Dieter Baumann

Immer dieser Laufzwang

Dieter traf eine ehemalige Kollegin aus der Nationalmannschaft und schockierte sie mächtig.

Dieter Baumann

Bild: Privat

Lauf der Woche
Sonntag, 23. Oktober 2011
Lubmin
15 km, Schnitt: 3:30 Minuten, total erzwungen


Ich melde mich vom Dauerlauf und das direkt von der Ostseeküste in Lubmin. Was für eine Landschaft, was für ein Lauf, einfach wunderbar. Halt, alles der Reihe nach.

Am Vorabend spielte ich mein Kabarett-Programm in Lubmin. Es hat ein wenig gedauert, bis ich einen Schwaben gefunden hatte, der mich vor Ort simultan übersetzte, doch dann wurde es ein toller Abend. Am Ende haben die Leute sogar getanzt. „Baumann, trag doch nicht immer so dick auf“, werden sie sagen. Aber es stimmt, die Menschen in Lubmin haben getanzt, und wie die getanzt haben! Und wer mich kennt, weiß, ich bin die Bescheidenheit in Person.

Am nächsten Morgen fand der Sebastian-Fredrich-Gedenklauf statt. 10 Kilometer. Ich wollte gerade meine Startnummer holen, da steht eine ehemalige Kollegin aus der Nationalmannschaft vor mir. Was für ein Zufall, hier oben im Norden.

Sie: „Wie geht’s?“
Ich: „Super!“
Sie: „Läufst Du mit?“
Ich: „Natürlich!“

Wahrscheinlich hatte sie bemerkt, dass ich voller Einsatzwille war, denn:
Sie: „Machst Du nur noch auf Kabarett?“ (Begleitet wurde diese Frage mit einem unmerklichen Nicken, das auf ein Plakatbild gerichtet war, das mein Programm ankündigt.)
Ich: „Ja, eigentlich, also…“ (Ich kam ins Stottern, spürte die negativen Wellen in dieser Frage, denn sie hätte mich auch fragen können: Machst du nur noch so einen Mist?)
Ich, weiter stotternd: „Weißt du, manchmal, nicht so oft, nur, wenn es sich anbietet.“

Um abzulenken zeigte ich auf ihre Startnummer.
Ich: „Du läufst auch?“
Sie: „Ja.“
Ich: „Wie oft trainierst du denn noch?“
Sie: „Fast nichts mehr. Alle 14 Tage. Mir steht es bis hier!“ (Dabei zeigte sie mit ihrer Hand an die Stirn.)

Sie, weiter an die Stirn zeigend: „Aber ich muss ja! Wegen dem Kreislauf! Und Du?“
Ich: „Wie ich? Ja, ich laufe heute auch, aber ganz locker.“
Sie: „Nicht heute. Ob du noch läufst?“ (Wieder nahm ich diese negativen Wellen wahr, die Frage hätte auch lauten können: Machst du nur noch so einen Mist?)
Ich: „Mir geht es genauso. Die Lauferei – schrecklich. Total zwingen muss ich mich. Jeden Tag zwingen!“

Sie: „Jeden Tag? Du läufst jeden Tag?“ (Dabei riss sie ihre Augen auf.)
Ich: „Was soll ich machen? Ich muss ja. Da gibt es doch diese neue Studie. Hat dich der DLV (Deutscher Leichtathletik-Verband) noch nicht informiert? Sportwissenschaftler haben festgestellt, dass ehemalige Leistungssportler ihr ganzes Leben das Training beibehalten müssen. Abtrainieren, wegen dem Kreislauf, war gestern. Heute heißt es: Weiter, immer weiter. Die Ergebnisse zeigen, wir leben in einer ständigen Gefahr, sollten wir nur einmal mit der Lauferei pausieren.

Sie: (ganz überrascht) „Das habe ich noch gar nicht gehört. Und was kann passieren?“
Ich: „Eindeutige Ergebnisse gibt es noch nicht. Wahrscheinlich werden wir alle mal sterben. Aber alle heben warnend den Zeigefinger. Wir sollen laufen – täglich!“
Sie: „Das ist ja schrecklich!“
Ich: „Ich weiß. Muss mich auch ständig zwingen, jeden Tag ein Kampf, bis ich endlich die Laufschuhe anziehe. Mental bin ich schon total kaputt. Dieser Überwindungskampf…“
Sie: „Und wie nennen die diese Krankheit?“
Ich: „Alle sprechen von Grüning*. Grüning zwingt mich, täglich zu laufen. Grüning ist überall - hinter mir, neben mir, über mir, ja, sie nennen es Grüning.“


* Martin Grüning ist der Stellvertretende Chefredakteur der Zeitschrift RUNNER'S WORLD.


Dieter Baumann: Lauf der Woche:

Laufen ohne Rolex