Siegertyp

Früh übt sich

Schon in frühester Kindheit legte Bernard Lagat täglich 10 Kilometer Schulweg laufend zurück.

Bernard Lagat

Naturtalent: Lagats Laufstil ist federnd und leicht - das ist teils angeboren, teils Resultat harter Arbeit.

Bild: Michael Darter

Lagat lebt und trainiert seit 1998 in Tübingen, aber immer nur dann, wenn im Sommer in Europa der Tross der Leichtathletikstars von Stadionsportfest zu Stadionsportfest zieht, von Oslo nach Rom, London, Zürich, Brüssel oder Berlin. Sein Manager James Templeton hat ihn Ende der Neunzigerjahre dorthin geführt, da die Trainingsbedingungen ideal und die Ablenkungen überschaubar sind. Vor allem der nahe Schönbuch, dieser gepflegte Naturpark, hat es dem Athleten von Anfang an angetan. „Ich fühle mich hier zu Hause“, sagt Lagat, „hier kann ich mich vom Wettkampfstress freilaufen, und die überwältigende Natur bringt mir viele schöne Erinnerungen an meine Kindheit zurück.“

Bernard Lagat gehört zum kenianischen Volk der Nandi. Er wurde am 21. Dezember 1974 im Dorf Kaptel geboren. Der Ort liegt knapp 2.000 Meter über dem Meeresspiegel im Nandi District der Provinz Rift Valley. Wer einmal dort war, wird immer wieder von den riesigen Teeplantagen, den rauschenden Eukalyptus-Wäldern und dem kobaltblauen Himmel träumen. Das sind Eindrücke, die man nie wieder vergisst.

Bernard war das fünfte von zehn Kindern. Sein Vater Richard Kiplagat Leting betrieb auf rund zehn Hektar Land Ackerbau und Viehzucht. Jeden Morgen lief Bernard zweieinhalb Kilometer zur Schule, mittags dieselbe Strecke zurück, um zu Hause Ugali zu essen, dann wieder zur Schule, um am Nachmittagsunterricht teilzunehmen, und abends wieder heim. Das waren 10 Kilometer am Tag und 60 Kilometer pro Woche, alles im Laufschritt, mit sechs, sieben oder acht Jahren. Das beste Herz-Kreislauf-Training.

Bernard und seine Geschwister wurden vom Vater regelmäßig angetrieben, an regionalen Laufwettbewerben teilzunehmen, denn dort gab es viel Nützliches zu gewinnen: Decken, Werkzeug oder auch mal Material zum Dachdecken. Bernard hatte in der Familie schon früh ein echtes Vorbild: seine ältere Schwester Mary Chepkemoi. Als er neun Jahre alt war, wurde Mary Afrikameisterin über 3.000 Meter. Er beeindruckte sie mit seiner Intelligenz, sie beeindruckte ihn durch ihre Disziplin.

Jeden Morgen in der Früh lief Mary erst 10 bis 15 Kilometer, dann molk sie die Kühe, deckte den Frühstückstisch ab, machte den Abwasch und lief zur Schule. „Ich wollte so sein wie Mary“, sagt Bernard heute, „sie hat mir gezeigt, dass man im Leben alles erreichen kann, wenn man nur will.“

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