Nach dem Sieg beim Transvulcania

Emelie Forsberg im Interview

Die Schwedin Emelie Forsberg gewann 2014 die Weltmeisterschaft im Skyrunning. Wir interviewten sie nach ihrem Sieg 2015 beim legendären Transvulcania.

Emelie Forsberg im Ziel des Transvulcania

Völlig erschöpft, aber glücklich: Emelie Forsberg im Ziel des Transvulcania.

Bild: Saul Santos

Emelie, herzlichen Glückwunsch zu deinem Sieg beim Transvulcania. Was war 2015 anders als bei deinem ersten Erfolg vor zwei Jahren?

Ganz sicher hatte ich 2013 mehr Laufkilometer in den Beinen. In diesem Jahr kam ich allerdings direkt aus einer intensiven Ski-Mountaineering-Saison zum Transvulcania und konnte im Vorfeld nicht mehr als zehn Läufe machen. Für das Rennen hatte ich mir deshalb nicht mehr vorgenommen als ein Finish. Konditionell war ich in wirklich guter Verfassung, aber meine Laufmuskulatur war alles andere als gut ausgebildet.

Um so erstaunlicher, dass es trotzdem zum Sieg gereicht hat, zumal die Konkurrenz wie immer stark war und der Transvulcania das heißeste aller Rennen aus der Skyrunning Serie ist – nach über fünf Monaten im Schnee eine zusätzliche Erschwernis. Und dann gab's ja noch den schwierigen, 16 Kilometer langen Hochgebirgsabschnitt, der durch den kurzfristigen Wegfall eines Verpflegungspunktes zu einer extremen Durststrecke wurde. Anders als in den Alpen findet man auf La Palma nicht an jeder Ecke eine Wasserquelle.

Es war wirklich eine extreme Situation. Als ich realisierte, dass da keine Versorgungsstation kommt, bin ich in diesem Abschnitt deutlich langsamer geworden, um keine Krämpfe zu riskieren. Das hat mich im Kopf schon eine Zeit lang gestresst. Zum Glück hat mir der Bruder von Miguel Heras noch mit etwas Wasser aushelfen können. Schwierig und schmerzhaft waren auch die langen Downhills. Darauf war meine Ski-Muskulatur noch nicht wieder eingestellt.

Der Transvulcania hat für Bergläufer und Trailrunner eine große Anziehungskraft und zählt zu den atmosphärischsten Rennen dieser Art überhaupt. Was waren für dich die besonderen Momente auf der Strecke?

Es gab viele solcher Momente. Für mich ganz persönlich war schon das Glücksgefühl viel wert, zu realisieren, dass ich dieses Rennen überhaupt so gut überstehen konnte. Seit September war ich schließlich nie länger als vier Stunden laufend unterwegs gewesen. Landschaftlich ist mir vor allem dieser großartige Sonnenaufgang in Erinnerung geblieben. Dabei schaut man über die Wolken, sieht das Meer und über allem trohnt der Teide, drüben auf Tenneriffa. Auch die vielen reizenden Menschen, die uns anfeuern, sind großartig, während dir diese extreme Hitze alle Energie raubt. Es ist wirklich ein unfassbar eindrucksvolles Rennen.

Über das Jahr gesehen spulst du ein hochintensives Trainings- und Wettkampfprogramm mit beeindruckenden Resultaten ab. Dazu kommen die vielen Reisen. Wie schaffst du es trotzdem, weitgehend verletzungsfrei zu bleiben?

Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich gut in mich hineinhören kann. Ich weiß sehr genau, wann ich einen Gang zurückschalten muss. Aus den vielen Rennen und Reisen ziehe ich Motivation. Diese Art zu leben inspiriert mich, und der Wechsel zwischen Ski-Mountaineering- und Laufsaison macht mich weniger verletzungsanfällig. Ich bin glücklich, so leben zu können wie ich lebe.

Während vieler Rennen sieht man dich mit einer Blume im Haar laufen. Was hat es damit auf sich?

Ich finde Blumen einfach magisch anziehend. Da, wo ich herkomme, im hohen Norden, haben wir nicht allzu viele davon. Es gibt mir ein gutes Gefühl eine Blume bei mir zu haben, während ich ein hartes Rennen laufe. Wenn ich unterwegs eine schöne finde, pflücke ich sie ab und stecke sie mir an.

Worin liegen für dich Reiz, Schwierigkeit und Herausforderung, anspruchsvolle Ultrarennen in den Bergen zu laufen?

