Lisa Hahner

Im Rennen schenke ich meiner Schwester nichts

Lisa Hahner, 21, derzeit Deutschlands beste Nachwuchslangstrecklerin, im Gespräch mit Martin Grüning über ihre Zwillingsschwester Anna und ihre Ziele bis 2016.

Lisa und Anna Hahner

Lisa und Anna Hahner

Bild: Norbert Wilhelmi

Martin Grüning, RUNNER’S WORLD-Redakteur: Sie sind zuletzt 4. über 10.000 m bei den Europameisterschaften Ihrer Altersgruppe, der sogenannten „Unter 23-jährigen“, geworden und 3. bei den Deutschen Meisterschaften in der Frauenklasse. Welcher Erfolg zählt mehr?

Lisa Hahner: Die beiden Ergebnisse sind für mich schwer zu vergleichen. Aber ich glaube, dass der 4. Platz bei der EM höher zu bewerten ist. Es war außerdem meine erste internationale Meisterschaft auf der Bahn und da dann sofort so weit vorne zu sein, das war schon überwältigend.

Martin Grüning: Ist das Ihre beste Saison?

Lisa Hahner: Ja, auf jeden Fall. Ich bin auf jeder Distanz diese Saison Bestzeit gelaufen, dazu kommen dann noch die beiden genannten Platzierungen bei den Meisterschaften, und im Training läuft es auch toll, was noch mehr erwarten lässt. Alles passt perfekt.

Martin Grüning: Also, wie geht es weiter?

Lisa Hahner: Jetzt mache ich erst einmal ein paar Wochen ruhiger, damit ich mich von den Höhepunkten erholen kann, und bringe das Studium in Mathematik und Französisch weiter. Im Herbst wartet dann voraussichtlich ein Halbmarathon und danach will ich über den Winter in eine volle Cross-Sasion einsteigen.

Martin Grüning: Was ist im Halbmarathon möglich?

Lisa Hahner: Ich habe noch keine klare Zeitvorstellung, im Moment. Die B-Kader-Norm für meinen Jahrgang liegt bei 1:16:15 Stunden, da will ich drunter bleiben. Ich denke, dass es mit einem guten Rennverlauf auch ein Stück schneller sein kann, aber da setze ich mich noch nicht unter Druck. Ich will an dem Tag befreit auflaufen. Also: abwarten.

Martin Grüning: Sie haben eine ebenso talentierte Zwillingsschwester, Anna, die war bisher immer einen Tick besser als Sie. Aber dieses Jahr sind Sie an ihr vorbeigezogen...

Lisa Hahner: Ja, Anna war oft etwas schneller als ich, aber im Frühjahr ist sie aufgrund einer Viruserkrankung für längere Zeit ausgefallen, deshalb konnte sie diese Saison – noch – nicht Schritt halten. Jetzt ist sie aber wieder voll im Training und läuft da auch schon superschnelle Zeiten. Ich weiß nicht, ob ich wirklich an ihr vorbeigezogen bin, ich habe einfach den nächsten, erwartbaren Leistungssprung gemacht und sie konnte sich eben noch gar nicht beweisen. Wenn Sie wieder voll belastbar ist und an Wettkämpfen teilnimmt, wird man sehen, dass sie wieder sehr schnell ist.

Martin Grüning: Ist das eigentlich eine echte Konkurrenz unter Schwestern, speziell Zwillingsschwestern. Also: besiegen Sie Ihre Schwester genauso gerne wie andere Gegnerinnen?

Lisa Hahner: Hmm… ja, ich würde sagen: positive Konkurrenz. Im Rennen schenken wir uns nichts. Aber ich freue mich über ein tolles Ergebnis der Schwester mehr, als über das anderer Gegnerinnen, die vor mir platziert sind. Definitiv ist es ein Vorteil, dass, wenn man selbst nicht so gut drauf ist, man sich mit der anderen, die besser gelaufen ist, mitfreuen darf. Andererseits leidet man natürlich auch doppelt mit, wenn es der Schwester nicht gut geht beziehungsweise gegangen ist. Im Training spornen wir beide uns natürlich gegenseitig extrem an und sind eine perfekte Trainingsgemeinschaft.

Martin Grüning: Ihre Schwester Anna ist 16 Minuten älter als sie, vielleicht ist das Verhältnis der Älteren zu Ihnen als jüngerer Schwester ein anderes?

