Jack Daniels

Eine lebende Legende

Der legendäre Lauftrainer Jack Daniels blickt im Interview auf 50 Jahre Trainer-Karriere zurück. Er erzählt von Höhentraining, Goldmedaillen und anderen Erfolgen seiner Schützlinge.

Jack Daniels

Auch nach 50 Jahren Karriere ist Jack Daniels ein gefragter Lauftrainer.

Bild: A.T. Still University

Unser Muttermagazin RUNNER’S WORLD in den USA hat ihn vor Jahren schon zum besten Lauftrainer der Welt gekürt: Jack Daniels. Für viele Läufer ist er eine lebende Legende. Schlank, schlohweiße Haare und blaue aufmerksam blitzende Augen, so sah er auch schon vor 15 Jahren aus. Der 82-Jährige ist mit einem trockenen Humor ausgestattet. Das hat ihm in einer Bar schon einmal eine Flasche Whisky seines berühmten Namensvetters eingebracht. Schlicht, weil er behauptete Jack Daniels zu heißen, der Wirt ihm aber nicht glauben wollte, und er so eine Wette gewann.

Seit mehr als fünfzig Jahren steht er an der Laufbahn und betreut Athleten. Seine Fähigkeiten zur Führung und Motivation junger Läufer haben seinen verschiedenen Universitäts-Teams dreißig nationale US-Mannschaftstitel und acht individuelle Meisterschaften eingebracht. Dabei hätte Daniels als junger Mann das Laufen liebend gerne aus dem Trainingsplan gestrichen.

Für die USA startete er 1956 und 1960 bei den Olympischen Spielen im Modernen Fünfkampf und gewann im Mannschaftswettbewerb Silber und Bronze. Der Moderne Fünfkampf besteht aus Reiten, Schwimmen, Pistolenschießen, Fechten und eben Laufen. Dabei verbaute ihm jedes Mal das Laufen die Möglichkeit, zu noch höheren Weihen. So studierte er 1960 in Stockholm Sportphysiologie, um auch besser zu verstehen, wie man gut laufen kann. Aus seinem Wissen entwickelte er ein eigenes Trainingssystem.

Das folgende Interview führte Greta Salome Bollig.

Jack, du hast mir immer erzählt, während deiner aktiven Zeit warst du ein schlechter Läufer. War das eine Motivation für dich, ausgerechnet Lauftrainer zu werden?

Ich wollte einfach lernen, wie man richtig läuft. Denn unser Lauftrainer beim Modernen Fünfkampf war eigentlich ein Fechttrainer. Der hat uns dann jeden Tag auf die Bahn geschickt mit den Worten, jetzt lauft mal 50x400 Meter volles Tempo. Laufen war für mich eine Qual.

Du hast Leistungsphysiologie in Schweden studiert. Warum?

Das Studienfach habe ich gewählt, um zu lernen, wie ich den Körper besser auf das Laufen vorbereiten kann. Damals wollte ich weiter Modernen Fünfkampf ausüben, deshalb war Schweden für mich die erste Adresse. Sie hatten seit 1906 die dominierende Mannschaft.

Nach deinem Jahr in Schweden bist du in die USA zurückgekehrt?

Das ist richtig. 1960 habe ich dann angefangen für Dr. Bruno Balke aus Deutschland in der Oklahoma City Universität zu arbeiten, der von den USA eingeladen wurde, um ihr Raumfahrt-Programm zu etablieren. Er war ein Spezialist in Höhenforschung. Ich habe in Balkes Labor ein Jahr lang gearbeitet und die ganze Zeit Fluglotsen getestet. Im Jahr 1961 bekam ich dann eine Stelle als Langlauftrainer in der Universität.

Vier Jahre später, als das Langlaufprogramm geschlossen wurde, hast du dir ein - speziell in der damaligen Zeit - exotisches Ziel ausgesucht.

