Marvin Running

Mittvierziger mit Bauchansatz

Wenn es darum geht, den Clown im Fitness-Zirkus zu identifizieren, ist er ganz weit vorne: Der Mittvierziger mit Bauchansatz.

Marvin Running – Mittvierziger mit Bauchansatz

Thomas, Deutschland meistgelebtes Bevölkerungsmodell.

Bild: KATARZYNA ZWOLSKA / iStockphoto

»Das ist unfair!«, rufe ich. »Immer auf Thomas.«

»Wer ist Thomas?«, fragt Herrchen und sieht von seiner Sportkolumne auf, die er gerade liest.

»Na, dieser ›Mittvierziger mit Bauchansatz‹, von dem in deiner Kolumne da Rede ist. Ich nenne ihn Thomas, weil das der beliebteste Vorname des Jahres 1966 in Deutschland war. Hier fällt er schnaufend und mit rotem Kopf vom Laufband, woanders kultiviert er im Baumwoll-Trainingsanzug joggend seine Kniearthrose oder wird beim Bankdrücken von der Hantel begraben, ach, überall, wo die Rede von Sport ist: Thomas muss als Loser herhalten. Das ist nicht fair!«

»Warum nicht?«

»Weil er in der Mehrheit ist: Die aktuelle Bevölkerungspyramide des Statistischen Bundesamtes zeigt einen deutlichen Bauchansatz im Segment der 40 bis 50-jährigen.«

»Ah«, macht Herrchen, »das ist ja ein dickes Ding: Mittvierziger machen sich als unsere umfangreichste Bevölkerungsschicht breit?«

»Genau. Und als Sahnehäubchen serviert das Statistische Bundesamt dazu, dass 2009 über 60 Prozent der Männer (und 43 Prozent der Frauen) übergewichtig waren.«

»Thomas, der Mittvierziger mit Bauchansatz, ist also unser meistgelebtes Bevölkerungsmodell«, folgert Herrchen.

»Genau. Er ist der Gewinner des Evolutionskampfes, unsere Schöpfungsikone, mein Held«, schwärme ich.

Und daher verdient Thomas keinen Spott. Er füttert unsere Rente, er stopft unser Steuersäckel, er lässt unser Bruttosozialprodukt üppig schwellen.

Lass dich nicht weiter verspotten, Thomas. Du musst diese Schierlingsbecher nicht leeren, wie dieser sinnvernebelnde Gefühlscocktail des Laufens einer ist: Du musst dich nicht damit herumschlagen, über den Grand Canyon zu triumphieren, deine Lungen bei einem 3-Stunden-Waldlauf voll Sauerstoff zu saugen bis sie prickeln, oder mit rauschenden Nordseewellen um die Wette zu rennen.

Du kennst sie, die wahren Freuden des Lebens. Etwa dieses warme, bleierne Gefühl nach drei Tellern voller Eierspätzle mit Schmelzkäse-Schinken-Sahnesauce. Als hätte man einen biskingetränkten Lodenmantel intus, herrlich! Oder wenn beim Biss in die Currywurst das Bratfett herausquillt und den Gaumen bereit macht für ein dickes Mayohäubchen auf salzigem Pommes. Un-ver-gleich-lich!

Darum beneide ich dich, Thomas: Du schaffst es, dich aller Häme zum Trotz auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Falls dein Schweinehund jemals einen Spielkameraden sucht: Ich stehe bereit.

Bekenntnisse eines Schweinehunds:

So gut wie barfuß