Interview

Ein Lauf mit Sahra Wagenknecht

Die Politikerin Sahra Wagenknecht läuft nur für sich selbst. Am liebsten morgens, mit Naturgeräuschen und allein - perfekt, um zu entspannen.

Trainingstagebuch
Strecke: Spreebogen
Ort: Berlin
Wetter: bedeckt, 17 Grad
Distanz: 10 Kilometer
Zeit: 55 Minuten
Tempo: 5:30 min./km

Stimmt es, dass Sie eine Sommerläuferin sind?

Sahra Wagenknecht: In diesem Jahr stimmt das. Normalerweise bin ich auch eine Frühjahr- und Herbstläuferin, aber ich gebe zu, dass es schon einigermaßen warm sein muss. Ich habe mir in einem strengen Winter mal eine Lungenentzündung geholt, seitdem steige ich bei Kälte lieber auf den Heimtrainer um.

Wofür ist Ihnen Laufen wichtig?

Sahra Wagenknecht: Ich brauche es, weil es mich ungeheuer entspannt und weil ich dabei auf neue Gedanken komme. Danach ist der Kopf wie durchgepustet und wieder frisch. In den Berliner Plenarwochen, in denen ich kaum zum Laufen komme, vermisse ich das sehr.

Wie oft laufen Sie in einer idealen Woche?

Sahra Wagenknecht: Täglich, am liebsten morgens vor dem Frühstück. Ich habe zuhause im Saarland eine etwa elf Kilometer lange hügelige Haustrecke. Aber die idealen Wochen sind eher selten. Deshalb komme ich im Schnitt wohl auf drei Mal pro Woche.

Und ich dachte, Sie seien ein Morgenmuffel?

Sahra Wagenknecht: Na ja, in einer idealen Woche ist das Frühstück um 11 Uhr …Aber in einer Berliner Woche, wo ich tausend Termine habe, müsste ich mir den Wecker um sechs Uhr früh stellen, um noch laufen zu können – da ist mir mein Schlaf doch wichtiger. Und das Laufen soll ja auch Spaß machen.

Nutzen Sie in Berlin das Laufen auch für Gespräche?

Sahra Wagenknecht: Nein, ich laufe am liebsten alleine. Ich habe auch keine Wettkampf-Ambitionen.

Obwohl Sie bei Ihrem Pensum wahrscheinlich gut abschneiden würden …

Sahra Wagenknecht: Dazu fehlt mir der Ehrgeiz – das ist nicht die Ebene, auf der ich mich mit anderen messen muss. Ich gucke zwar beim Laufen auf die Uhr, aber nur, um meine eigene Fitness im Auge zu behalten.

Nehmen Sie Musik mit?

Sahra Wagenknecht: Nein, nie. Für mich sind die Naturgeräusche viel schöner – gerade am Morgen. Da hat man die Vögel, den Wind, das Rauschen der Blätter …

Ist Ihre Hausstrecke im Saarland auch Ihre Lieblingsstrecke?

Sahra Wagenknecht: Ach, das kann man nicht sagen. Es gibt ja so viele schöne Strecken. Ich bin zum Beispiel in Madeira entlang einer Levada hoch auf den Bergen gelaufen, mit einem phantastisch weiten Blick über die Insel und das Meer – das hat schon einen besonderen Reiz.

Sie haben eine beeindruckende Interessenvielfalt: Literatur, Philosophie, Politik, Mathematik, Wirtschaft – sind das Lebensphasen oder alles gleichzeitig?

Sahra Wagenknecht: Natürlich sind bestimmte Lebensphasen auch mit bestimmen Schwerpunkten verbunden, aber trotzdem lebt das weiter. Mir ist es auch heute noch wichtig, Anregungen aus der Literatur und der Philosophie zu erhalten. Nicht nur über Bücher, sondern auch durch persönlichen Gespräche.

Sie durften in der DDR zuerst nicht studieren. Wie ist das, wenn man an seiner intellektuellen Entfaltung gehindert wird?

Sahra Wagenknecht: Das war eine ziemlich unschöne Situation. Ich habe 1988 Abitur gemacht und hätte gern im Anschluss studiert. Als mir das verwehrt wurde, habe ich mich zuhause hingesetzt und Platon, Aristoteles, Kant und Hegel gelesen und meinen Lebensunterhalt mit Mathe- und Russisch-Nachhilfe verdient. Das Problem ist, dass man in dieser fast autistischen Aneignung ohne Austauchmöglichkeit das Angelesene nur bedingt verarbeiten kann.

