Dieter Baumann

Geräuschloser Dauerlauf im Nebel

Bei nebeliger Kulisse genießt Dieter Baumann diese Woche einen absolut geräuschlosen Dauerlauf.

Lauf_der_Woche_Nebel

Nebelige Kulisse beim Dauerlauf durch den Wald.

Bild: Günter Havlena / pixelio.de

Lauf der Woche
Donnerstag, 10. November 2011
Tübingen
12 Kilometer Dauerlauf - nebelig, wattiert, geräuschlos!


Ich melde mich vom Dauerlauf, mit dem Versuch, den Höheneffekt auszunutzen. Nein, das stimmt so nicht. Denn unmittelbar nach meiner Rückkehr aus den Alpen war es nebelig! Gestern, total trüb und nasskalt war es. Wenige Stunden vorher saß ich noch im schönsten Sonnenschein auf einer Berghütte im Berchtesgardener Land. Mann, war das schön! Postkartenschön war das, wie wir so auf der Sonnenterasse der Hütte saßen. Hoch oben, über 2000 Meter.

Der Ausflug hatte aber auch seine negativen Seiten: Das Schlafen. Auf den Berghütten ist das ja immer so eine Sache, das Schlafen. Mit zwanzig Mann in einem Raum, jeder hängt seine verschwitzten Socken auf, der Schweinebraten mit Knoblauch und Blaukraut entwickelt auch noch seine Wirkung, aber das Schlimmste: Schnarchen! Zwanzig Mann, bei Nacht mit gärendem Blaukraut schnarchend…..!

Aber unser Körper ist ein Anpassungskünstler. Die Geruchsrezeptoren stumpfen bei gleichbleibender Reizgebung ab. Das ist ein Glück, denn irgendwann riechen wir nichts mehr. Leider funktioniert das bei mir nur mit der Nase, aber nicht mit den Ohren. Gleichbleibendes Schnarchen bleibt immer gleichbleibend laut. Die Folge ist: Ich kann nicht schlafen. Doch diesmal hatte ich vorgesorgt. Ohropax! Nachdem sich meine Geruchsrezeptoren müde gerochen hatten, schlief ich wie ein kleines Kind. Wunderbar. Und genau deshalb glaubte ich, ausgeruht genug zu sein, um auf meiner Zwölf-Kilometer-Schleife, den Höheneffekt ausnutzend, einen Rekordversuch zu starten.

Aber ich war mit der Seilbahn noch nicht einmal ganz unten, da wurde es nebelig. Sichtweiten unter zwanzig Meter. Oben Sommer, unten Winter, so war das gestern. Durch diese Suppe fuhr ich nach Hause. Die Freude aufs Laufen verschwand, Rekordversuch verschoben. Um 16:30 Uhr ging ich lustlos nach draußen. Es war schon fast Nacht! Um 16:30 Uhr! Ja, ich weiß, der Winter. Jetzt kommt wieder diese Zeit: Nass, kalt, dunkel!

Kaum war ich die ersten Schritte gelaufen, da übernahm der Nebel die Regie über meine Gefühlswelt und es war wunderbar. Ich trabte los, warm eingepackt. Der Nebel um mich herum, die Dämmerung, ich sah alles nur noch schemenhaft, kaum mehr als 20 Meter weit. Ich lief wie in Watte gepackt durch den Wald. Wald? Auch den sah ich nicht wirklich. Nur dort der Schatten eines Baumes, hier ein Ast. Ansonsten sah ich eine weiße, wattierte Wand.

Und genauso waren auch die Geräusche um mich herum. Sie verschwanden in dieser weißen Wand. Alles hörte sich weit weg an. Der Straßenlärm beim Loslaufen: Weg! Die Stadtgeräusche: Verschluckt! Alles hörte sich weit weg an und damit entrückte ich ebenso weit weg. Weiter noch als auf der Berghütte in 2000 Metern Höhe.

Vergessen war der Rekordversuch, der Sonnenschein auf der Hütte und der Höheneffekt. Geräuschlos wattiert, in absoluter Ruhe, lief ich durch den Wald. Ich fühlte mich an diesem Abend mit dem Nebel eins. Es war ein herrliches Gefühl, genauso schön wie ein neuer Rekord.

Später dann beim Duschen merkte ich, dass ich das Ohropax immernoch in den Ohren hatte.

Dieter Baumann: Lauf der Woche:

Dauerlauf mit den Dienstagslatsch...