Thomas Eickmann

Mehr trainieren, bitte!

Thomas Eickmann (49) lief früher den Marathon in 2:13:24 Stunden und gilt heute als einer der besten deutschen Langstreckentrainer. Hier im Gespräch mit Martin Grüning (Marathon-PB: 2:13:30).

Thomas Eickmann

Thomas Eickmann

Bild: Theo Kiefner

Thomas Eickmann (49) lief früher den Marathon in 2:13:24 h und gilt heute als einer der besten deutschen Langstreckentrainer. Er trainiert unter anderem Marathon-Ass Sabrina Mockenhaupt, aber auch Extremsportler Joey Kelly. Hier im Gespräch mit Runner’s World-Redakteur Martin Grüning (Marathon-PB: 2:13:30 h).

Martin Grüning: Du kommst gerade mit Deinen Athleten aus St. Moritz, der Schweizer Kurort ist seit Jahren im Sommer das Mekka der Langstreckenszene, wegen seiner Höhenlage, der ausgezeichneten Infrastruktur für Sportler und nicht zuletzt der herrlichen Landschaft. Wer war alles da?

Thomas Eickmann: Alle waren da: Jan Fitschen, Irina Mikitenko, Falk Cierpinski, Martin Beckmann, natürlich auch Sabrina Mockenhaupt. Aber auch internationale Asse: Der beste österreichische Marathonläufer Günter Weidlinger, dann Viktor Röthlin, der beste europäische Marathonläufer, Marathon-Olympiasieger Stefano Baldini… Frag mich lieber, wer nicht da war.

Martin Grüning: Also, Hand aufs Herz, ohne Höhentraining geht es nicht, oder? Obwohl die Effekte ja noch immer nicht durchgängig nachgewiesen sind ...

Thomas Eickmann: Die Verträglichkeit scheint individuell unterschiedlich und so wohl auch die Effektivität des Höhentrainings. Ich erinnere mich aus unserer Zeit an die beiden Topläufer Herbert Steffny und Ralf Salzmann. Ersterer vertrug die Höhe ausgezeichnet und lief 2:11 h im Marathon, Zweiterer vertrug die Höhe gar nicht und lief auch nicht langsamer. Ich glaube, dass eine wichtige Tatsache bei der Auswertung solcher Höhencamps unterschätzt wird, nämlich, dass die Athleten, unabhängig von der Höhe, mehr oder weniger „kaserniert“, sich wochenlang nur aufs Lauftraining konzentrieren – und das Training dann zumeist auch noch in einer leistungsstarken Gruppe absolviert wird. Intensives, ungestörtes Training mit Laufpartnern, die einen täglich fordern, das ist vermutlich ein ebenso willkommener Reiz beim Höhentraining, wie die Vermehrung der roten Blutkörperchen.

Martin Grüning: Und wie ging es Deiner Topathletin Sabrina Mockenhaupt?

Thomas Eickmann: Gut. Sehr, sehr gut. 181, 220, 225 waren die relevanten Zahlen. Also so viele Wochenkilometer ist sie dort oben nacheinander während des dreiwöchigen Aufenthalts gelaufen. Das ist internationales Niveau.

Martin Grüning: Kann es sein, dass Sie mit Dir als neuem Coach jetzt mehr Gewicht auf die Grundlagenausdauer legt?

Thomas Eickmann: Sie war immer ein Typ, der die Grundlagenausdauer gerne trainiert hat. Was sie bis dato trotzdem nicht gemacht hat, waren die ganz hohen Umfänge – was wir früher immer schon gemacht haben. Und sie hat jetzt sehr viel im Schwellenbereich trainiert, sprich Tempowechselläufe gemacht, zum Beispiel abwechselnd 1.000 m in 3:25 min, 1.000 m in 3:45 min und das über 15 km. Aber sie hat auch klassische 15-km-Tempodauerläufe gemacht, also 15 km gleichmäßig im Bereich des Marathon-Renntempos.

Martin Grüning: Bevor wir in die Diskussion zur Trainingssystematik einsteigen, will ich noch einen ganz anderen Themenbereich anreißen: Nachwuchs, Talente! Du arbeitest jetzt schon lange als Coach, auch an der Basis: Wo bleibt der Nachwuchs?

