Der Schriftsteller

Ein Lauf mit Eugen Ruge

Die Idee für seinen ersten Marathon hatte Eugen Ruge im Alter von 49 Jahren, als er am Brandenburger Tor beim Berlin-Marathon zuschaute.

Trainingstagebuch:
Strecke: Berlin, Humboldthain
Wetter: sonnig, 8 Grad
Distanz: 11 km
Zeit: 60 Minuten
Tempo: 5:27 min/km

Hat der lange Lauf an der Küste Mexikos, den Sie so realistisch in Ihrem preisgekrönten Buch „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ beschreiben, jemals stattgefunden?
Nein, da muss ich den Leser enttäuschen. Ich kenne zwar die Gegend dort, aber der Lauf ist erfunden. Aber wenn ein Läufer die Beschreibung liest, wird er spüren, dass der Autor weiß, wie Laufen geht.

Wie sind Sie zum Laufen gekommen?
Kleine Strecken laufe ich schon sehr lange. Die Idee, Marathon zu laufen, bekam ich aber erst mit 49 – als ich zufällig beim Berlin-Marathon am Brandenburger Tor stand. Als ich die Gestalten da sah, darunter viele Leute, die schlechtere Voraussetzungen zum Laufen hatten als ich, dachte ich mir, das kannst du auch. Daraufhin habe ich Läufer angesprochen, die ich bei meinen Trainingsläufen getroffen habe und die mir nach Marathon aussahen. Die haben ein paar Mal mit mir trainiert und dann mit mir einen Testlauf über 10 km im Exer gemacht.

Exer?
So heißt die Laufbahn hier in Prenzlauer Berg, weil sie von der preußischen Armee als Exerzierplatz genutzt wurde. Ich habe hier auch mal einen kleinen Film gemacht über einen 800-Meter-Läufer, der heute 82 ist und nach dem Krieg hier angefangen hat zu trainieren.

Wir waren bei Ihrem ersten Zehner.
Richtig. Also hier auf dem Exer bin ich meine ersten 10 km in 42 Minuten gelaufen. Meine Lauffreunde haben mir dann für den Berlin-Marathon 2004 einen Trainingsplan für 3:30 Stunden gegeben – 3:19 sind es geworden.

Aber dabei blieb es nicht.
Nein, 2006, mit 52 kam ich beim Wuhlheide-Marathon nach 3:03 ins Ziel. Das wäre der Lauf gewesen, wo ich die 3-Stunden-Grenze hätte knacken können. In der Vorbereitung bin ich die Zehn in 38:26 gelaufen und auch die Halbmarathon-Zeit stimmte. Dann war es aber ein arschkaltes Wetter, es regnete die ganze Zeit – und alle fünf Kilometer mussten wir auf einer alten, immer mehr aufweichenden Aschebahn eine Runde drehen. Danach habe ich mich wahnsinnig geärgert!

Haben Sie nochmals versucht, die Zeit zu toppen?
Ja, in Regensburg 2007. Ich war gut austrainiert, fühlte mich leicht und dachte, das packst du jetzt – koste es, was es wolle. Der Tag war sehr heiß. Weil ich das Trinken an den Wasserstellen sehr lästig finde, hatte ich meine eigene kleine Wasserflasche dabei. Bei Kilometer 35 wollte ich noch eine Cola mit Apfelsaft trinken – ich dachte, das reicht mir. Die Cola habe ich noch geschafft. Bei Kilometer 37 fing ich an, die Richtung zu verlieren. Bei Kilometer 39, schon in der Innenstadt, holte mich ein Laufkumpel ein, der gleich sah, was los war. Er schnappte sich von einem Cafétisch ein frisch gebrachtes Wasserglas und brachte mich zu den Ordnern am Rand. Ich war richtig dizzy und wusste nicht mehr, was ich mache. Dann ließ ich mir noch je einen halben Liter Cola und Apfelsaft spendieren – und es ging mir wieder besser. Aber der Traum von 3 Stunden war damit endgültig geplatzt. 2008 fing ich an zu schreiben und da war es mit dem Marathonlaufen vorbei.

Entwickeln Sie beim Laufen Ideen für ihre schriftstellerische Arbeit?
Ich nutze die Zeit eher, um an gar nichts zu denken oder um mich zu unterhalten. Ich kann aber nicht verhindern, dass mir hin und wieder klar wird: ‚Das geht so nicht‘ oder: ‚Mache es doch so‘.

Sie haben eine Krebserkrankung überwunden. Hat das Laufen dabei geholfen?
Da gibt es unterschiedliche Theorien. Die einen sagen, dass Laufen schuld daran ist, dass ich das bekommen habe, die anderen sagen, es ist deshalb weggegangen. Tatsache ist, dass 2006 eine eindeutig klingende Diagnose da war. Nach einigen Wochen war das zwölf Zentimeter große Etwas im Bauchraum aber weg. Ob das jetzt eine Spontanheilung oder eine falsche Erstdiagnose war, weiß ich nicht.

Sie wohnen in Berlin und auf Rügen. Wo laufen Sie lieber?
Literarisch sind urbane Strecken interessanter. Aber Rügen ist einfach toll zum Laufen. Wir haben ein kleines Wochenendhaus auf Mönchgut. Da habe ich eine 10-Kilometer-Runde auf den Hügelkämmen mit 200 Höhenmetern. Die Strecke ist kaum zu überbieten – allein die Aussicht. Sie sehen ringsum die verschiedenen Gewässer, den Greifswalder Bodden, die Hagensche Wiek, die Ostsee, und die Landzungen, den kleinen und den großen Zicker.

Sie schreiben auch Hörspiele und Theaterstücke. War da auch mal eines über das Laufen dabei?
Es gibt ein Theaterstück namens „Labyrinth“, was auch als Hörspiel mit Sylvester Groth aufgenommen wurde. Da geht es um einen älter werdenden Mann, der sich in seiner Stadt, in seinem Leben nicht mehr zurechtfindet und absurde Dinge tut. Der hat zwischendurch regelrechte Lauf-Attacken, kauft sich unterwegs Laufschuhe und misst dabei seine Laktatwerte. Ich finde, es ist eines der schönsten Stücke, die ich geschrieben habe.*

Als Sie den Buchpreis gewonnen haben, gab es auch einige – wenige – Stimmen, die von einem „Kompromisskandidaten“ sprachen. Überwiegt in einer solchen Situation die Freude über den Preis oder lässt man auch den Ärger an sich ran?
Ich kenne nur eine Stimme. Ich hatte ja das Glück, dass ich schon vor dem Buchpreis eine geradezu euphorische Presse hatte und eigentlich das ganze deutsche Feuilleton hinter diesem Roman stand. Aber klar – nach dem Buchpreis melden sich dann die Besserwisser.

*Nächste Aufführung: 9. Februar, Theater an der Linde, Weinstadt (www.theateranderlin.de)

Das Interview führte Frank Hofmann.

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