"Achilles ist mein Therapeut"

Ein Lauf mit Hajo Schumacher

Hajo Schumacher ist "Achim Achilles". RUNNER'S-WORLD-Redakteur Urs Weber lief mit ihm. Das große Interview.

Hajo Schumacher, Journalist, 43, schreibt als „Achim Achilles“ Lauf-Geschichten bei Spiegel-online. Ins Trainingstagebuch wurde nach diesem Interview-Lauf eingetragen:

Datum: 13. Dezember 2007
Strecke: Hamburg, Volkspark
Wetter: bedeckt, 6 Grad
Distanz: 5,5 km
Zeit: 33 Minuten
Tempo: 6 min/km
Herzfrequenz (Ø/max): 121/141


Wie ist denn Ihr sportlicher Werdegang?
Ich habe mit elf angefangen Handball zu spielen, weil ich ein kleiner, dicker Junge war und meine Mutter fand, ich sollte mich bewegen. Das war 1975. Reines Lauftraining war damals eher eine Strafe, wir wollten immer nur den Ball ins Tor pfeffern. In München in meiner Studienzeit habe ich dann mal günstig ein Rennrad erworben, und mit ein paar Kollegen von der „Süddeutschen Zeitung“ sind wir dann immer losgebrettert.

Morgens um zwei kam dann irgendeiner von uns mit dem Plan, man müsste doch mal einen Triathlon machen. Besoffen und großmäulig wie wir waren, haben wir uns dann alle beim Grunewalder Burgtriathlon angemeldet. Klar: Wenn der das macht, mach ich das auch. Und plötzlich trainiert man also Laufen. Beim Triathlon habe ich dann aber weniger Glückshormone, sondern eher Verwirrungshormone produziert. Ich war nicht mehr Herr meiner Sinne, bin völlig planlos in den Wald gelaufen, hab´s dann aber trotzdem geschafft, mich vor den anderen ins Ziel zu retten. Keine Ahnung, wie die Zeit war. Ich habe alles falsch gemacht und es war dennoch großartig. Ich hab das Finisher-T-Shirt immer noch. Dieses WG-Rennen zu gewinnen – das war eigentlich der einzige sportliche Erfolg in meinem ganzen Leben, abgesehen von einem beinharten Wettbewerb im Gummistiefelzielwerfen in Irland, wo ich gegen de ganzen Routiniers von den Farmen gewonnen habe. Das war ein unglaublicher psychischer Druck. Keine Goldmedaille kann diesen Triathlon-Triumph ersetzen, wenn man so im Ziel liegt und nicht weiß, ob man Männchen oder Weibchen ist, abervon vier ahnungslosen Großmäulern das schnellste.

Seit wann laufen Sie richtig?
1995 und 1996 war ich in Bonn als Korrespondent für den Spiegel. Da bin ich auch aus reiner Verzweiflung gelaufen, weil man in Bonn nichts anderes machen konnte. Das war das erste richtige Lauftraining, immer noch unstrukturiert, aber voller Freude. Da bin ich auch öfter mit Joschka Fischer gelaufen.

Also auch zu Fischers Lauf-Anfängen?
Ja, ich habe diese extreme Fettphase mitgekriegt, als er schnaufend nur ein paar hundert Meter weit kam. Wir haben uns morgens um sieben, halb acht getroffen. Er hat sich dann demonstrativ seine drei Backpflaumen in 17 Teile geschnitten. So wie er alles zelebriert, hat er auch seine Diät zelebriert, sein Laufen, sein neues Leben. Und ich hatte die Ehre dabei zu sein, ich durfte ihm Gesellschaft leisten und musste immer sagen, wie schnell und drahtig er geworden ist, auch wenn ich natürlich viel drahtiger und schneller war. Er kann richtig lustig sein.

Später dann, im Wahlkampf 1998 hat Fischer mit dieser Lauftour ja Werbung gemacht und in jeder Stadt Journalisten zum gemeinsamen Läufchen eingeladen – da haben wir uns noch mal in Hamburg an der Elbe getroffen. Er war dann zwanzig oder dreißig Kilo leichter, hatte mit Steffny schon richtig hart trainiert und ist mir dann in Övelgönne die lange Steigung vom Wasser zur Elbchausse hoch weggelaufen. Das war sein größter Triumph, mich stehenzulassen. Das hat er mir Monate danach noch immer wieder um die Ohren gehauen. Typisch für Fischer: Dieses brachiale Triumphieren, das Erheben über andere: Ich bin besser, ich bin schneller, schöner, größer, ich bin Fischer. Wäre ich Psychologe, würde ich mir sein Ego-Problem mal genauer angucken.