In langen Rennen fühle ich mich viel empfindlicher als auf Strecken, die nach drei oder vier Stunden geschafft sind. Die Anstrengung hält einfach viel länger an, und es kann unterwegs so viel passieren. Du musst lernen, sehr genau mit deinen Kräften hauszuhalten, um in der Lage zu sein, das Rennen zu finishen. Auf der anderen Seite empfinde ich bei Ultrarennen das schöne Gefühl noch stärker, draußen in der Natur zu sein, in den Bergen für so viele Stunden und diese Leidenschaft mit so vielen anderen Läufern zu teilen.

Was denkst du über die Abwägung zwischen Herausforderung und Gefahr bei solchen Rennen, aber auch bei Trainingstouren im Hochgebirge? Letztes Jahr zum Beispiel gab es eine Situation, wo du mit deinem Partner Kilian Jornet am Aiguille du Midi unterwegs warst und nach einem unerwarteten Schlechtwettereinbruch von der Bergrettung in Sicherheit gebracht werden musstet. Was hast du aus der Situation lernen können?

Gerade in den Bergen sind wir Menschen sehr zerbrechliche Wesen. Man sollte schon sehr genau seine Limits kennen, wenn man dort oben unterwegs ist. Und trotzdem passieren manchmal Dinge, die auch bei gewissenhafter Planung einer Tour nicht vorhersehbar sind, wie plötzliche Wetterumschwünge, Lawinenabgänge oder Steinschläge. Auch wenn wir sehr viel alpin unterwegs sind – wir sind nicht die Herrscher über die Bergwelt.

Du hast ja, gemeinsam mit Kilian, 2014 das Tromsö Skyrace auf die Beine gestellt und erste Erfahrungen als Rennorganisatorin sammeln können. Sieht man da plötzlich Dinge, die man als Teilnehmer nicht sieht.

(lacht) Ich habe mir in der Vergangenheit gar nicht bewusst gemacht, wie viel Arbeit nötig ist, um ein solches Rennen zu organisieren. So viele Teile müssen zusammengefügt werden, damit am Ende alles passt. Und ich habe dafür mehr Zeit vor dem Computer verbracht als mir lieb war. Geld gab's dafür auch nicht. Aber dann ist da auf der anderen Seite die große Freude, die ich empfinde, wenn ich spüre, wie sehr die Teilnehmer das Rennen genießen.

Wie schwer ist das Tromsö Skyrace wirklich? Man liest ja die abenteuerlichsten Geschichten darüber.

Es ist nicht allzu schwer, aber man braucht schon reichlich Bergerfahrung, um es zu meistern.

Sollte es nicht bei allen Rennen, die durch schwieriges, hochalpines Terrain führen, Qualifikationsstandards geben, nicht zuletzt um übermotivierte Greenhorns vor sich selbst zu beschützen?

Ich habe da eine ganz klare Position. Jeder muss für sich selbst denken, abwägen und entscheiden, ob er sich der Herausforderung stellt. Natürlich sollte jeder seine eigenen Grenzen kennen, aber das können wir ihm als Veranstalter nicht abnehmen. Ich möchte Niemandem in dieser Hinsicht Vorschriften machen. Das Einzige, was ein Veranstalter unbedingt tun sollte, ist ,sehr detailliert darauf hinzuweisen, wie schwierig und anstrengend das Rennen sein wird und was den Läufer unterwegs erwartet. Wir geben auch Empfehlungen, welche Ausrüstung mitzunehmen ratsam ist. Alles andere muss derjenige, der an der Veranstaltung teilnehmen will, selbst entscheiden. Und zwar möglichst klug und verantwortungsbewusst. Eine gewisse Regulierung kann man auch noch durch Cut-Off-Zeiten erreichen.

Für den Durchschnittsteilnehmer eines solchen Rennens ist es unvorstellbar mit welcher Geschwindigkeit du und andere Spitzenathleten auf derart schwierigem Terrain unterwegs seid. Wie siehst du die Leistungen der normalen Läufer bei solchen Veranstaltungen?

Egal wie viele Stunden manche Läuferinnen und Läufer auch nach mir ankommen mögen – wir haben die gleiche schwere Strecke absolviert und die gleiche beeindruckende Landschaft durchquert. Für mich sind die Läufer, die so viel länger da Draußen unterwegs sind als ich die wahren Helden. Ich empfinde ganz großen Respekt vor ihrer Leistung.

Und welche Läufe hast du dir in diesem Jahr noch vorgenommen?

Mein besonderes Vorhaben in diesem Jahr ist die Teilnahme am Mount-Marathon-Race in Alaska. Im Anschluss daran werde ich mich wieder der World-Skyrunning-Series zuwenden und bei den Vertical-k-Races sowie diversen Ultras starten.

Emelie, dafür alles Gute.