Düsseldorf-Marathon

Jan Fitschen: „Ich habe ganz einfach nur Pech gehabt“

Jan Fitschen, der die Olympia-Qualifikation beim Düsseldorf-Marathon verpasste, im Interview mit Martin Grüning.

Jan Fitschen

Bild: Norbert Wilhelmi

Jan Fitschen, 35, verpasste die Olympia-Qualifikation beim Düsseldorf-Marathon. Er beendete das Rennen dort vorzeitig bei Kilometer 26 aufgrund von muskulären Problemen. Der frühere 10.000-m-Europameister lässt sich davon aber nicht entmutigen, stellte Martin Grüning, der stellvertretende Chefredakteur von RUNNER’S WORLD, fest, der ihn drei Tage nach dem Missgeschick interviewte.

Martin Grüning: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, den Sie in diesen Tagen feiern. Mit 35 Jahren sind sie ja jetzt so langsam im besten Marathonalter…

Jan Fitschen: Ja, das hoffe ich auch. Oder sagen wir es so: meine beste Marathonzeit liegt noch vor mir und beginnt… jetzt. Das beschließe ich hier einfach mal.

Martin Grüning: Wie geht es Ihnen überhaupt gesundheitlich, so wenige Tage nach dem Düsseldorf-Marathon? Was sagen die Beine?

Jan Fitschen: Also am Renntag hatte ich nach dem vorzeitigen Ausstieg so starke Schmerzen in den Beinmuskeln, da dachte ich noch, dass ich tagelang keinen Schritt tun könnte. Aber dann war ich erstaunlich schnell wieder gehfähig und bin schon jetzt wieder fast ganz schmerzfrei. Das ging fixer als erwartet und ich bin ganz optimistisch, dass ich schon bald wieder mit dem Training beginnen kann.

Martin Grüning: Was ist in der Rückbetrachtung falsch gelaufen? Warum hat es letztendlich mit der Olympia-Qualifikation nicht hingehauen?

Jan Fitschen: Ich wusste, dass ich 150 Prozent geben muss und auch das Training grenzwertig anspruchsvoll werden würde. Auch war mir klar, dass ich an die Belastungsgrenzen und von Zeit zu Zeit darüber hinaus gehen musste. Von daher bestand und besteht immer ein gewisses Risiko, ob man das gesund durchsteht. Und beim Marathon habe ich nur den einen Versuch am Tag X und nicht die Möglichkeit, am nächsten Wochenende einen zweiten Versuch zu starten. Es war wirklich schon krass, dass ich über den Winter und das Frühjahr dieses aufwendige Training so gut gemeistert hatte, nur dann, ausgerechnet in der letzten Woche vor dem Düsseldorf-Marathon, tauchten muskuläre Wehwehchen auf. Das ist halt manchmal so, nicht alles ist hundertprozentig planbar. Und somit glaube ich, ich habe ganz einfach nur Pech gehabt.

Martin Grüning: Was war es genau? Schmerzen im Oberschenkel?

Jan Fitschen: Genau. Es ging exakt eine Woche vor dem Düsseldorf-Marathon los. Es war nichts Gravierendes, ich dachte, dass es vielleicht auch meiner Anspannung geschuldet sei, aber der Schmerz war immer leicht da. Wäre das Problem doch nur acht Tage später aufgetaucht… Aber, Pech gehabt!

Martin Grüning: Haben Sie nicht auch vielleicht im Training den Fehler gemacht, dass Sie zu selten im geforderten Marathonrenntempo von 3:07 Minuten pro Kilometer gelaufen sind. Das Tempo, welches Sie schließlich 42mal am Stück durchlaufen können mussten?