Ich erinnere mich, als ich mit meinem Team von der Oklahoma Universität bei den Nationalen Meisterschaften war, sah ich am Schwarzen Brett eine Anzeige des Peruanischen Verbandes wegen einer Stelle als Lauftrainer. Besser das, als gar keinen Job, dachte ich mir.

Da kannst du dich sicherlich an die eine oder andere interessante Geschichte erinnern.

Ja natürlich. Neben den Langläufern betreute ich in Peru auch die Werfer. Kurz vor den Südamerikameisterschaften in Quito/Ecuador wurde mir gesagt, dass mein bester Speerwerfer nicht mitkommen würde. Dafür sei aber ein anderer Werfer dabei, der sei noch besser. Bei den Wettkämpfen sah ich aber, dass der gar nicht werfen konnte. Sein Vater war mal früher Meister gewesen, und deshalb wurde der Junge mitgenommen.

Ich weiß, du bist eine Koryphäe auf dem Gebiet des Höhentrainings. Hast du deine ersten Schritte in den Bergen von Peru unternommen?

Nein. Mit Dr. Balke hatte ich schon mehrere Studien unternommen in Mexiko und Colorado, bevor ich nach Peru ging. Nach meiner Rückkehr aus Lima habe ich meinen PhD an der Universität von Wisconsin abgelegt, weil Balke dort inzwischen der Chef der Abteilung war.

Die Studien mit Dr. Balke waren ein Sprungbrett für dich.

Ja, denn aufgrund unserer Studien wurde ich vom amerikanischen Leichtathletikverband zum „Berater Höhenforschung“ im Vorfeld der Olympiade 1968 in Mexico-City angestellt. Dort testete ich alle Athleten und gab ihnen Richtlinien an die Hand.

Hat sich das positiv ausgewirkt?

Die amerikanischen Mittelstrecken- und Langläufer haben gute Resultate erzielt. Im 1500-Meter-Lauf waren alle im Finale. Jim Ryun gewann die Silbermedaille. Dazu noch eine Bronze über 3000 Meter Hindernis, ein Finalist bei den 5000 Metern. Alle Marathonläufer kam unter die Top 20.

Nach deinem PhD hast du dann praktisch ein Jahrzehnt verschiedene Uni-Teams betreut, bevor du 1970 von Nike angestellt wurdest.

Insgesamt habe ich sechs Jahre für Nike an zwei Standorten gearbeitet. Die letzten drei Jahre in Eugene. Ich habe das Leistungsphysiologie-Labor geleitet. Dabei habe ich alle Elite Läufer, die bei Nike unter Vertrag standen, getestet und dabei auch Studien zur Laufökonomie durchgeführt.

Als dann Nike 1976 das Labor schloss, fing die Zeit an, dass Du Dich als der Universitäts-Trainer schlechthin etabliertest.

Für die nächsten 19 Jahre habe ich an der Universität Cortland (drei Stunden nördlich von New York) gelehrt und trainiert. Wir haben unter anderem den Nationalen Cross Country Titel sieben Mal gewonnen.

Doch damit nicht genug. Du hast so ganz nebenbei auch noch professionelle Athleten geführt, die auch zu Olympischen Ehren kamen.

Ja, noch während meiner Zeit bei Nike habe ich des Öfteren im Sommer für den kanadischen Verband gearbeitet. Penny Werther schaffte die Quali und hat 1976 an den Spielen in Montreal teilgenommen. 1988 belegte Lisa Martin den zweiten Platz im Olympischen Marathon. Ihren Mann Ken führte ich zum 2. Platz beim New York Marathon. In der jüngeren Zeit betreute ich zum Beispiel noch Magdalena Lewy Boulet, die 2008 an der Olympiade teilgenommen hat. Zur Zeit trainiere ich auch Ryan Hall, der auf sein Comeback hofft.

Was war für dich der größte Lernprozess als du angefangen hast, Läufer zu trainieren?

Jeden Läufer in einem Team als Individualist zu betrachten.

Wer war dein Vorbild oder Mentor in deiner Anfangszeit?

