Laufen mit der Burlesque-Performerin

Ein Lauf mit Eve Champagne

Eve Champagne tritt regelmäßig im Show Club von Olivia Jones in Hamburg als Solo-Burlesque-Performerin auf. "Ich laufe, um meine Libido zu fördern", bekennt sie.

Trainingstagebuch
Strecke: St.-Pauli-Landungsbrücken, Fischmarkt, Övelgönne
Ort: Hamburg
Wetter: sonnig, 25 Grad
Distanz: 8 Kilometer
Zeit: 54:40 Minuten
Tempo: 6:50 min/km

Du bist Burlesque-Performerin. Was heißt das?

Ich stehe auf der Bühne und zieh mich aus. Es ist aber kein Striptease, sondern ganz was anderes. Beim Striptease wird das Nacktsein zelebriert, beim Burlesque das Sich-Ausziehen. Es ist eine Kunstform. Es ist kein Animieren, sondern Entertainment. Es ist viel kreativer, hat eine größere Bandbreite. Abgesehen davon hab ich viel zu kleine Titten und bin mit 1,80 Metern viel zu auffällig für eine Stripperin. Für die gibt es ein bestimmtes Schönheitsideal, so 90-60-90, Extensions, während beim Burlesque keins existiert. Ich nenne Burlesque immer die neue Form des Feminismus. Heutzutage brauchen wir uns keine Achselhaare und keine Beinhaare mehr wachsen zu lassen, sondern sind extrem feminin. Bei unseren Shows haben wir einen Frauenanteil von 70 Prozent.

War das dein Traumberuf?

Ja! Ich hatte schon als Kind und als Teenager eine Affinität für Erotik. Das Bewusstsein, dass es neben dem Pornografischen, Plakativen, auch dieses Schöne, Lebhafte gibt, diese Ästhetik und den Spaß dabei. Ich habe Postkarten und Ausschnitte aus Pin-up-Magazinen gesammelt und diese Filme aus den 40ern und 50ern geliebt mit Marlene Dietrich, Rita Hayworth und so. Mein größter Traum war es, so auszusehen, wie diese Frauen. Habe ich aber nicht. Ich war leider unglaublich hässlich. Tja, und wenn man als Teenager so hässlich ist wie ich und auf die Bühne will und nichts kann, dann gibt ja nichts Einfacheres, als die Leute dadurch zu unterhalten, dass man sich auszieht. Die Leute freuen sich über Titten, egal welche Größe. Frauen freuen sich darüber, Männer freuen sich darüber. Es gibt nichts, womit man Leuten eine größere Freude machen kann.

Wie wird man Burlesque-Performerin, gibt es eine Ausbildung?

Ich bin Quereinsteigerin, deswegen kann ich mich auch nicht als Burlesque-Tänzerin betiteln, weil ich noch nie eine Tanzstunde hatte, eine Schauspielstunde oder sonst was. Ich bin ausgebildete Barmixerin und Hotelfachfrau. Es gibt jetzt aber auch Burlesque-Schools, Kolleginnen von mir bieten Workshops an und so. Die Skills kann man also lernen, aber eine gute Bühnenshow oder eine gute Performance, das lernt man nicht. Das kann man oder eben nicht. Man muss halt eine Rampensau sein wie ich.

Was macht denn eine gute Performance aus?

Sex always sells. Aber wenn man gut ist, muss man erst mal einen Teil von sich selbst zeigen auf der Bühne. Alles andere ist gespielt, und das sieht man auch. Das bedeutet, dass man einfach auslebt, worauf man Bock hat. Das ist eigentlich ganz einfach, ich weiß gar nicht, warum die Menschen immer so ein Problem damit haben. Ich hab Bock zu laufen? Ich geh laufen. Ich hab Bock mich auszuziehen? Ich zieh mich aus.

Was habt ihr für ein Publikum?

In Olivias Show Club und bei meinen Kiez-Führungen haben wir natürlich vor allem Touristen im Alter von 17 bis 80. Da haben wir geradezu einen Bildungsauftrag. Die kommen rein und sagen: „So was habe ich noch nie gesehen! Bei uns auf dem Land gibt’s so was nicht.“ Dann sagen wir: „Doch, gibt es, ihr könnt es nur einfach nicht so ausleben.“ Tatsächlich sagen die Mädels oft: „Ich würde auch gern solche Klamotten tragen wie du, aber dann würde ich bei mir in der Stadt blöd angeguckt.“ Die Leute haben immer so eine Hemmschwelle. Sie denken zu wenig an Trieb oder worauf sie Bock haben. Sie denken „hätte, wäre, wenn“ oder „könnte, eventuell“ oder „Was halten die von mir?“, dabei ist das doch scheißegal.

Geboren bist du in Bremen. Fühlst du dich in Hamburg zu Hause?

Ich liebe diese Stadt, denn ich liebe das Leben. Hier gibt’s noch echte Spelunken, wo man beim Reinkommen das Gefühl hat: Alter, ich krieg hier gleich voll auf’s Maul. Aber dann geht man sechs Stunden später wieder raus und denkt: Das war die geilste Nacht meines Lebens. Oder kleine Eckkneipen, in denen die Gardinen noch nie gewaschen worden sind und nur die zwei einzigen Stammgäste sitzen und die tollsten Gespräche führen. Das ist so menschlich und ehrlich.

Hast du eine Lieblingsrolle auf der Bühne?

Ja, den besoffenen Matrosen! Alles, was ein bisschen derber ist. Ich bin ja eine schreckliche provokante Nutte und steh auch total dazu. Und ich liebe es auch, weil es so einfach ist. Ich mag einfach provozieren.

