Marathon-Favoriten

Mary Keitany will den Olympiasieg

Die Kenianerin Mary Keitany hat beste Chancen auf olympisches Gold im Marathon. Läuft die Afrika-Rekordlerin ein Rennen wie im April 2012, ist der Sieg in London möglich.

Mary Keitany

Den Goldenen Schuh der Association of International Marathons and Road Races (AIMS) hat Mary Keitany zum wiederholten Mal erhalten. Sie wurde als beste Straßenläuferin des Jahres 2011 ausgezeichnet.

Bild: photorun.net

Mary Keitany will am 5. August bei den Olympischen Spielen in London Sportgeschichte schreiben. Noch nie hat eine kenianische Läuferin Gold im olympischen Marathon gewonnen. Vor zwölf Jahren ging in Sydney die damalige Weltrekordlerin Tegla Loroupe als Favoritin an den Start, doch am Ende triumphierte nicht die Kenianerin sondern Naoko Takahashi (Japan). Bei den Spielen 2004 und 2008 gewann Catherine Ndereba (Kenia) jeweils Silber im Marathon. In London muss Mary Keitany als Favoritin angesehen werden.

Zweimal in Folge hat die 30-Jährige den hochkarätigsten City-Marathon des Jahres in beeindruckender Manier und mit Zeiten von unter 2:20 Stunden gewonnen: 2011 siegte sie in London mit 2:19:19 und ließ dabei unter anderen Titelverteidigerin Liliya Shobukhova (Russland) hinter sich. In diesem April verteidigte sie ihren Titel an der Themse gegen ein Feld, das fast die Qualität eines Olympiarennens hatte. Mit 2:18:37 Stunden brach Mary Keitany in London den Afrikarekord von Catherine Ndereba (2:18:47) und wurde zur drittschnellsten Marathonläuferin aller Zeiten. In der Liste der schnellsten je gelaufenen Marathonzeiten rückte sie auf Rang fünf nach vorne. Mary Keitany hat das Vermögen, in der Zukunft sogar den Weltrekord von Paula Radcliffe (Großbritannien/2:15:25) anzugreifen. Gewinnt sie Gold in London, wäre dies ein weiterer großer Schritt: Mary Keitany könnte auf dem Weg sein, zur größten Straßenläuferin aller Zeiten zu werden.

Mary Keitany ist im Great Rift Valley als Tochter einer Farmerfamilie mit drei Schwestern und einem Bruder aufgewachsen. Heute lebt sie mit ihrem Mann, ihrem Sohn und einem adoptierten Neffen in Iten. Es war eine ihrer älteren Schwestern, die sie einst motivierte, mit dem Laufsport zu beginnen. „Meine Schwester rannte in der Schule. Ich sah, dass sie talentiert war und dachte mir, vielleicht sollte ich es auch versuchen“, erzählt Mary Keitany, die jedoch erst spät, mit 24 Jahren, zum ersten Mal bei Straßenrennen in Europa startete.

Im Jahr darauf, im April 2007, schloss sich Mary Keitany in Iten der Trainingsgruppe des italienischen Managers Gianni Demadonna an. Nach und nach übernahm dann der Italiener Gabriele Nicola die Steuerung des Trainings von Mary Keitany. Die Läuferin trainiert immer wieder mit Männern, um dadurch ein qualitativ hohes Training zu erreichen. Zu den Trainingspartnern zählen mit Peninah Arusei, Helena Kirop und Lydia Cheromei aber auch noch weitere Topläuferinnen. Cheromei zum Beispiel hat eine Marathon-Bestzeit von 2:21:30 Stunden.

Nachdem Mary Keitany 2007 bereits die Silbermedaille bei den Halbmarathon-Weltmeisterschaften gewonnen hatte, unterbrach eine Schwangerschaft ihre Karriere. „Im Juni 2008 wurde mein Sohn Jared geboren. Es ist für mich auch für die Zukunft sehr wichtig, eine Familie zu haben. Ein Kind zu haben, motiviert mich aber auch zusätzlich. Du willst schließlich deinem Kind ein gutes Leben ermöglichen. Also musst du erfolgreich sein und trainierst besonders hart, damit es der Familie gut geht“, erzählt Mary Keitany, die mit Charles Koech verheiratet ist. Er ist selbst Langstreckenläufer und hat Bestzeiten von 27:56 Minuten (10 km) und 61:27 (Halbmarathon). In der Zwischenzeit konzentriert sich Charles Koech allerdings nicht mehr auf seine eigene Karriere sondern auf die Unterstützung seiner Frau. „Manchmal trainieren wir auch zusammen“, sagt Mary Keitany. Während sie läuft, organisiert ihr Mann alles andere und kümmert sich um den Haushalt.

