Marvin Running

Macht laufen asozial?

Ich bin mir sicher: Läufer sind Wesen mit schwarzer Seele und einem Herz aus Stein.

26092011_Kolumnen_Marvin_Running_sub_macht_laufen_asozial

Die Alster lockt täglich hunderte Läufer an.

Bild: Caro Kraft

Montagmittag an der Alster, zur besten Promenierzeit, war es mal wieder soweit: Ein unbekannter, junger Scherzkeks grinste uns an, wie wir so vorbeilaufen, klatscht wie ein dressierter Seehund in die Hände und blökt: „Hopp! Hopp! Hopp!“

In der Regel beachtet Herrchen ein solches Verhalten gar nicht und läuft wortlos weiter. Diesmal nicht. Diesmal glotzte er die marktschreiende Grinsebacke an, nahm den Fehdehandschuh auf, legte die Hände zu einem Trichter vor den Mund und rief allen Passanten zu: „Ist hier eine Frau Hopp?! Ihr Sonderschüler braucht Sie!“

„Wie bös‘!“, jubele ich.

Doch nun plagt Herrchen plötzlich das schlechte Gewissen: „Eigentlich war das eben nicht okay von uns. Kann es sein, dass Laufen uns asozialer macht?“

„Hm Lass' mich mal überlegen... Wir haben hier jemanden, der ernsthaft über Projekte wie ‚Durch den Nationalpark Müritz laufen. Im Schottenrock.‘ nachdenkt. Ist das noch asozial oder sollte man so jemanden einfach gleich in die Geschlossene einweisen?“

„Aber das macht doch Spaß…“, zweifelt er. „Meinst du das wirklich?"

„Nicht ich“, sage ich geduldig. „Sondern die Humanistische Psychologie. Nach der bedeutet 'Spaß' - sie nennen das allerdings 'Selbstverwirklichung' - sich im Umgang mit Menschen und Dingen als kompetent zu erleben. So gesehen ist die Schottenrock-Nummer eindeutig nicht selbstverwirklichend.“

„Naja…“, duckst er. „Vielleicht so ein bisschen…“

„Klar, natürlich. Wenn man der irreführenden Auffassung ist, Selbstverwirklichung sei die möglichst egoistische Befriedigung der eigenen Bedürfnisse…“

„Hey. Warum muss ich mir so was von meinem Schweinehund erzählen lassen?“

„Weil dich dein Gewissen schon längst als nicht diskussionsfähig aufgegeben hat. Bestimmt liegt das am Laufen.“

„Kann es sein, dass du gerade auf subtile Art das tust, was du mir eigentlich vorwirfst: Egoistisch deine eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund schieben?“

„Wir drehen uns im Kreis“, stelle ich fest.

Nun grinst plötzlich er: „Oh ja. Guter Vorschlag Marvin. Auf zur nächsten Alsterrunde!“

Oje, weh mir. „Ist hier ein Humanistischer Psychologe?!“, rufe ich verzweifelt. „Ihr Sonderschüler braucht Sie!“

Komisch, das hilft auch nicht wirklich weiter.

Bekenntnisse eines Schweinehunds:

Sonne, Zittern oder Zahnpasta?