War das Laufen symbolisch für die Politik?
Oh ja, ich habe sehr viel über Politik gelernt in diesen paar Läufen mit Fischer. Allein dieses Laufverhalten: Es ging ihm weniger ums Bewegen, sonder um das Bühnenspiel, die Selbstinszenierung. Heute im Programm: Ich nehme öffentlich ab, und ich laufe einen Marathon. Es hatte nur diese darstellende Komponente, dieses Heischen nach Zustimmung. Er musste als Held von der Bühne treten. Es ging nicht um Spaß, es ging nicht um Miteinander, sondern um ihn. Wobei ich sicher bin, dass er die Lauferei in diesem Moment tatsächlich ganz wichtig fand, aber eben nur für eine Phase.

Der Politiker Fischer bestand immer nur aus Phasen, da war außer dem Ego keine Konstanz, sondern eine permanente Abfolge von Bühnenstücken. Wenn man sein Buch heute liest, dann muss man unweigerlich lachen. Diese Überhöhung des Laufens zur ewigen Lebensphilosophie wirkt ja geradezu grotesk, wenn man ihn feist hinter seinem teuren Herd stehen sieht, mit dem er heutzutage angibt.

Gibt’s da andere Politiker, die das genauso inszenieren? Verabreden Sie sich als Journalist auch schon mal mit einem Politiker zum Laufen?
Ja, manchmal. Wobei ich das Gefühl habe, dass manche Politiker wirklich die Ruhe beim Laufen genießen, die halbe oder dreiviertel Stunde morgens oder abends an der Spree entlang, durchatmen, Ruhe haben, die Bürofalten aus dem Hintern laufen. Politiker wollen ja nicht immer einen Journalisten im Gepäck haben. Viele wollen sich nicht mal fotografieren lassen, wegen der Privatsphäre. Völlig okay. Es gibt eben Darstellungsläufer und Besinnungsläufer.

Was sind Ihre Beweggründe zum Laufen?
Ich bin eher Besinnungsläufer, Flucht- und Wegläufer. Man läuft ja nicht immer irgendwo hin oder für irgendetwas, sondern auch gegen was und ohne was: Dass das Handy eine Stunde einfach mal nicht da ist oder die e-Mail oder die Kinder oder sonst irgendwelche Nervensägen. Andere machen Yoga, Meditation, oder gehen in die Kirche. Das Laufen – es klingt zwar platt – aber es ordnet sich einfach viel dadurch. Bei mir jedenfalls. Mit zwei, drei Leuten kann ich gut quatschen, manchmal ist es auch entspannend, 12 Kilometer Tempo zu machen und sich selbst beim Hecheln zuzuhören. Oder Mantras aufzusagen im Schrittrhythmus, so was wie: Wei-ter! wei-ter! wei-ter! Laufen hat viel mit Konzentration durch Reduktion zu tun, mit Nicht-Ablenkung.

Unkonzentriertheit ist eine absolute Volksseuche. Gerade wenn man in diesem Mediengeschäft arbeitet. Pausenlos ist irgendetwas. Mit einer Hand am Handy und SMS schreiben, mit der anderen Hand eMails lesen, gleichzeitig auf Spiegel Online schauen, was in der Welt los ist. Mit dem Festnetzanschluss mit irgendeinem Kumpel telefonieren, dann kommt noch ein Fax. Also dieses ganz Zerhackte, immer alles gleichzeitig, aber nichts richtig. Die Konzentrationsspannen sind extrem kurz.

So ist das Laufen auch eine ganz absichtliche Flucht daraus. Ich ziehe alle Stecker raus. Die schöne Erfahrung ist ja: Obwohl man ein oder zwei Stunden nicht in seinem Kommunikationskorsett war – in den allerseltensten Fällen sind dramatische Dinge passiert. Man hat nichts verpasst, aber sich 60 Minuten Zen verschafft, eine einzigartige Kombination aus Bewegen, Ausdauer, frischer Luft, Gewichtsmanagement, Ruhe, Entspannen. Es gibt keine andere Tätigkeit, bei der man in so kurzer Zeit so viele Benefits kriegt. Insofern würde ich gar nicht sagen, dass Laufen so eine Lustsache ist, sondern eine totale Vernunftsache, eine Ökonomie-Sache: in kürzester Zeit maximalen Nutzen. Deswegen habe ich auch ganz selten Motivationsprobleme, höchstens bei langen Läufen.