Jan Fitschen: Ja, ich habe da wirklich relativ wenig gemacht, das stimmt. Aber das ist auch schwerlich möglich, wenn man, wie ich, sehr stark aufs Höhentraining setzt. In der Höhe habe ich dazu nicht die Möglichkeit, dort kann man nicht so schnell laufen. Die Tempowechselläufe, die ich in Kenia gemacht habe, waren tatsächlich ein Stückchen langsamer, als das geforderte Tempo, aber wenn man meine dortigen Zeiten mit den Höhenbedingungen verrechnet, dann war ich schon genau da, wo auch das Marathontempo auf Meereshöhe liegt. Wenn ich auf einer schlecht gepflegten und falsch vermessenen Aschenbahn auf über 2000 Meter Höhe meine 1000er in 3:10er- oder 3:12er-Schnitt mache, dann rechne man bitte mal die obligatorischen fünf Sekunden pro Kilometer runter, dann ist man da, wo ich hin sollte.

Martin Grüning: Sie glauben also, Sie hatten ausreichend spezifisch trainiert?

Jan Fitschen: Ja! Aber: Auch ohne die Muskelprobleme im Vorfeld, wäre es eng mit der geforderten Norm von 2:12 Stunden geworden. Doch ich denke, dass ich grundsätzlich eine realistische Chance gehabt habe. Und zum Training nochmal: Ich habe mich fürs Höhentraining bewusst entschieden und wusste, dass ich damit das Tempo betreffend Abstriche machen musste. Das Höhentraining hat mich auch daran gehindert, im Vorfeld einen harten Halbmarathon-Wettkampf zu laufen. Das passte da einfach nicht mit rein. Aber ein erfolgreiches Training ist immer auch ein Kompromiss aus vielen guten Ideen. Übrigens, ohne ein Höhentraining wäre ich 2006 nicht 10000-m-Europameister geworden.

Martin Grüning: Das wäre mein zweiter Kritikpunkt gewesen: zu wenige Wettkämpfe in der Vorbereitung.

Jan Fitschen: Ich habe wirklich sehr wenige Wettkämpfe gemacht, aber es ist nicht mit einem oder zwei 10er-Straßenläufen getan, das bringt einen auch nicht vorwärts. Ein hochklassiger Halbmarathon wäre vielleicht wichtig für eine Marathonvorbereitung. Doch, es ist wie es ist, ich brauche nach wie vor noch sehr lange, um mich von solchen Rennen zu erholen. Da fehlt mir noch das Straßenläufer-Gen, ein Halbmarathon raubt mir in einer straffen Marathonplanung schlussendlich drei Wochen Training. Und auch da galt es dann wieder abzuwägen, ob sich das auszahlt, und ich habe mich gegen die Wettkämpfe und fürs Training entschieden. Ich glaube, dass ich da aber durchaus auch noch hinkommen kann, dass ich harte Straßenrennen schneller verkrafte. In ein, zwei Jahren werde ich auch in der Lage sein, aus einem Marathontraining heraus, einen Halbmarathon mit Vollgas mitzulaufen und eine Woche später wieder ganz normal im Marathontraining weiter zu machen. Sagen wir es so: hätte die Olympia-Qualifikation erst in zwei Jahren angestanden, hätten Sie mich im Vorfeld auch bei mehr Wettkämpfen am Start gesehen.

Martin Grüning: Ich finde Ihren Optimismus sehr erfrischend und ich weiß, dass es viele Läufer genauso sehen. Aber ist es nicht auch eine enorme Bürde, immer „everybody‘s darling“ sein zu müssen?

Jan Fitschen: Och, es gibt genug Leute, die auch meckern, von daher sage ich mal: so ganz unumstritten bin ich nicht…

Martin Grüning: Tatsächlich?

Jan Fitschen: Ja, klar. Aber wenn man sich, wie ich auf meiner Webseite www.janfitschen.de, zum gläsernen Athleten macht und jedes Training und jede Emotion öffentlich macht, muss man auch mit Kritik rechnen und umgehen können. Tatsächlich sind aber 90 Prozent der Meinungen, Aussagen, Zusendungen, die bei mir ankommen, sehr positiv.