Thomas Eickmann: Dass es sie nicht mehr so zahlreich gibt, liegt wohl vor allem an der fehlenden Motivation und Einstellung der Jungen. Aber es gibt auch andere Gründe: Schon immer war es beispielsweise so, dass Nachwuchsläufer, wenn sie in eine Ausbildung bzw. Lehre gingen, den Sport nicht mehr in dem Maße betreiben konnten, wie es nötig ist, um an die nationale Spitze zu kommen. Wer studierte, hatte es aber besser. Doch die neuen Studienordnungen, die sehr viel stärker reglementieren als früher, machen auch neben dem gewöhnlichen Studium ein umfangreiches, zweimaliges Lauftraining pro Tag unmöglich. Das ist nicht mehr so, wie zu deiner Zeit, als man sich in den meisten Studiengängen, wenn man wollte, auch mal Zeit lassen konnte. Ganz grundsätzlich gilt: Wir schaffen es in Deutschland nicht mehr, für Leichtathletiktalente Freiräume zu schaffen, dass sie im entscheidenden Alter ausreichend Zeit für ein Training und die entsprechenden Regenerationszeiten finden.

Martin Grüning: Diesen Freiraum hat sich eine Sabrina Mockenhaupt aber geschaffen durch…

Thomas Eickmann: …die Bundeswehr, die sie brilliant unterstützt. Die Sportfördergruppen der Bundeswehr, Polizei, des Bundesgrenzschutz sind die Orte, an denen unsere Sportler am besten gefördert werden. Das ist auch bei Sabrina so.

Martin Grüning: Du warst selbst mal ein erfolgreicher Marathonläufer. Mit deiner Bestzeit hättest Du in den letzten Jahren immer auf dem ersten Platz der Deutschen Bestenliste gestanden. Was hast Du anders gemacht, als die heutige nationale Elite, die nicht an Deine Zeit herankommen?

Thomas Eickmann: Ich weiß nicht, wie ein Falk Cierpinski, Martin Beckmann oder André Pollmächer trainieren, also kann ich auch nicht deren Training beurteilen, oder mit dem in Vergleich setzen, wie ich früher trainiert habe.

Martin Grüning: Aber Du stehst doch sicher im Kontakt mit Marathon-Bundestrainer Ron Weigel und wirst über diesen erfahren, was sie trainieren, zumindest wie sie trainieren sollten?

Thomas Eickmann: Ich stehe mit Ron Weigel in sehr engem Kontakt, aber er wird mir nicht sagen, was die machen, selbst wenn er es weiß... Die Daten der Athleten sind ja nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Martin Grüning: André Pollmächer macht sein Training ja täglich auf seiner Homepage publik.

Thomas Eickmann: Ja, da würde ich übrigens sagen, dass sein Training dem unsrigen sicher am nächsten kommt. Das siehst Du doch auch so, oder?

Martin Grüning: Nun ja, ich glaube, dass er entsprechend den Intensitäten, die er trainiert, keine entsprechenden Leistungen bringt. Vermutlich trainiert er schon zu lange auf extrem hohem Niveau, unabhängig davon, dass er zuletzt ein Jahr aussetze. Da reagiert der Körper auf diese Belastungsreize nur verzögert. Und so jemand muss dann übermäßig hart trainieren, um weitere Leistungsfortschritte zu eruieren, was oft an der orthopädischen Belastbarkeit scheitert. Aber warten wir ab, wie er im Herbst Marathon läuft... Doch, ja, lass uns jetzt noch mal über Trainingssystematik reden!

Thomas Eickmann: Für mich ist das Entscheidende das Training im Schwellenbereich! Also das Training, bei dem sich der Läufer/die Läuferin zwischen zwei und vier Millimol Laktat bewegt. In dem Bereich haben wir früher extrem viel trainiert.

Martin Grüning: Und in dem Bereich trainieren heute unsere Läufer zu selten?

Thomas Eickmann: Vermutlich. Irgendwo muss der Leistungsrückgang doch herkommen. Die beste Zeit eines deutschen Mannes steht dieses Jahr bei 2:20 h. Das wäre früher eine Zeit für einen Platz zwischen zehn und zwanzig gewesen. Was noch wichtig ist: wir haben viel in der Gruppe trainiert. Die besten Marathonläufer kamen mindestens monatlich zusammen. Ich spreche jetzt allerdings nur von meinen westdeutschen Erfahrungen. Aber in der DDR waren zentrale Maßnahmen ja sowieso usus. Außerdem haben wir sehr viel höhere Umfänge gelaufen. Es gab keine Trainingslager in Marathonvorbereitungen, in denen nicht wöchentlich weit über 200 km gelaufen wurde. Selbst Du bist in diesen Bereichen gelaufen, obwohl Du eher über die Qualitäten deine Form gesucht hast.