Wie wichtig sind die anderen Faktoren, wie Gewichtsverlust und körperliche Fitness?
Es ist alles wichtig. Wenn man über vierzig ist hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man macht die Askesenummer und trinkt nur noch Grünen Tee und knabbert an einem Salatblatt oder man frisst und säuft so weiter wie gewohnt. Ich bin nicht der asketische Typ. Also muss ich das Gewicht, was sich dann zwangsläufig aufbaut, irgendwie kontrollieren. Fitness und Ausdauer werden zudem im Berufsleben mit dem Alter immer wichtiger. Mit Mitte 40 merkt man erstmals, welche Kollegen in den Konferenzen wegdämmern, bei drei Treppenstufen schnaufen oder sich mit chronischen Malaisen plagen.

Sehen Sie das Laufen funktional – oder auch lustvoll?
Jeder Lauftag ist eine Wundertüte. Man weiß nie, was man kriegt. Aber alle Lauftage haben eines gemeinsam: Ich habe noch nie einen einzigen Lauf bereut – und mag ich noch so schlecht gewesen sein und das Wetter ganz ekelhaft. Immer habe ich hinterher gesagt: Gut, dass du draußen warst, gut, dass du dich bewegt hast. Es gibt immer einen Benefit, garantiert, mit der einen Ausnahme vielleicht, dass man leicht vergrippt losläuft und mausetot wieder ankommt. Aber diesen Fehler machen nur die Jungspunde.

Wann und wie ist eigentlich Achim Achilles geboren? Und wer ist Achim Achilles, ist das eins zu eins Hajo Schumacher, der läuft? In Laufschuhen, so wie jetzt hier? Oder ist es auch eine Phantasiefigur gewesen, die sich dann immer mehr verselbständigt hat?
Es gibt Journalisten, die jeden Furz, der ihnen passiert, gleich zu einer Story verarbeiten, und so ihr ganzes Leben erzählen. Große Vorbilder wie Axel Hacke und Harald Martenstein schaffen es, aus jeder dieser Kleinigkeiten, ob im Kaufladen, beim Aufstehen oder beim Stuhlgang, eine zutiefst philosophische, lustige Identifikationsgeschichte zu machen, wo die Leute hinterher sagen, „Boah, genauso ist es bei mir auch. Woher weiß der das?“ also widersprüchlich, bescheuert, lebensnah. Die Menschen mögen diese liebenswerten Belanglosigkeiten und ihre Autoren. Und nichts will ein Journalist mehr als gemocht zu werden.

Achilles ist allerdings eher zufällig entstanden. Ich hatte mal beruflich eine Zäsur, als ich nicht mehr Chefredakteur sein wollte und mich von Max getrennt habe, Ende 2002. Damals herrschte ziemliche Abbruchstimmung bei den Medien und ich wusste zwar, dass, aber nicht, wie es weiter geht. Da habe ich ganz viele verschiedene Sachen ausprobiert. Geschichten aufgeschrieben, die mir Spaß gemacht haben, die mir wichtig waren, zum Teil ganz ohne Verwertungsinteresse. Damals lief ich relativ regelmäßig und habe festgestellt: Da wetzen ja ganz schön viele Menschen durch die Gegend, egal, ob du morgens oder abends läufst, ob du in der City oder ‚am Arsch der Welt’ läufst – überall begegnen dir Läufer.

Es scheint also ganz offenbar kein Randgruppensport zu sein, sondern eine Bewegung: Millionen Läufer, je nach Umfrage fünf oder zwölf, und ich stellte auch an mir selber fest: ein paar Jahre Ehe, Kind, Job – man musste was machen. Auf einmal war auf den Stehparties nicht mehr das Thema ‚Wie hat Schalke gespielt?’, sondern „sag mal, du siehst ja toll aus, hast du abgenommen?“. Coole Antwort: „Ja, ich laufe jetzt.“ Das ist ein klassischer Dialog, den man so ab Mitte dreißig immer häufiger auf seinen Abendgesellschaften führt, und zwar sowohl bei Singles, als auch bei Verheirateten. Aus den eben genannten Gründen: Abnehmen, Stressabbau, usw.

Dann fängt man an, liest Fachzeitschriften, kauft Bücher, probiert rum, und man stellt fest: Was die da alles von dir wollen, was du da alles machen musst, du wolltest doch eigentlich nur laufen. Allein schon der Kauf eines Laufschuhs: Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was Über- oder Unterpronieren ist, ich habe immer erst ‚probieren’ gelesen. Es war mir alles so zuviel. Ich konnte auch keine Trainingspläne abarbeiten. Ich finde es total stumpf, achtmal 1000 Meter im Stadion zu schrubben. Obwohl ich objektiv zugeben muss, es hilft. Aber ich habe keinen Bock drauf. Es wird also der gleiche Stress, vor dem man fliehen will, von Trainern und Industrie und Mitläufern aufgebaut. Achilles macht diesen Mist nicht mit. Er läuft, weil es sein muss, manchmal sogar gern, aber er will sich nicht stressen lassen.