„Everybody’s darling“ klingt zwar toll, aber jeder, der mich kennt, weiß, dass ich auch jede Menge Ecken und Kanten habe. Ich bin ein optimistischer Mensch, aber ich bin auch einfach nur ein Läufer mit Höhen und Tiefen, wie die vielen anderen Läufer auch, die mich sehen und meine Karriere verfolgen. Ich glaube, dass meine „Fans“ einfach nachvollziehen können, was mich bewegt, wenn ich nach monatelanger Vorbereitung ein Rennen aufgeben muss. Das haben sie alles selbst auch schon mal erlebt und sie honorieren, dass ich offen und ehrlich damit umgehe, und mich nie entmutigen lasse. Ich veranstalte keine Riesen-Show, sondern ich gebe mich, wie ich bin. Ich bekomme mein Fett ab, wie jeder andere auch, ich jubele über Erfolge, wie jeder andere auch… das ist alles keine komplizierte Sache. Ich bin ich.

Martin Grüning: Deswegen: die Olympischen Spiele sind abgehakt, aber so ein fröhlicher Kerl wie Sie, der schmeißt ja jetzt nicht die Flinte ins Korn. Wie sieht die weitere Planung denn aus?

Jan Fitschen: Kommt darauf an, wie schnell ich wieder fit werde. Aber was mir dann vorschwebt, ist, dass ich ein bisschen nachhole, was ich zuletzt vernachlässigt habe: ein paar schnelle 10-km-Läufe auf der Straße, natürlich auch einen vernünftigen Halbmarathon hinlegen, und dann im Herbst nochmal im Marathon angreifen und eine ordentliche Zeit rennen. Die Olympischen Spiele wären toll gewesen, aber – ehrlich gesagt – alleine die Teilnahme wäre zwar schön, aber auch nicht das gewesen, was mich alleine glücklich macht. Mein Ziel ist nach wie vor, den Marathon mal richtig schnell zu laufen und dies möchte ich nicht aus den Augen verlieren, auch wenn es jetzt mit der Olympia-Norm nicht geklappt hat.

Martin Grüning: Können Sie sich denn vorstellen, nochmal gegen eine Quali für eine große Meisterschaft anzurennen, oder geht es zukünftig nur noch darum, die Leistungsgrenze im Marathon auszuloten?

Jan Fitschen: Ich will den Marathon schnellstmöglich laufen, das ist das Wichtigste, und wenn ich mich dann auch noch für eine Welt- oder Europameisterschaft qualifiziere, umso besser. Reizen würde mich das sicher, gerade auch, wenn wir bei einer solchen Meisterschaft mal mit einer Mannschaft am Start wären.

Martin Grüning: Machen Sie sich eigentlich schon Gedanken, was nach der Lauflkarriere kommt? Sehen Sie Ihre berufliche Zukunft im Laufsport, oder eher woanders, was bei einem diplomierten Physiker ja nicht so abwegig wäre?

Jan Fitschen: Ich denke, ich würde es sehr gerne kombinieren. Also nur in der Laufszene aktiv zu sein, wäre mir ein bisschen zu wenig, das wäre nur die Fortsetzung dessen, was ich jetzt lebe. Aber ich würde auch gerne noch einen anderen Job mache, wo ich eben auch mit meinen Physik- und Wirtschaftsstudien etwas anfangen kann. Mein Traum wäre es, nach der Karriere einen Halbtagsjob in einem Beruf zu finden, der abseits des Sports Herausforderungen bietet und die andere Zeit mit dem Laufen, mit Laufseminaren, mit Laufabenteuern zu verbringen. Ich würde gerne mal an irgendwelchen Extremläufen teilnehmen, Wüstendurchquerungen oder ähnliches, oder am Engadiner Skimarathon, oder an einem attraktiven Triathlon, aber das passt aktuell eher schlecht in mein Trainingsprogramm…