Den einzigen Mentor, den ich hatte, war Larry Snyder. Er wurde ebenfalls von Peru verpflichtet, das Sprintteam zu trainieren.

Einen viel Besseren konnte weder Peru noch du wohl kaum finden.

Das will ich meinen, denn er hat immerhin Jesse Owens zu vier Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin geführt. Außerdem betreute er 1960 das US-Team in Rom.

Manche Trainer haben sich einen Namen gemacht als Coach von diesem oder jenem Profi wie Larry Snyder. Du bist aber bekannt geworden als der Uni-Trainer schlechthin.

Das liegt wohl daran, dass ich so erfolgreich mit der Uni von Cortland war.

Provokativ gefragt. Kann man als Trainer eines professionellen Läufers nicht genug verdienen, um die Familie zu ernähren?

Ich habe nie einen Profi, den ich trainiert habe, um Geld gebeten für meine Dienste.

Was war deine größte Leistung in deiner Trainerlaufbahn?

Eine junge Läuferin, Vicki Mitchell, innerhalb von fünf Jahren von einer PB von 2:39 Minuten über 800 Meter zu einer PB von 33:01 Minuten über 10 km zu führen. Sie gewann während der letzten zwei Jahre an der Uni in Cortland sieben nationale Titel. Später wurde sie dann Trainerin an einer Uni.

Wer waren deine Lieblingsathleten während deiner Trainerlaufbahn?

Vicki Mitchell und Magdalena Lewy Boulet, die als 39-Jährige 4:14 Minuten über 1500 Meter, 15:14 Minuten über 5000 Meter und 2:26 Stunden im Marathon lief.

Was war die größte Ehre, die dir erteilt wurde.

Dass die Läufer, die mit mir trainierten, mir vertraut haben.

Bist du stolz auf deine Erfolge?

Ich bin stolzer, zwei tolle Töchter zu haben.

Was ist der größte Unterschied heute Athleten zu trainieren und vor 50 Jahren?

Für mich gibt es da keinen Unterschied.

Was treibt dich mit 82 Jahren noch an, Läufer zu trainieren?

Universitätsläufer sind so nette und intelligente Leute, mit denen ich gerne zusammen bin.

Denkst du die heutigen Läufer sind talentierter als diejenigen von vor 50 Jahren? Oder umgekehrt?

Für mich ist Jim Ryun der Beste aller Zeiten. Haben die Leute je daran gedacht, dass er erst mit 16 Jahren angefangen hat zu laufen? 18 Monate später lief er erstmals die Meile unter vier Minuten! Welcher andere Läufer auf der Welt kann solch einen Quantensprung vorweisen?

Deine Bücher haben weltweite Beachtung und Respekt gewonnen. Bist du erstaunt über den Erfolg?

Ja, speziell vom internationalen Respekt. Zurzeit gibt es mein Buch in Deutsch, Polnisch, Spanisch und Japanisch. Bald kommen noch Französisch, Russisch und Chinesisch dazu.

Du trainierst Läufer auch über deine Webseite Run Smart Project. Sind das alles Amateure?

Nicht alle, zurzeit trainiere ich den besten Läufer von Costa Rica, der unbedingt zu den olympischen Spielen nach Rio möchte. Die meisten sind natürlich Amateure. Der wohl verrückteste Läufer war ein 72-jähriger Amerikaner, der mehr als 15 Wochen hintereinander 160 Kilometer pro Woche jede Nacht zwischen 2 und 5 Uhr morgens trainierte. Er lief ein 10-Meilen-Rennen in 1:13 Stunden.

Wenn du einen Wunsch erfüllt bekämest, bevor du in den Ruhestand gehst. Was wäre das?

Ganz klar, dass einer meiner Läufer der Wells Universität (drei Stunden nördlich von New York) sich für die Nationalen Meisterschaften qualifiziert.

Zwei 10-km-Trainingspläne des weltbesten Langstreckentrainers der Welt finden Sie im April-Heft von RUNNER'S WORLD. Das Heft erscheint am 11. März 2016.