Siegertyp

Olympia 2012 als nächste Etappe

Lagat will bei den Olympischen Spielen in London starten. Dann wird er 38 sein und immer noch nicht am Ziel.

„Tübingen erinnert mich an Oregon“, sagt Bernard an diesem Augusttag des Jahres 2009. „Es ist eine Universitätsstadt mit vielen Studenten und eine sehr umweltfreundliche Stadt. Aber hier in Deutschland ist alles etwas strenger. Stell dir vor“, erzählt er, „einmal habe ich nach dem Training schon mal den Motor meines Autos gestartet, um es vorzuwärmen, während ich mich stretche. Da kommt ein aufgeregter Mann auf mich zu und brüllt mich an. Ich hab’ überhaupt nicht kapiert, was er wollte. Als ich später meinen deutschen Freunden davon erzählte, fragte einer entsetzt: ,Du hast doch nicht etwa bei laufendem Motor noch ein paar Minuten gestretcht?‘ Tja, so ticken die Deutschen.“

Zwei Tage später steht Bernard Lagat in Berlin an der Startlinie zum 1.500-Meter-Finale der Weltmeisterschaften. Das Tempo ist langsam, das Feld liegt daher dicht beieinander. 250 Meter vor dem Ziel bekommt Bernard einen Hieb in die Seite und fällt auf Platz 12 zurück. Das Aus? Natürlich nicht. Auf der Zielgeraden geht er auf Bahn drei raus und legt in die letzten 100 Meter alles hinein, was noch in ihm steckt. Er wird Dritter: Bronze in 3:36:20 Minuten. Die Goldmedaille holt Yusuf Saad Kamel für Bahrain. „Okay, und jetzt die 5.000“, ist das Einzige, was Bernard zu Trainer Li sagt. Und der ist mit seinem Athleten zufrieden.

Bernards größter Rivale über 5.000 Meter ist Kenenisa Bekele, der Weltrekordhalter über diese Distanz. Doch der weiß, dass er im Spurt gegen Lagat keine Chance hat. Also übernimmt der Äthiopier sofort die Führung. Ist das ein Zeichen des Respekts vor Lagat? Auf jeden Fall. Hat Bekele Angst? Natürlich nicht. Die beiden Favoriten spielen miteinander, auf allerhöchstem Niveau. 200 Meter vor dem Ziel sprintet Bekele los, Lagat reagiert sofort. 80 Meter vor dem Ziel ist Lagat auf gleicher Höhe, zieht vorbei – aber auf den letzten 40 Metern kann er Bekele nicht mehr halten. Gold für Kenenisa Bekele in 13:17:09 Minuten, Silber für Bernard Lagat in 13:17:33.

„Ich glaube nicht, dass ich heute irgendetwas falsch gemacht habe“, sagt Bernard auf der anschließenden Pressekonferenz. Und später, wieder zurück in Tübingen, bestätigt er dem Besucher noch einmal, dass er 2012 in London bei den Olympischen Spielen über 5.000 und 10.000 Meter an den Start gehen will – gerade so, wie es sein Manager schon verlauten ließ. Dann wird er 38 sein.

Und noch später, zu Hause in Tucson, in seiner Wahlheimat USA, wird er dem Autor zum Abschluss noch erzählen, dass er danach auf die Marathondistanz wechseln möchte. Das meint er ernst. Vollkommen ernst, keine Frage. Und zum Abschied sagt er: „Bernard Lagat ist noch nicht am Ziel.“

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Bernard Lagat ist noch nicht am Ziel