Toms Top Ten

Laufen in der Industriewüste

Kohle-Kraftwerke, Benzin-Bunker und Schwefel-Schlote - ein Lauf durchs Industriegebiet ist eine interessante Idee. Man macht ganz neue Erfahrungen.

Toms Top Ten: Laufen in der Industriewüste

Industrie- und Laufrevier Hafen.

Bild: Tom

10. Gerüche: Der Weinpapst Hugh Johnson würde es vielleicht so beschreiben: Komplexe Duftschattierungen voller exotischer Pikanz, nach organischen Feuchte-Nestern und saftiger Schweinemast-Abluft, gutes Säurespiel mit enorm langem Schwefelwasserstoff-Finale.

9. Blick auf die Funktionswäsche der Brummifahrer aus Osteuropa: Atmungsaktive Feinripp-Unterhemden mit großzügigen Ventilationsbereichen an Achsel und Bauchmitte für höchsten Tragekomfort und funktionelles Design. Und eine Körperbehaarung, die auch bei Minusgraden noch die optimale Balance zwischen Wetterschutz und Klimakomfort gewährleistet.

8. Nächtliche Industrieromantik: Nächtlicher Wald ist gruselig, beleuchtete Industrieanlagen eigenartig zauberhaft. Tagsüber ist es umgekehrt. Versteh das einer.

7. Tiere: Erstaunlich, wie zum Beispiel Kaninchen sich mit Kali-Halden arrangieren können. Das gibt Motivation, sich selbst evolutionär weiterzuentwickeln.

6. Geräusche: Sie genießen das Zwitschern der Vögel im Wald? Dann haben Sie vielleicht auch einen Sinn für das Knistern von Umspannwerken, Stichflammenlodern aus Raffinerieschloten oder das Brüllen eines landenden A380.

5. Gleichgesinnte: Begegnen Sie einem Läufer im Wald, grüßen Sie sich vielleicht höflich. Begegnen Sie sich dagegen zwischen Tanklagersilos, halten Sie Ihren Sportkameraden bestenfalls für merkwürdig. Keine Sorge, das geht ihm mit Ihnen genauso.

4. Gütertransport: Erst im entfesselten Lastverkehr fühlt man als laufender Mensch die ungefilterte Schutzlosigkeit des Lebens im Industriezeitalter.

3. Regenbögen: Ein schönes Naturphänomen, das Sie in etwas abgewandelter Form auch in den schillernden Ölfarben von Wasserpfützen bzw. Flüssigkeits-Lachen im Petroleumhafen haben können.

2. Wind: Goldene Rapsfelder im Mai sind schön. Wind in den Haaren ist schön. Sich beim Laufen die Ölmühlen-Abluft der Rapsölherstellung durch Haare und Nase wehen zu lassen ist... interessant. Sehr wahrscheinlich bringen Sie danach Ihre Margarine zum Recyclinghof.

1. Das Beste: Wenn Sie nach so einer Industriegebiet-Runde wieder in der Natur laufen, genießen Sie das deutlich mehr als vorher. Und vielleicht relativiert das einige Dinge in Bezug auf die Bedürfnisse des modernen Lebens.


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