Marvin Running

Her mit dem Rollator

Es passiert nach einem langen Strandlauf: Als Herrchen vorm Duschen die Socke abstreift, durchfährt ihn ein jäher Schmerz.

Marvin Running - Rollator

Marvins Herrchen wünscht sich einen Rollator.

Bild: Robert Wetzold / pixelio.de

Wie ein Stromschlag zuckt es von der rechten Leiste durch die rechte Pobacke zur Innenseite des rechten Oberschenkels. »Aua!«, ruft er und schwankt einbeinig wie ein Flamingo mit Hörsturz.

»Warum läufst du auch so blödsinnig lange durch tiefen Sand«, halte ich ihm vor.

Um es kurz zu machen, der Schmerz im Hintern bleibt und wird sogar schlimmer. Nach zwei Tagen wünscht er sich beim Treppensteigen einen Rollator.

Seine Hausärztin ist bestürzt, ratlos und setzt auf maximalen Diagnoseaufwand. Also verbringt er einen ganzen Tag im Krankenhaus. Ein Orthopäde, ein Unfallchirurg, ein Urologe, eine Internistin, ein Radiologe, ein Sonograph und eine Oberärztin tun nacheinander, was sie können, und untermauern die Diagnose, dass das deutsche Gesundheitssystem verlässlich Kosten produziert. Ansonsten bringt der Tag nur negative Befunde. Die Hausärztin ist noch bestürzter und ratloser als zuvor. Aber sie lässt nicht locker und zieht ihre eigenen Schlussfolgerungen. Das Resultat ist, dass wir die Infektiologie des Hamburger Universitätskrankenhauses besuchen müssen.

»Was wir hier wohl sollen?«, fragt Herrchen und setzt sich im Wartebereich neben einen Mann mit langen Haaren.

Dann fallen ihm die Plakate auf. ›Mach’s mit!‹ steht da drauf, und auffallend viele Kondome sind darauf abgebildet. Diese Art von Plakaten – und nur diese – ziert alle drei Wände des Wartebereichs.

Etwas irritiert wirft er einen aufmerksameren Blick in die Runde der Wartenden. Auf den zweiten Blick sind das hier alles auffallend paradiesvogelartige Gestalten. Jeder Zweite ist scheinbar magersüchtig. Oder zumindest sehr mager. Oder auch sehr süchtig.

Schlagartig versteht er die Logik seiner Hausärztin: Von seiner umfangreichen Krankengeschichte, von seiner detaillierten Schilderungen von Bewegungen und Laufstrecken sind nur zwei Dinge bei ihr hängen geblieben: Dass er sich nicht wohl fühlt und dass ihm der Hintern wehtut. Also hat sie ihn zum Aidstest geschickt.

Am Ende ist unser Vertrauen in ärztliche Hilfe kaputter als die Pobacke. In den nun folgenden langen Wochen der Selbstheilung haben wir immerhin einen Trost: Wir sind nicht aidskrank.

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