Marvin Running

Ganz im Element

Wo ist man noch so richtig in seinem Element? Herrchen genießt dieses Gefühl leider ganz abseits – im Regenwald des Olympic National Parks.

Marvin Running – Ganz im Element

Hier ist ein Schweinehundes offenbar nicht in seinem Element.

Bild: Reiner Schedl / pixelio.de

Es ist furchteinflößend: Man sieht keine fünf Meter weit, der Untergrund ist tückisch, uneben und voller Hindernisse, ich habe schon nach wenigen Schritten völlig die Orientierung und jeden Halt verloren. Jeden Moment kann uns durch einen Blättervorhang hindurch ein Bär oder ein Puma anspringen. Etwas kratzt an unserem rechten Bein; es hat überraschend viele Dornen.

Und Herrchen läuft. Ich meine, er läuft. Nur mit einer Kompasspeilung mitten durch diesen unwegsamen Regenwald.

„Das kann doch nicht wahr sein“, lamentiere ich, aber das stört ihn nicht im Geringsten. Hier und da schrammt er gegen etwas, aber er läuft. Auch wenn das Dickicht undurchdringlich wird, oder ein umgestürzter und wieder bewachsener ‚Nursing Log‘ im ‚Weg‘ liegt: Er klettert und zwängt sich hindurch. Links wähnt er das Meer und vor uns das Rauschen eines vermeintlich nahen Flusses. Der soll uns nach diesem weglosen Abenteuer hier wieder Orientierung geben.

Hilft das? Nein. Eiskalt umklammert mich das Entsetzen. Und was er jetzt sagt, macht es noch weitaus schlimmer: „Der Eisbär erfriert nicht. Der Wal kentert auch nicht im schlimmsten Sturm. Sie sind für ihren Lebensraum gemacht. Und wir? Wofür sind wir gemacht?“

„Nicht hierfür!“ Ich gebe zu, ich kreische. Das Schlimmste ist die Angst vor dem Verirren, denn es ist unmöglich, in diesem Dickicht die Richtung zu halten.

„Wie viel Zivilisation brauchen wir?“ Er steht auf einer kleinen Anhöhe und hofft, von hier aus den Fluss sehen zu können. Aber wir sind nur von dichtem Regenwald umgeben. Am linken Bein krabbelt etwas.

„Jede Menge!“, weine ich.

„Um die Natur zu lieben, musst du selber zur Natur werden.“

Hilfe, hört mich denn keiner? Ich bin im Körper eines Verrückten gefangen, der russisches Roulette mit dem Regenwald spielen möchte!

„Einmal im Leben sollte man dieses Gefühl schmecken“, denkt er. „Und dann immer wieder.“

Ich schalte um auf Survival-Programm: fahre meine Krallen aus und nage daran herum.

Wie wir hier jemals heil wieder herauskommen, steht in den Sternen.

Und natürlich auch in meinem Buch.

Bekenntnisse eines Schweinehunds:

Der Schrei des Adlers