Stimmt es, dass Sie sich dem Wehrunterricht durch einen Hungerstreik entzogen haben?

Sahra Wagenknecht: Naja, „Streik“ klingt aktiver, als es war. Es gab ja in der DDR diese „Zivilverteidigung“ genannte vormilitärische Ausbildung auch für Mädchen. Und das war wirklich ein Horror für mich. Dein ganzer Tagesablauf wird durchorganisiert, du musst Uniform tragen, im Gleichschritt marschieren, auf Befehl mit Gasmaske auf dem Boden robben, Du hast keine Rückzugsmöglichkeit, noch nicht mal nachts bist Du allein. Da hat sich alles in mir gesperrt, und ich bin einfach so gestrickt: wenn ich mich zutiefst unwohl fühle, dann kann ich nicht mehr essen. Es war also kein Hungerstreik im politischen Sinne, ich war einfach nur fertig. Aber es wurde mir als Protestaktion ausgelegt – einer der Gründe, warum es mit dem Studium nicht gleich geklappt hat.

In der medialen Bewertung haben Sie eine Kehrtwende gemacht von der DDR-nostalgischen „Stalinistin“ zur liberalen Euro-Retterin, der Peter Gauweiler und Frank Schirrmacher größten Respekt zollen. Ist das journalistische Übertreibung oder hat das einen realen Hintergrund in Ihrer Entwicklung?

Sahra Wagenknecht: Auf jeden Fall vertritt man mit 40 nicht mehr das Gleiche wie mit 20. Ich habe auch erst mit 30 begonnen, mich intensiv mit Ökonomie zu befassen. Dadurch, besonders durch den Ordoliberalismus, den ich vorher gar nicht kannte, habe ich neue Denkanstöße gewonnen. Ich bin ja sehr jung in die Politik gegangen und habe mich daher auch schon früh öffentlich geäußert. Nach der Wende war ich voller Trotz – nicht weil ich die DDR, so wie sie war, erhalten wollte, dazu hatte ich nun wirklich keinen Grund, sondern weil ich mir eine reformierte DDR wünschte. Mein Traum war ein attraktiver Sozialismus, der seine Bewohner nicht einsperrt, sondern sich gar nicht retten kann vor den Vielen, die in ihn hinein wollen. Nachdem die DDR kollabierte, hatte ich das Gefühl, als Marxistin oder Sozialistin müsste ich das alte System rechtfertigen. Und so kam damals das öffentliche Bild von mir zustande. Da habe ich Sachen gesagt, die ich seit langem nicht mehr vertrete.

Ihre Dissertation ist gerade im Campus-Verlag unter dem Titel „The Limits of Choice“ erschienen. Wenn ich das richtig verstehe, ist Ihre Grundthese: Wer weniger Geld hat, kann weniger sparen. Was ist daran neu?

Sahra Wagenknecht: Das Problem ist, dass der Zusammenhang zwischen Einkommenshöhe und Sparquote von der Mainstream-Ökonomie komplett geleugnet wird. Das ist natürlich weltfremd. Ich zeige in meiner Arbeit für Deutschland und die USA im Zeitvergleich, dass die Sparquote auch makroökonomisch eng mit der Preisentwicklung des Grundbedarfs zusammenhängt – und dass zum Beispiel die Forderung nach einer privaten Altersvorsorge völliger Unsinn ist, weil viele Haushalte gar nichts dafür übrig haben.

Wo sehen Sie die Linken bei der bevorstehenden Bundestagswahl?

Sahra Wagenknecht: Aktuell werden wir bei sieben bis acht Prozent eingeschätzt. Ich wünsche mir, dass es noch ein bisschen mehr wird, und glaube, dass das nicht unrealistisch ist. Aus meiner Sicht ist eine große Koalition absehbar. Umso wichtiger ist eine starke linke Opposition, denn das entscheidet darüber, wie hoch die Hemmschwellen für Sozialabbau liegen.

Sie sind immer beneidenswert schlank gewesen. Müssen Sie jetzt aufpassen, seit Sie bei Ihrem neuen Partner die saarländische Küche kennenlernen?

Sahra Wagenknecht: Ich gleiche das durch den Sport aus. Wenn ich das nicht machen würde, hätte ich ganz sicher ein Problem. Denn ich esse sehr gern und liebe guten Wein.

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