Hast du nicht manchmal Zweifel, ob das wirklich der richtige Beruf ist?

Ja. Ja, und dann gehe ich laufen. Wenn ich denke, die Welt bricht zusammen oder ich bin einfach nicht in der Lage, das zu tun oder jenes zu tun, dann gehe ich laufen, und dann komme ich an und denke so: Leute, ihr seid alle sicher. Und dann geht’s mir auch wieder gut.

Seit wann läufst du?

Ich bin schon als Teenager gelaufen, aber nur für mich, nicht im Verein oder so. Im Schulunterricht war ich immer die Beste, besser als die Jungens. Ich hab aber auch sonst viel Sport gemacht, bin Kajak gefahren und so. Ich bin ein Bewegungsmensch, wie ein Husky oder ein Ara. Wenn man den nicht beschäftigt, wird er depressiv oder aggressiv. Auch nach der Schule bin ich immer gelaufen, weil ich es natürlich fand, aber ohne Grund und nur zwei-, dreimal im Monat.

Und seit wann trainierst du regelmäßig?

Erst seit Anfang des Jahres. Ein Kollege und Kumpel von mir, der Schauspieler Ingo Kantorek (bekannt aus der Scripted-Reality-Serie „Köln 50667“; Anm. d. Red.) ist Botschafter der Arche und hat den „Benefizlauf 2015“ begleitet, einen Staffel-Spendenlauf über 2015 Kilometer quer durch Deutschland. Er hat mich angestachelt, da mitzumachen. Zuerst war das eher so’ne Ego-Sache, ich wollte ihn abziehen, in Strecke, Distanz und Geschwindigkeit. Wir haben dann angefangen, zusammen zu trainieren. Im April bin ich dann beim Benefizlauf 2015 die Hamburg-Strecke gelaufen und habe mal eben so die Halbmarathon-Distanz geschafft. Seitdem beschäftige ich mich mit Laufen. Ich lese sogar Fachmagazine, so weit ist es mit mir gekommen!

Du bist du auf den Geschmack gekommen?

Jetzt habe ich Blut geleckt. Nächstes Jahr werde ich auf jeden Fall bei einigen Fun-Hindernisrennen dabei sein. Zombie Run, Tough Mudder oder so was, da kann ich mich so richtig schmutzig machen! Aber ich will auch weiter Charity-Events machen, mit meiner Kraft was Gutes anfangen.

Laufen ist also eher Wellnes für dich?

Es ist Entspannung, pure Entspannung. Ich laufe meinen Problemen davon und den Lösungen entgegen. Wenn ich Stress bei der Arbeit habe, an einem Kostüm nicht weiterkomme oder kreativ blockiert bin, dann gehe ich einfach laufen. Laufen ist der einzige Moment im Alltag, wo ich gute Musik, Geschwindigkeit und mich selbst kombinieren kann, ganz allein. Ich bin leidenschaftliche Autofahrerin, habe aber kein Auto, weil ich auf St. Pauli lebe und arbeite, da brauche ich das nicht. Im Urlaub ist es leichter, extrem zu sein, da kann ich Ski fahren, einen Viertausender besteigen, Canyoning machen.

Läufst du immer mit Musik?

Ich kann nicht ohne Musik laufen, ich brauche was mit hoher BPM-Zahl, das zu meinem Herzrhythmus passt. Das ist meist House oder Drum and Bass. Wenn ich langsam laufe, auch mal Lounge. Es kann aber auch vorkommen, dass ich zu Metal laufe oder R&B, das hängt von der Stimmung ab.

Wie oft läufst du derzeit?

Drei- bis viermal in der Woche, und wenn’s nur drei, vier Kilometer durch den Park sind. Wenn ich Lust habe zu laufen, laufe ich. Oft nachts, um vier Uhr morgens oder so, egal was ich im Gesicht habe oder wie meine Frisur aussieht. Ich laufe, wenn ich aggro bin, ich laufe, wenn ich gute Laune habe. Ich könnte eigentlich ständig laufen.

Hast du keine Angst beim Laufen auf dem Kiez?

Nein, gar nicht. Erstens laufe ich zu schnell, dann habe ich keine Highheels an. Außerdem laufe ich ja nachts. Wer einen gesunden Menschenverstand hat, weiß sowieso, dass die Alte nicht alle Tassen im Schrank hat. Wenn ich um vier Uhr morgens laufe oder so, habe ich sicherheitshalber aber immer Gewichte in der Hand, damit ich ausholen kann, falls irgendwas ist.

Siehst du eine Verbindung zwischen dem Laufen und deinem Beruf?
Sport und Sex haben sehr viel miteinander zu tun. So wie Essen. Ich mache ja auch Sport, um meine Libido zu fördern und einfach, um mich gut zu fühlen.

Und das funktioniert?

Und wie das funktioniert! Heidewitzka, ey. „Geht weg, Eve war laufen! Sperrt die Männer ein, Eve kommt in die Bar! Sie ist geduscht und geschminkt!“ Und die Transen rufen durch den ganzen Laden: „Bist du das, oder spricht deine Vagina mit mir?“ Ich finde das einfach toll.



Burlesque-Show mit Eve Champagne

Wenn Sie Eve live erleben möchten, besuchen Sie eine Ihrer Performances in „Olivias Show Club“ in der Großen Freiheit 27 in Hamburg oder lassen Sie sich von ihr über den Hamburger Kiez führen:
www.kult-kieztouren.de

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