Baumanns Lauf der Woche

Finger weg vom Streckenrekord beim Nikolauslauf in Tübingen

Die europäischen Rekordlisten sollen eingefroren werden. Ja, warum nicht, meint Dieter Baumann. Wenn das der Startschuss für tiefgreifende Reformen im Anti-Doping-Kampf ist.

Nikolauslauf Tübingen

Zum Nikolauslauf in Tübingen hat Dieter Baumann ein besonders enges Verhältnis. Unser Bild stammt vom Rennen im Jahr 2009. Den Streckenrekord hier will er sich nicht nehmen lassen.

Bild: Tomás Ortiz Fernandez

Lauf der Woche
Donnerstag 4.05.2017
Darmstadt
Rekordfreier Dauerlauf


Ich melde mich vom Dauerlaufen heute mit alten Rekorden. Ab 1. Januar 2018 sollen die aktuellen europäischen Leichtathletik Rekorde „in eine Art historische Rekorde“ eingefroren werden. „Wir fangen ganz neu an“, sagte der DLV-Präsident Clemens Prokop. Er saß in der EAA-Kommission (Europäischer Leichtathletik Verband), die diese neue Idee im Anti-Doping-Kampf erarbeitet hatte. Ganz neu ist sie nicht. Prokop hatte schon im Jahr 2000 einen Vorstoß in Sachen „Neuanfang“ bei der IAAF (Internationaler Leichtathletik Verband) gemacht. Diesmal könnte es klappen. Der neue IAAF-Präsident Sebastian Coe findet die Idee gut. Darüber entscheiden werden die Götter der IAAF im August. Nichts desto Trotz, die EAA möchte die neuen Rekordlisten auch im Alleingang umsetzten.

Neue Rekordlisten ab 2018, Neuanfang im Anti-Doping Kampf - grundsätzlich ist das eine gute Idee und klar ist die Begeisterung überall groß, denn der Kampf gegen Doping zieht immer und rechtfertigt auch wirklich alles. Nur so nebenbei, Bürgerrechte, die im normalen Leben wie selbstverständlich für uns alle gelten, sind im Kampf gegen Doping für Athleten aufgehoben. Ein besonders rechtliches Bonbon hält die Neuregelung der EAA auch parat: Sollte ein Athlet zehn Jahre nach einem Rekord positiv getestet werden, wird ihm ohne weitere Beweisführung auch der Rekord wieder aberkannt. Rechtlich umstritten, das weiß der deutsche Richter Prokop genau, aber Athleten sind von Grund auf böse. Von Anfang an sowieso.

Nur ein kleines Detail, unwichtig: Die Rekordlisten gehören ins Historische. Gut so. Bleiben für mich nur folgende Fragen: Macht das den Sport sauberer? Gibt es deshalb weniger korrupte Sportfunktionäre, die alles dafür tun, dass ihre Athleten einen Titel fürs Vaterland gewinnen? Und dafür auch mal eine Probe kaufen und verschwinden lassen.

Wer geht gegen diese Funktionäre vor? Und wie? Rechtstaatlich? Gibt es mit den neuen Rekordlisten weniger falsch geprüfte, positive Proben? Werden die Nachweisverfahren besser, klarer, transparenter? Gibt es eine Kontrollinstanz, die die Anti-Dopinglabore auf den richtigen Umgang mit den Proben kontrolliert? Gibt es ein flächendeckendes Abmeldesystem - weltweit?

Dürfen Kontrolleure der WADA unangemeldet in jedes Land ungehindert einreisen? Stellt der DLV, der DOSB oder das Innenministerium – oder alle drei? – mehr Geld zur Forschung für bessere Nachweismethoden von unerlaubten Medikamenten zur Verfügung? Und last but not least, wann endlich wird ein Schiedsgericht für Dopingfälle eingerichtet, das normalen juristischen Standards standhält? Und, wann dürfen die Athleten im Zweifelsfall auch staatliche Gerichte anrufen?

Rekordlisten einfrieren? Ja, warum nicht. Wenn es der Startschuss ist, für tiefgreifende Reformen im Anti-Doping-Kampf. Nein, wenn es nur zur reinen Symbolpolitik verkommt. Ach ja, und vom meinen Streckenrekord beim Nikolauslauf in Tübingen aus dem Jahre 2007 lassen sie bitte die Finger weg.

Dieter Baumann, die Götter und Olympia

Bild: privat

Dieter Baumann, die Götter und Olympia – Termine 2017

• 28. April 2017 / Dieter Baumann, die Götter und Olympia / Pfungstadt / Sport-u. Kulturhalle / 19:30 Uhr

• 27. Mai 2017 / Dieter Baumann, die Götter und Olympia / Essen / Bunkert - Laufladen / 19:00 Uhr

Dieter Baumann: Lauf der Woche:

Dauergeschmierter U-Bootlauf