Dieter Baumann

Kein Windschatten-Bonus für den Senior

Beim Köhlbrandbrückenlauf wehte der Wind mächtig, doch keiner nahm Rücksicht auf Altersklassenläufer Dieter Baumann.

Dieter Baumann: Lauf der Woche

Dieter Baumann und Andreas J. nach dem Lauf über die Köhlbrandbrücke.

Bild: Privat

Lauf der Woche
Montag, 03. Oktober 2011
Hamburg
12 km Tempo, Wind und Berg


Ich melde mich vom Dauerlauf und damit direkt aus dem Hamburger Hafen. Ja, wann hat es das schon einmal gegeben? 12 Kilometer Dauerlaufen über die Köhlbrandbrücke und damit über den Hafen hinweg. Noch nie hat es das gegeben und damit möchte ich allen Teilnehmern zur neuen persönlichen Bestzeit gratulieren. Das Ding, liebe Freunde der Laufkunst, nimmt euch keiner mehr.

Deshalb gab es auch nur glückliche Gesichter am Montag in Hamburg. Ein toller Lauf, mit toller Kulisse bei tollem Wetter. Wobei, beim letztgenannten gäbe es für die Veranstalter noch Möglichkeiten der Verbesserung: wir hatten sechs Kilometer Gegenwind. Kann man das nicht abstellen? Am Anfang hatte mich das nicht weiter gestört, denn meine Gruppe war groß und ich versteckte mich, so gut es ging. Dann plötzlich spülte es mich wie durch Geisterhand nach vorne und schon blies mir der Wind ins Gesicht. Nein, dachte ich, der steile Anstieg der Köhlbrandbrücke und jetzt noch Wind, das geht gar nicht. Deshalb ließ ich mich zurückfallen und suchte Schutz hinter einem jungen Mann. Es war Andreas J. aus C.

Es ist ja nicht immer einfach, hinter einem anderen Läufer zu laufen. Der eine macht einen zu großen Schritt, der andere zu kleine, einer wedelt wild mit den Armen und der andere atmet zu laut. Aber Andreas J. aus C. lief einen – für mich – perfekten Schritt. Gleichmäßig, rund und leise! Ich merkte es sofort, Andreas ist mein Mann, doch schon nach 30 Sekunden scherte er plötzlich nach links aus und lies mich im Wind stehen. Es war nicht angekündigt, so nach der Art: „Achtung Hintermann, ich geh jetzt mal zur Seite“. Nein, Andreas wuchtete sich innerhalb einer Zehntelsekunde um drei Meter nach links. Es war die Sprache: „Du alter Lutscher, mach selber was!“

Wieder war ich also vorne, doch wieder lies ich mich zurück fallen und wieder landete ich hinter dem Rücken von Andreas J. Gut, Andreas war kein Schrank, eher schmächtig – aber mir reichte das, ich war dankbar. Doch dazu hatte ich wenig Zeit denn kaum hatte ich mich in Windsicherheit gebracht, scherte Andreas aus – „Alter Sack, wie oft denn noch?“ – und ich musste arbeiten. Mehr arbeiten als jeder andere im Feld, auf meine Altersklasse wurde überhaupt keine Rücksicht genommen. Was glauben die Jungen eigentlich? „Kraft der zwei Herzen“, oder was? Keiner wollte mich mehr ablösen. So ist das heute, keine Rücksicht mehr auf uns ältere Läufer.

Am gleichen Tag flog ich zurück. Der Flughafen war überfüllt. Ich kam ans Gate, der Flug wurde aufgerufen und ich stellte mich an. Der erste Bus fuhr los, im zweiten fand ich einen Sitzplatz, immer mehr Fluggäste stiegen ein, am Schluss kamen zwei kleine Mädchen. Sie flogen mit Flugbegleitern. Es gab keinen Sitzplatz mehr, deshalb stand ich auf, um den Zweien meinen Platz anzubieten. Beide schauten mich mit großen Augen an: „Nein, nein“, sagte eines der Mädchen, „wir stehen gerne. Sitzplätze sind doch für Sie.“


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