Und schwupps, da haben wir schon die Widersprüche, mit denen sich der Freizeitläufer rumschlägt. Natürlich will man an einem Wettbewerb teilnehmen, natürlich will man schneller sein als andere, natürlich will man sich nicht dafür quälen. Natürlich ist die Frau stolz auf einen, wenn man nicht so dick ist wie der Nachbar, und natürlich quengelt sie rum, wenn man den halben Sonntag verschwunden ist. Laufen ist hochemotional, ein permanenter innerer Dialog, zwischen gewaltigen Hoffnungen und Ängsten.

Diese ganzen Päpste und Gurus aber, die betrachten diese Lauferei als maschinelles Phänomen, wie Auto-Tuner, aus einer rein zahlengetriebenen Trainerperspektive: du musst das, das und das machen und dann ist das Ergebnis das und das. Aber viele Läufer sind nicht so, sie denken ganz anders: Wie erkläre ich es meiner Frau, wie sehe ich cool aus, warum schmeckt das Gel so ekelhaft. Diese kleinen, aber doch so bedeutungsvollen Themen, die fanden nirgendwo statt, schon gar nicht bei den Gurus.

Ich glaube, dass Geheimnis von Achilles ist einfach seine Ehrlichkeit. Er sagt, wie es ist. Zum Beispiel: Am theoretisch weitesten Punkt von einer Toilette entfernt muss ich ganz dringend. Darüber habe ich noch nie was bei Steffny gelesen oder Wessinghage. Wo soll man hin, da gibt’s kein Gebüsch, keine Blätter, man ist total ausgeliefert. Darauf bekomme ich Dutzende Mails: ‚endlich sagt mal einer, was uns wirklich umtreibt’.

Anfangs habe ich verschiedene Achilles-Geschichten Freunden und Bekannten gezeigt und verschiedenen Zeitungen angeboten, aber die wollte keiner haben – weder die ganz großen der Republik noch die kleineren Blätter. Mathias Müller-Blumencron und Clemens Gerlach von Spiegel online haben dagegen ziemlich schnell begriffen, welches Potential da schlummert. Inzwischen haben wir fast 200 Kolumnen gemacht, 1000 Läufer-Fragen beantwortet und 150 000 Bücher verkauft.

Ist Achim der Journalist Hajo Schumacher, der in Laufklamotten steckt? Oder ist das auch ein bisschen mehr der Beobachter?
Es ist der ganz normale Gesamtläufer. Einige Sachen sind natürlich überspitzt, einige Dinge traut man sich selbst auch gar nicht zu schreiben, obwohl man sie denkt. Man kann sich natürlich hinter Achilles ein wenig verstecken, zum Beispiel, wenn man intellektuell und ästhetisch minderbemittelte Zeitgenossen verhöhnt. Es macht einfach irren Spaß, Walker zu „dissen“, das mache ich aus vollster Überzeugung. Da kenne ich auch keine Menschenrechte und Konventionen, sondern sage ihnen offen und geradeweg, dass ich sie Scheiße finde, mit nur einer Einschränkung, wenn es sich um Rekonvaleszenten oder Hyperschwergewichte oder Senioren handelt.

Man muss sich halt abgrenzen, und bei mir sind es die Walker. Ich stehe da zu meinen niederen Instinkten. Es ist aber nicht böse gemeint, ich will nur spielen. Ich freue mich total, wenn die Deutsche Walking Union kommt und mir eine Urkunde verleiht, als Ehrenwalker, da ich so viel für ihre Bewegung getan hätte, weil sie soviel über sich lachen könnten. Wunderbar. Das ist genau der Level, auf dem ich mich gerne bewege. Konsensual spaßig, so wie Karneval.

Ich habe noch nie so viel Spaß dabei gehabt zu arbeiten wie als Achilles. Es ist so herrlich unernst. Achilles ist eins zu eins, frei von der Leber, richtiges Leben, leichtes Leben, schönes Leben, unkompliziert und lustig. Als Westfale ist man ja jede Minute so drauf. Man muss es nur merken und dann auch noch rauslassen. Insofern ist Achilles mein Therapeut. Dafür danke ich ihm sehr.

Weitere Interviews im Laufschritt finden Sie unter runnersworld.de/einlaufmit.

Ein Lauf mit ...:

Ein Lauf mit Marc Ciunis