Martin Grüning: Hallo, sogar ich bin bis zu 270 km pro Woche gelaufen...

Thomas Eickmann: Ha. Und das, obwohl Du immer geschrieen hast: „Die Kilometerfresserei bringt mich um!“ Ich war das Gegenteil von Dir, ich habe gerne Kilometer geschrubbt. Das, was ich als spezifische Marathonvorbereitung bezeichnen würde, wochenlang zwischen 220 und 250 Kilometer laufen, ich glaube, das fehlt heute.

Martin Grüning: Was sagst Du zu „modernen“ Trainingseinheiten, wie „Lange Läufe mit Endbeschleunigung“?

Thomas Eickmann: Die haben wir früher schon gemacht. Was ist da modern dran? Wir sind früher zwei Stunden locker gelaufen und dann 15 Minuten im Marathonrenntempo. Nichts Neues.

Martin Grüning: Tempowechselläufe?

Thomas Eickmann: Kannten wir auch schon!

Martin Grüning: Kamen die bei uns Westdeutschen nicht erst mit der Grenzöffnung an? Ich erinnere mich, das zum ersten Mal bei Jörg Peter 1990 miterlebt zu haben?

Thomas Eickmann: Vielleicht haben wir die Klassiker, also die oben beschriebenen 1000er-Abschnitte, erst später gemacht, aber waren unsere vielfältigen Fahrtspiele etwas anderes? Erinnere Dich an die Belastung, bei der wir 12, 10, 8, 6, 8 Minuten in höchstem Tempo liefen und dazwischen jeweils nur vier Minuten zügig, zügig wohlgemerkt, trabten...

Martin Grüning: Ja, das kam vom holländischen Marathon-Europameister Gerard Nijboer. Können wir eigentlich von den Afrikanern was lernen? Oder sind sie uns einfach nur genetisch voraus?

Thomas Eickmann: Was wir von Ihnen lernen können: Sie sind hungriger als wir. Sie beißen sich durch Probleme und Herausforderungen durch. Und wo wir einen immensen Nachteil haben: sie sind mehr! Wenn ich eine Gruppe von 500 willigen Athleten habe, die ich „durchprügeln“ darf, dann kommen 50 durch. Habe ich aber nur fünf willige Athleten, dann ist die Gefahr groß, dass keiner durchkommt.

Martin Grüning: Die deutschen Marathonnormen für die Olympischen Spiele wurden zuletzt veröffentlicht und heiß diskutiert: 2:12 h bei den Männern, 2:30 h bei den Frauen? Sind sie zu hoch?

Thomas Eickmann: Die Marathonnorm der Männer ist okay, die war übrigens vor 25 Jahren schon so! Macht es Sinn auf eine 2:15 h zu gehen, um mit niedrigem Niveau zufrieden zu sein? Bei den Frauen finde ich die Norm sogar zu niedrig. Der Abstand des Männerweltrekords von 2:04 h bis zur Norm von 2:12 h beträgt acht Minuten, das sollte entsprechend auch bei den Frauen gelten. Dort steht der Weltrekord bei 2:15:25 h, also wäre die adäquate Norm eine 2:23:25 h.

Ich finde es viel, viel wichtiger, eine niedrigere Norm bei den Europameisterschaften anzubieten, so dass dort wirklich alle drei Disziplinplätze belegt werden können. Die Europameisterschaften sollen dann das internationale Sprungbrett sein. Die EM also als Brücke und Bewährungsprobe für die Weltmeisterschaften und schließlich die Olympischen Spiele.

Martin Grüning: Zum Abschluss: Wann wirst Du Deinen nächsten Marathon laufen?

Thomas Eickmann: Gar nicht. Ich habe derzeit eine schwere Knieverletzung und begleite die Athleten nur auf dem Mountainbike. Bitte frage nicht mehr dazu!

Martin Grüning: Gute Besserung!