Baumanns Lauf der Woche

Pädagogische Glanzleistung hinter Gittern

Dieter Baumann war zu Besuch bei Jugend-Staffellauffinale im Gefängnis in Schifferstadt. Die Zuschauerrolle fiel ihm allerdings schwer.

Knast Lauf Schifferstadt

Ein Halbmarathon hinter Betonmauern und Stacheldraht.

Bild: Björn Schmitz

Lauf der Woche
Freitag, 28.06.2013
Ort: Knast in Schifferstadt


Ich melde mich vom Dauerlauf aus dem Knast. „Baumann, wo willst du denn da laufen?“, werden sie fragen. Das ist eine gute Frage. Wir laufen dort, wie soll ich sagen, im Kreis. Mal auf einer sehr kleinen Runde (ca. 150 Meter), mal auf einer etwas größeren (ca. 800 Meter). Das ist je nach Anstalt unterschiedlich. Am vergangenen Freitag in Schifferstadt liefen wir auf einer 400-Meter-Aschenbahn. Fünf Jungs laufen in einer Staffel einen Halbmarathon. Knapp über 4 Kilometer pro Mann.

Die jungen Gefangenen haben sich über viele Wochen vorbereitet. Sie haben dreimal pro Woche trainiert, sind dabei geblieben, wahrscheinlich auch wieder abgesprungen, haben wieder begonnen. Das kennen wir auch: Mal läuft es besser, mal eben nicht. Die Jungs kennen das auch, aber sie können mit Niederlagen - mit den Dingen, die eben nicht so super laufen - kaum oder gar nicht umgehen. Beim Laufen und mit dem Laufen können sie es lernen. Ein wenig zumindest. Und dafür, wie sie sich dabei weiterentwickeln, können wir ihnen eine Wertschätzung entgegen bringen, die viele seit ihrer Kindheit nie erlebt haben.

Am Freitag also war das große Finale. 15 Mannschaften waren angetreten. Es gab einen Vierkampf – Schifferstadt, Wiesbaden, Iserlohn und Laufen-Lebenau. Bis zum letzten Kilometer war das Rennen offen.

Doch bei „Jugend bewegt sich über Grenzen“ geht es nicht nur um den Sieg. Nicht immer sind die Schnellsten einer Anstalt dabei. Eine Mannschaft schickte den Trainingsfleißigsten ins Rennen. Dieser fehlte bei keinem Training. Acht Wochen, dreimal pro Woche und nahm 15 Kilo ab. Alles wird gewertet, der Umgang im Team, das Verhalten in der Anstalt und – klar – auch die Laufleistung. Das Projekt wurde und wird von den Sportbediensteten entwickelt. Jeder ist ein Teil, jeder ist willkommen, ob gelockerte Gefangene oder nicht, ob dick oder dünn, ob Weltklasse oder Kreisklasse. Es gibt keine Grenzen. So war auch die Stimmung, als sich am Ende Wiesbaden durchsetzte. Grenzenlos! Knapp dahinter Schifferstadt, dann die Bayern "Laufen Lebenau" und auf Platz vier: Iserlohn. Bei jedem Zieleinlauf eines Jugendlichen wurde gefeiert. Dann war alles vorbei. Nein, nicht ganz. Ottweiler war noch im Rennen. 1.200 Meter musste der Kerl noch laufen. Drei lange Runden.

Dieter Baumann – Brot und Spiele

Bild: Ulrich Metz

Zuschauen kann schwer sein und sie müssen sich vorstellen, ich schaute die ganze Zeit zu. 1:30 Stunden andere beim Laufen zuschauen. Da hielt ich es nicht mehr aus und rief: „Wer Lust hat, begleitet Ottweiler!“, hob alle Wettkampfgrenzen auf und trabte mit. Fast alle Jugendlichne, die vorher gelaufen waren, egal ob verschwitzt, müde und kaputt, standen auf und liefen mit. Drei Runden, 1.200 Meter, Begleitung für den 15. Platz.

Wieder einmal wurde ich wegen meines pädagogischen Verhaltens gelobt. Dabei dachte ich nur an mich. Ich wollte nur laufen.

Die Internetseite unseres Kolumnisten Dieter Baumann finden Sie unter dem folgenden Link:
www.dieterbaumann.de

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