Lisa Hahner: Wir sind uns doch sehr gleich und ticken ziemlich ähnlich. Wir wohnen in Mainz gemeinsam in einem Appartement und unsere Tagesabläufe sind fast identisch, da läuft schon sehr viel parallel. Wer uns richtig gut kennt, kann auch ein paar feine Charakterunterschiede ausmachen, aber das betrifft – glaube ich – nicht die Einstellung zueinander. Wir ziehen uns beide gegenseitig hoch, da machen die 16 Minuten nichts aus.

Martin Grüning: Sie sind vom klassischen Lauftrainer Jürgen Stephan 2010 zum Personal Trainer Sascha Wingenfeld gewechselt. Kann so jemand, der nicht ausdrücklich ein Laufspezialist ist, sie erfolgreich trainieren?

Lisa Hahner: Die Erfolge dieses Jahr beweisen doch, dass die Zusammenarbeit sehr gut klappt. Wir sind mit Sascha Wingenfeld sehr zufrieden. Wir sind gesund und nie verletzt. Wir machen zusätzlich zum Lauftraining viel Stabilisation, also ein Krafttraining, das aber nur mit dem eigenen Körpergewicht. Wingenfelds Trainingsphilosopie und -einstellung, auch die Trainingspläne, passen zu unseren Ansprüchen und auf den Wettkämpfen werden wir noch zusätzlich von Thomas Dold, einem erfahrenen Topläufer, betreut.

Martin Grüning: Sie stellen sich mit 21 Jahren erstaunlich professionell dar. Sie haben eine Hahnerzwillinge GbR gegründet, um Ihre Lauferfolge zu vermarkten, mit Thomas Dold haben Sie einen Manager, der Sie betreut. Baut so etwas nicht auch Erfolgsdruck auf?(Die Mädels haben auch ihren eigenen Verein, RUN2SKY.com e.V., Anna ist Schriftführerin und Lisa Kassenprüferin)

Lisa Hahner: Nein. Wir haben unsere Ziele fest im Blick. Und Anna und mir macht es einfach Spaß, neben dem Laufen etwas aufzubauen. Wir schreiben beide zum Beispiel gerne, deshalb pflegen wir auch unsere Homepage www.hahnertwins.com sehr gewissenhaft. Die Leute geben uns dazu durchweg ein positives Feedback und sind interessiert an uns. Wir haben deshalb die Hahnerzwillinge auch als eigene Marke eintragen lassen und dazu war es notwendig, eine eigenen Firma zu gründen, das ist die Hahnerzwillinge GbR.

Martin Grüning: Meriten und Geld kann man beim Laufen eigentlich nur auf der Straße verdienen. Werden Sie irgendwann auch mal einen Marathon laufen?

Lisa Hahner: Ja, auf jeden Fall. Das ist ein Traum von Anna und mir, einen schnellen Marathon zu laufen. Wir sind ja erst 2008 richtig zum Laufen gekommen. In dem Jahr lief Haile Gebrselassie in Berlin den Marathon-Weltrekord und Irina Mikitenko dort einen Deutschen Rekord, da waren wir anschließend wie elektrisiert. Das Ausdauernde liegt Anna und mir sehr, von daher werden wir langfristig sicherlich auf den Marathon wechseln wollen.

Martin Grüning: Haile ist ein Vorbild für so viele, für Sie auch, oder?

Lisa Hahner: Nicht nur als Sportler. Wenn man sich seinen ganzen Lebensweg anschaut, auch was er mit seinen Erfolgen für sein Heimatland Äthiopien bewegt hat, wie er sich dort sozial engagiert, er ist einfach eine Persönlichkeit. Als er in Trier beim Silvesterlauf 2009/2010 mitlief, waren wir auch am Start. Wenn er dort einen Raum betrat, hatte er sofort alle Aufmerksamkeit für sich. Ein so kleiner Mann, eine so große Ausstrahlung... Beeindruckend.

Martin Grüning: Was sind Ihre sportlichen Träume?

Lisa Hahner: Gemeinsam mit meiner Schwester bei den Olympischen Spielen 2016 zu starten.

Martin Grüning: Über welche Distanz?

Lisa Hahner: So wie es aussieht: Marathon.

Martin Grüning: Was wünschen Sie Ihrer Schwester für diese Saison? Vielleicht, dass Sie wieder gesund wird, aber dennoch immer ein Schrittchen hinter Ihnen bleibt?

Lisa Hahner: Gesund ist sie schon wieder. Aber ich wünsch ihr, dass sie noch schneller wird, dass sie ihre beste Leistung zeigen kann und dann ist es egal, ob sie vor oder hinter mir ist.