Dieter Baumann

Lauf dein Rennen!

Gemeinsam liefen die beiden Schnellsten beim Stuttgarter Halbmarathon ins Ziel. Dieter gefällt so viel Gemeinsamkeit nicht.

Dieter Baumann: Lauf der Woche

Martin Beckmann und Markus Weiß-Latzko.

Bild: Josef Rüter

Lauf der Woche
Freitag, 03. Juni 2011
Wiesbaden
Halbmarathon: 1:24 Stunden


Ich melde mich vom Dauerlaufen. Diesmal aus Wiesbaden, von einem Halbmarathon, auf einer 800-Meter-Runde im Knast. Staffellauf war angesagt, je fünf Jugendliche in elf Mannschaften. Klar musste ich durchlaufen, versuchte mich in der Spitzengruppe zu halten und es hat sich gelohnt. Ich wurde Zeuge eines tollen Rennens.

Beim Stuttgarter Zeitungslauf in der vergangenen Woche gab es kein tolles Rennen. Martin Beckmann, einer der wenigen verbliebenen Marathonläufer Deutschlands, und der „Nachwuchsmann“ Markus Weiß-Latzko hatten sich von der Konkurrenz abgesetzt. „Nach Kilometer zwölf hatten wir uns entschlossen, den Weg gemeinsam zu gehen“, gab Beckmann nach dem Rennen zu Protokoll.

Gemeinsam liefen die Jungs in Wiesbaden auch, aber – wie es der Wesenskern eines Wettkampfes ist - eben auch gegeneinander. Oder ist der Stuttgarter Zeitungslauf kein Wettkampf? Fließen die dort gelaufenen Zeiten in keine Bestenliste? Werden dort nicht gleich nach dem Rennen neue Träume geboren?

Aber egal, zurück zum Staffelrennen. Die Jugendlichen aus der Heimanstalt Wiesbaden führten sehr lange. Was zur Folge hatte, dass die Kollegen am Streckenrand ihre Jungs anfeuerten. Klar ging es für die Zuschauer und die Läufer um den Sieg. Nach dem dritten Wechsel kamen die Anstalten Rockenberg und Laufen-Lebenau auf, sie machten die Lücke zu und nun liefen sie zu dritt. Wer ist die beste Staffel in Süddeutschland, wer gewinnt? Noch nie war diese Frage so lange offen wie in diesem Staffelrennen.

Wer ist der Schnellste in Stuttgart? Dieser Frage sind Beckmann und Weiß-Latzko mit dem „Nichtangriffpakt“ aus dem Weg gegangen. „Wir hätten uns auch bis auf Messer bekriegen können“, sagte Beckmann, „da wir uns gut kennen, wollten wir entspannt zusammen ins Ziel laufen.” Zusammen ins Ziel laufen? Ist es nicht ein Urgedanke des Wettkampfsportes den Gewinner zu ermitteln? Als unfair gilt auch, wenn man nicht voll läuft, wenn man andere gewinnen lässt.

„Schau nicht nach den anderen! Lauf dein Rennen!“ brüllte der Betreuer von Laufen-Lebenau seinem Schützling zu. Es war der letzte Staffelläufer, noch zwei Kilometer zu laufen. Rockenberg und Laufen-Lebenau hatten sich abgesetzt. Beide waren mit dieser Platzierung schon im Finale, das in zwei Wochen stattfindet. Keiner hätte spurten müssen. „Lauf dein Rennen“! Für die Jugendlichen in dieser schweren Lebenssituation ein doppeldeutiger Satz. Lebe dein Leben, mach was draus, könnte ich auch sagen. Der Mann aus Laufen-Lebenau machte was draus, er zog an, schob sich am Rockenberger vorbei, spurtete über einen Kilometer lang und gewann mit großem Vorsprung. Die Emotionen der Kollegen im Ziel waren unbeschreiblich.

„Lauf dein Rennen!“ Ich hätte es gerne Beckmann oder Weiß-Latzko in Stuttgart zugerufen. Der eine hatte Angst, vom Neuling geschlagen zu werden, und der Neuling hatte Angst zu gewinnen und begnügte sich, mit dem großen Beckmann ins Ziel zu laufen. Wettkämpfe sehen anders aus.


Endspurt: Dieter Baumann und Martin Grüning, Stellvertretender Chefredakteur von RUNNER'S WORLD, bloggen zum 100-km-Lauf in Biel, den beide in diesem Jahr laufen wollen.

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