Als Mary Keitany nach der Geburt ihres Sohnes wieder mit dem Training begann, war die Qualifikation für die Halbmarathon-Weltmeisterschaft 2009 das erste Ziel. Bei den Titelkämpfen in Birmingham gewann sie dann die Goldmedaille. Ein gutes halbes Jahr später brach sie beim bis dahin längsten Wettkampf ihrer Karriere auf Anhieb den 25-km-Weltrekord. Bei den Big 25 Berlin drückte sie die Marke gleich um 2:20 Minuten und blieb mit 1:19:53 als erste Frau unter 1:20 Stunden.

Bei ihrem Marathondebüt konnte sie dagegen ihr Potenzial nicht auf Anhieb umsetzen. Auf der allerdings schwierig zu laufenden, welligen Strecke von New York wurde die Kenianerin Dritte mit 2:29:01. Doch Anfang des Jahres 2011 meldete sich Mary Keitany mit Glanzzeiten zurück: Im Februar gewann sie den Halbmarathon in Ras Al Khaimah (Vereinigte Arabische Emirate) in der nach wie vor aktuellen Weltrekordzeit von 65:50 Minuten. Auf dem Weg stellte sie dabei zwei Weltbestzeiten (8 km in 24:30 und 10 Meilen in 50:05) sowie einen weiteren Weltrekord (20 km in 62:36) auf.

In London stürmte Mary Keitany dann zu ihrem ersten großen Triumph über die 42,195 km. Mit 2:19:19 Stunden erzielte sie die schnellste Zeit weltweit seit knapp drei Jahren und etablierte sich in der Marathon-Weltspitze. Beim zweiten Start in New York verschätzte sich die Kenianerin auf der welligen Strecke. Viel zu schnell losgelaufen, brach sie ein und musste sich wiederum mit Platz drei in 2:23:38 zufrieden geben. Mit dem Afrikarekord von 2:18:37 bei ihrem zweiten Marathonsieg in London in diesem April bestätigte Mary Keitany jedoch, dass sie die Favoritin für den olympischen Marathon ist.

Dass die Spiele in London stattfinden, sieht sie als Vorteil. „Das Gute ist, dass London für mich nicht neu ist. Ich mag diese Stadt, die flache Strecke liegt mir, und ich glaube, dass ich bei Olympia meine maximale Leistung bringen kann“, sagt Mary Keitany. Die olympische Strecke ist eine andere als die des London-Marathons, doch die Halbmarathon-Weltrekordlerin glaubt, dass sie bereit ist für ihr erstes Meisterschaftsrennen über die klassische Distanz. „Ich bin jetzt vier Marathonrennen gelaufen und habe dabei viel gelernt. Das Rennen in London im April wird mir helfen im Hinblick auf den Olympia-Marathon“, sagt Mary Keitany, die in New York taktische Fehler gemacht hatte. „Ich muss vorbereitet sein auf ein taktisches Rennen“, erklärt sie und fügt hinzu: „Die Äthiopierinnen und die anderen Kenianerinnen werden stark sein. Zumindest möchte ich in London eine Medaille für Kenia gewinnen.“ Das große Ziel aber ist Gold.

Das Wichtigste in Kürze:
Nation: Kenia
Alter: 30 Jahre
Bestzeit: 2:18:37 Stunden (2012/Afrikarekord)

Größte Erfolge:
1. London-Marathon 2011 und 2012
3. New-York-Marathon 2010 und 2011
25-km-Weltrekordlerin (1:19:53 bei Big 25 Berlin 2010) Halbmarathon-Weltrekordlerin(65:50 in Ras Al Khaimah/UAE 2011)
Halbmarathon-Weltmeisterin 2009 und Zweite 2007

Olympia-Einschätzung:
Mary Keitany muss nach ihrem starken Rennen in London als die Favoritin für den olympischen Marathon eingeschätzt werden. Die neue Afrikarekordlerin ist in der Lage deutlich unter 2:20 Stunden zu laufen und verfügt über eine sehr gute Grundschnelligkeit. Damit hat sie in einem Meisterschaftsrennen fast alle Trümpfe in der Hand und ist für fast jede Art von Rennen vorbereitet. Es ist allerdings ihr erster Meisterschaftslauf über die Marathondistanz. Auch die richtige Taktik ist in einem solchen Rennen ohne Tempomacher gefragt. Das könnte ihr Manko sein und anderen eine Chance eröffnen. Läuft Mary Keitany so wie in New York 2011, nimmt sie sich selbst die große Chance auf das Olympia-Gold. Rennt sie dagegen, wovon auszugehen ist, auch ohne Tempomacher so wie in London 2011 und 2012 ist sie kaum zu schlagen.

Olympische Spiele 2012 in London:

Olympia-Marathon ohne Paula Radcl...