13 Minuten über 5000 m laufen kann, und einem mit 13:31 noch bemerkbar. Der kann einfach hintenraus nochmal einen anderen Gang zulegen. Ich bin jetzt ungefähr auf dem Niveau, auf dem Arne letztes Jahr war. Der hat eben auch einen großen Sprung gemacht. Die letzten 1000 m beim Meisterschaftsrennen bin ich in 2:30 Minuten gelaufen, das ist schon sehr okay, dass Arne da sogar 2:27 Minuten läuft, das ist eine Klasse für sich. Gabius ist mit seinen 13:13 Minuten der sechstschnellste Deutsche aller Zeiten über diese Distanz, noch vor einem Jan Fitschen zum Beispiel, und aktuell der drittschnellste weiße 5000-m-Läufer der Welt, das ist ja auch nicht so ganz übel…

Martin Grüning: Da drängt sich die Frage ja auf: Kommst Du da auch mal hin, wo Arne gerade steht. Sind Zeiten von 13:15 Minuten für Dich auch irgendwann ein realistisches Ziel?

Philipp Pflieger: Das ist nur aus einem Grund schwierig zu beantworten: Ich hatte in den zurückliegenden Jahren oft mit Verletzungen zu kämpfen. Und speziell letztes Jahr bin ich ja mehr oder weniger komplett ausgefallen. Eine stringente Entwicklung war so nie möglich. Im Herbst letzten Jahres habe ich wirklich bei Null angefangen, das war vorher wie ein Druck auf die „Reset“-Taste. Dauerläufe im Tempo von 4:00 min/km waren schon eine große Anstrengung, die Laufumfänge entsprachen denen von Freizeitläufern, von daher bin ich eigentlich überrascht, wie gut die Saison läuft. Aber ich muss einen Schritt nach dem anderen tun. Jetzt stand die Europameisterschafts-Qualifikation im Vordergrund, 13:35 Minuten über 5000 m, und ich habe den Schritt geschafft, bin von Null auf 13:31 gelaufen. Das ist nicht schlecht. Und wenn ich verletzungsfrei bleibe, dann traue ich mir auch den nächsten Schritt zu: 13:20er Zeiten. Natürlich muss ich kommendes Jahr auch erst einmal meine Zeiten bestätigen, aber das bereitet gleichzeitig auch den nächsten Schritt vor. Man kann stehen lassen: es ist nicht unrealistisch!

Martin Grüning: Was muss man dafür tun?

Philipp Pflieger: Man muss die 1000 m fünfmal hintereinander halbwegs locker in 2:40 Minuten laufen können. Und da sind die Unterschiede zu jetzt nicht mehr so riesig. Ob ich im Training die 1000er in 2:42, 2:40 oder 2:38 Minuten laufe, das sind letztlich Nuancen, das ist machbar. Wichtig ist, dass man die aeroben Grundlagen dafür schafft. Die konkrete Wettkampfvorbereitung auf der Bahn hat sich bei uns in sechs, sieben Wochen abgespielt, das ist nur noch das Tüpfelchen auf dem i. Unser Trainer legt sehr viel Wert auf das Grundlagentraining in Herbst und Winter, denn da wird die Basis für den Saisonerfolg gelegt und da entscheidet sich in diesem Herbst und Winter vermutlich auch, ob ich 2013 die angesprochenen Zeiten vorbereiten kann.

Martin Grüning: Woher kommt eigentlich der Ruck in Eurer Regensburger Laufgruppe, diese Erfolgswelle? Coco Harrer hat sich über 1500 m für die Olympischen Spiele qualifiziert, Du bist bei den Europameisterschaften dabei, Florian Orth wurde Deutscher Meister über 1500 m. Gibt’s da konkrete Gründe, oder ist das Zufall?

Philipp Pflieger: Zufall? Nein, auf keinen Fall. Wir haben schon in den letzten Jahren gute Leistungen gezeigt und uns kontinuierlich gesteigert. Bei Coco Harrer ist dies sicherlich am besten nachzuvollziehen, da sie nie verletzt war. Außerdem konnten wir uns Jahr für Jahr verstärken, der Erfolg unserer Gruppe hat sich rumgesprochen, das hat andere Athleten angezogen. Und dann hat sich gruppenintern auch eine Eigendynamik entwickelt. Der eine bringt Leistung, hat die richtige Einstellung, dann wollen die anderen auch. Das Wesentliche aber ist: bei uns in Regensburg ist doch alles ziemlich familiär, was nicht heißt, dass es unprofessionell wäre. Wer also glaubt, die LG Telefinanz Regensburg hat die Mordskohle, der Pflieger und die Harrer verdienen da zigtausende im Monat, der hat keine Ahnung. Wir haben verglichen mit den Großvereinen Wattenscheid oder Leverkusen eigentlich relativ bescheidene finanzielle Mittel, aber unser Coach Kurt Ring hat sich immer um eine gute Nachwuchsförderung bemüht. Ein unfertiger Athlet, der nach dem Abitur zu uns stößt, ist ihm lieber als ein erfolgreicher Athlet in seinem Karriere-Herbst. So war es bei mir ja auch. Ich bin mit 20 von Sindelfingen nach Regensburg gewechselt. Natürlich hat der Trainer auch die Infrastruktur optimiert, ist enge Kooperationen mit Ärzten und Reha-Zentren eingegangen, hat uns bei schulischen oder beruflichen Dingen unterstützt, war immer offen für Anregungen, hat auch andere Experten zu Rate gezogen, beim Athletik- oder Koordinationstraining zum Beispiel.

Martin Grüning: Stimmt es, dass Kurt Ring eher ein Coach vom alten Schlag ist, einer der die patriarchalische Art der Betreuung bevorzugt?

