Eckart von Hirschhausen

Marathon ist Tanzen ohne Musik

Dr. med. Eckart von Hirschhausen beim 10-km-Lauf auf Mallorca

Marathon als Meditation: Der einfachste Rhythmus, den wir haben, ist unser Laufrhythmus. Über wiederkehrende, rhythmische Bewegungen kommt man in einen Entspannungszustand.

Bild: Ralf Graner

Jeder Mensch, das unterscheidet uns vom Tier, ist mal unglücklich: was macht Glücks-Autor E. v. H. wenn er mal unglücklich ist?

Ich versuche mich schon an die Sachen zu halten, die ich selber auch empfehle. Ich behaupte nichts, was ich nicht entweder von der Forschung her belegen kann oder selber auch ausprobiert habe. Ich habe auch noch eine andere These. Laufen ist ein ganz großer Glücklichmacher, aber auch die Musik.

Passiv oder aktiv?

Am besten aktiv, am besten singen oder tanzen. Und mein Verdacht ist ja, dass Marathon eine Form von Tanzen ohne Musik ist. Weil der einfachste Rhythmus, den wir haben, ist unser Laufrhythmus. Und wenn man sich mal anschaut, wie man in einen Entspannungszustand kommt, in eine Trance, dann geht das immer über wiederkehrende, rhythmische Bewegungen. Und, das wird jeder Läufer bestätigen können, man kommt in eine Welt, die etwas Meditatives hat. Das kann man erreichen über Musik und durch Meditation. Je nach Typ gibt es Leute, die machen lieber Meditation und dann andere, die lieber laufen. Einfach von der Grundphysiologie her gibt es Leute, die sind mehr auf Bewegung aus als andere. Viele sagen, dass Laufen etwas Kreatives, etwas Spirituelles hat. Laufen ist einerseits ein Kampf gegen die Trägheit, gegen die eigene Schwere, gegen die Schwerkraft. Aber auf der anderen Seite ist es auch immer ein Weg zu sich selbst.

Viele Leute laufen mit Stöpseln im Ohr. Das belegt auch meine These, dass Marathon etwas mit Musik zu tun hat, oder mit dem Wunsch nach Extase, nach Außer-sich-sein. Oder wenn man sich die Reaktionen der Leute anguckt, die zugucken: Die haben Bongos und Tröten, die haben Pfeifen und klatschen rhythmisch und so weiter, um jemanden anzutreiben. Ich glaube, da sind wir gar nicht so weit von Afrika entfernt. Ich glaube auch, dass die Marathon-Szene, die ich hier zum ersten Mal so ein bisschen erlebe, etwas von einer Stammeskultur hat.

Wenn man als Ethnologe, als Völkerkundler hier her kommt, dann stellt man fest: das ist hier wie eine große Klassenreise. Der Spirit unter den Läufern ist: „Wir haben etwas, das uns verbindet“. Jeder läuft für sich, aber trotzdem läuft man irgendwie gemeinsam. Man fühlt sich in so einer Art Wertegemeinschaft aufgehoben. Man ist natürlich auch abgegrenzt von all den dicken Touristen, die nur faul in der Sonne liegen – da fühlt man sich moralisch so richtig überlegen. Das ist eine Elite. Und man freut sich auch Leute wieder zu sehen, die man vielleicht vor einem Jahr bei einem anderen Marathon getroffen hat. Ich glaube, diese Einsamkeit des Läufers im Training findet ihren natürlichen Gegenpol in den Events, wo man sich dann auf der Party oder beim Pastaessen kennen lernt.

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