Siegertyp

Karriere am Scheideweg

2003 war Lagat in absoluter Topform. Da geriet er plötzlich unter Doping-Verdacht. Die Fans standen zu ihm.

Bernard Lagat und Familie

Familienmensch: Lagat mit Sohn Miika, Tochter Gianna und Ehefrau Gladys.

Bild: Michael Darter

Seit Stuttgart ist Bernard Lagat ein anderer Mensch. Sein Selbstbewusstsein wuchs sprunghaft und damit auch seine Ziele. Im folgenden Jahr, 1999, stellte er in Zürich, im legendären Stadion Letzigrund, mit 3:30:56 Minuten einen neuen US-Hochschulrekord auf, und am Ende der Saison wurde er im angesehenen Leichtathletik-Fachblatt „Track & Field News“ auf Platz vier der Welt über 1.500 Meter geführt. Nebenher machte er seine Uni-Abschlüsse und … verliebte sich.

Bernard und Gladys kannten sich schon seit Jahren, aber erst jetzt, da er nicht mehr studierte, gab die College-Trainerin seinem Werben nach. Coach Li war gar nicht glücklich darüber. Die Olympischen Spiele in Sydney standen vor der Tür. Lagat hatte sich über 1.500 Meter für das kenianische Team qualifiziert, und Li hatte Angst, dass die Beziehung den Athleten ablenken könnte. Doch Bernard bestand darauf, dass ihn Gladys nach Sydney begleitete. In 3:32:44 Minuten holte er hinter Landsmann Noah Ngeny (3:32:07) und Hicham El Guerrouj die Bronzemedaille. Nun zählte er zu den ganz Großen in der internationalen Leichtathletik. Aber das war für ihn kein Grund, seinen Ehrgeiz zurückzuschrauben. Er wollte mehr: mehr Erfolg und schnellere Zeiten. Doch dann bekam seine steile Karriere einen herben Dämpfer.

Es war im Jahr 2003, die Weltmeisterschaften in Paris standen vor der Tür. Lagat hatte inzwischen eine Bestzeit von 3:26:34 Minuten und war damit nur einen Wimpernschlag vom Weltrekord El Guerroujs entfernt, der bei 3:26:00 lag. Da stand eines Tages ein Funktionär vor seiner Tür und überreichte ihm einen Brief, in dem stand, er sei positiv auf EPO getestet worden. EPO (Erythropoetin) ist ein künstlich hergestelltes Hormon zur Erhöhung der Anzahl der roten Blutkörperchen, das die Ausdauer verbessert. Doping! Lagat sank in sich zusammen. „Ich habe geweint und geschrien.“ Für fünf Wochen versank er in eine tiefe Depression. Er wurde von den Weltmeisterschaften ausgeschlossen und gesperrt. Erst die B-Probe rüttelte ihn wieder wach: Sie war negativ! Doch der Schlag saß tief. Über Wochen hatte die Öffentlichkeit geglaubt, dass Bernard, der sogar die üblichen Nahrungsergänzungsmittel ablehnte, seine Leistung manipuliert hätte. Sollte er aufhören? Nein!

Schon bei den ersten Meetings nach dem Zwischenfall wurde er vom Publikum wieder mit Ovationen gefeiert. Im Januar 2004, bei einem Hallenrennen in Boston, liefen ihm Tränen über die Wangen, als die Zuschauer immer wieder seinen Namen skandierten. „Speziell in seiner Wahlheimat USA ging man mit den Dopingvorwürfen sehr entspannt um“, meinte Coach Li. „Ich weiß nicht, ob man das gut finden soll. Aber für meinen Athleten war das Balsam auf seine Wunden.“

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