Philipp Pflieger: Ja, schon. Wenn die Frage kein negatives Geschmäckle hat, dann kann ich das bejaen. Als ich damals nach Regensburg kam, habe ich ihn die ersten Wochen gesiezt, aber dann wurde er schnell „der Kurt“. Er ist tatsächlich ein wenig der „Über-Vater“. Sicher bringt er auch klare Worte an, wenn ihm was nicht passt, aber seine Beziehung zu uns Athleten ist sehr eng. Und er ist erstaunlich emotional. Wenn ich bedenke, wie hilfreich er mir auch in schlechtesten Zeiten war. Wie oft er sich in der letzten Saison, als gar nichts mehr lief, nach meinem Befinden erkundigt hat. Drei Operationen, Zukunft ungewiss, aber der Trainer hat zu mir gestanden. Ich habe phasenweise jeden Tag eine Stunde mit ihm telefoniert, weil wir uns ja nicht mehr im Training sahen. Das werde ich ihm und seiner Frau nie vergessen, wie sie in schweren Zeiten immer ein offenes Ohr für mich hatten. Und dann der Moment in Marburg, dieses Jahr im Mai, als ich dort Deutscher 10000-m-Meister wurde. Er hatte Tränen in den Augen. Die Zeit war nicht interessant, der Titel eigentlich auch nicht, sondern das Gefühl, dass wir es gemeinsam geschafft hatten, dass ich wieder da war, das war einzigartig.

Martin Grüning: Die Leistungsdichte ist im Langstreckenlauf nicht mehr so wie früher. Vor 20 Jahren gab es bei Deutschen Meisterschaften Vorläufe über 5000 m und man musste unter 14:10 Minuten laufen, um den Endlauf zu erreichen. Heute reicht die Zeit für einen Platz unter den ersten sechs. Über die Ursachen haben schon viele spekuliert, jetzt darfst Du das auch mal… Woran liegt’s?

Philipp Pflieger: Gute Frage. Erst einmal glaube ich, dass es ein grundsätzliches Sportproblem gibt, völlig abgekoppelt von der Leichtathletik, denn schaue ich mich zum Beispiel an der Universität um, bei meinen Kommilitonen, dann muss ich sagen, die wenigsten sind überhaupt noch sportlich aktiv. Die meisten machen in ihrer Freizeit Party, gehen ein bisschen jobben, aber Sport, nein, nur die wenigsten machen den. Wenn man denen sagt, dass man Leistungssport macht, dann wird man ganz groß angeschaut und gefragt, warum man sich das antut. „Zeitverschwendung“, „der beruflichen Karriere abträglich“ das sind so die Aussagen, die ich dann zu hören bekomme. Da ist in vielerlei Hinsicht schon oft gar kein Grundverständnis für den Sport mehr vorhanden. Und dann ist natürlich das Sportangebot für die, die noch Sport treiben, ein viel vielfältigeres. Da ist die Leichtathletik einer viel größeren Konkurrenz von Sportarten ausgesetzt als früher. Und viele von diesen Sportarten vermarkten sich einfach auch cooler…

Martin Grüning: Bei den großen Sportveranstaltungen, den Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften oder den Europameisterschaften ist das Interesse der Öffentlichkeit an der Leichtathletik aber immer noch erstaunlich groß… lass uns über Deine Chancen bei den Europameisterschaften in Helsinki reden, wie sieht es aus, was ist dort möglich?

Philipp Pflieger: Die Frage habe ich befürchtet. Die Konkurrenz ist sehr schwer einzuordnen, und auch die Renntaktik…

Martin Grüning: Ja, geht da noch was?

Philipp Pflieger: Die Form ist da, schneller zu rennen als 13:31 min. Ein paar Sekunden sind noch drin. Aber ein Meisterschaftsrennen hat seine eigenen Gesetze und ist selten geeignet, eine Bestzeit zu laufen. Und in Helsinki ist ein Mo Farah am Start, der ist schon unter 13:00 Minuten gelaufen, oder auch Arne Gabius und einige Spanier, Italiener, die um die 13:10 bis 13:15 laufen können. Wenn dort mit Tempowechseln 8:00 bis 8:05 Minuten auf 3000 m angelaufen werden, ist das für mich eine andere Herausforderung als für die. In der europäischen Bestenliste bin ich derzeit 20., drei, vier von denen, die vor mir stehen, kann ich noch schlagen, dafür sind einige am Start, die dieses Jahr noch gar keine Zeit stehen haben, aber das Potential unter 13:10 zu laufen. Ich würde sagen: alles ist offen und eine Platzierung kann ich nicht voraussagen. Das Wichtigste: Ich bin fit.

Martin Grüning: Auf welcher Strecke liegt Deine Zukunft? 5000 m? 10000 m? Oder sogar auf noch längeren Strecken?

Philipp Pflieger: Das kann ich nicht beantworten. Ich kann mir vieles vorstellen. Habe ich vor wenigen Jahren noch gesagt, Marathon ist immer auszuschließen, verfolge ich inzwischen die Marathon-Veranstaltungen immer interessierter. Natürlich habe ich da keine konkreten Pläne und bleibe erst einmal in den nächsten zwei, drei Jahren den 5000 und 10000 m treu. Mit einer Tendenz eher zu den 10000 m. Da steht meine Bestzeit ja noch in keinem Verhältnis zu meinen anderen Zeiten.

Martin Grüning: Zu 13:31 Minuten über 5000 m würde eine 28:15 Minuten über die 10000 m passen!

Philipp Pflieger: Ja, und ich bin in Marburg bei den Meisterschaften 28:45 Minuten gelaufen. Aber ich hätte mir eine 28:20er Zeit auch zugetraut, wenn die Saisonplanung einen weiteren Start zugelassen hätte. Abwarten. Ich habe noch viel vor…