Interview

Ein Lauf mit Dieter Hallervorden

Der Berliner Schauspieler Dieter Hallervorden (78) spielt in dem Film „Sein letztes Rennen“ einen Marathonläufer. Seit der Vorbereitung auf den Film läuft er regelmäßig.

Dieter Hallervorden

Dieter Hallervorden in dem Film „Sein letztes Rennen“.

Bild: Nadja Klier

Laufprotokoll:
Strecke: Grunewald
Ort: Berlin
Wetter: heiter
Distanz: 5 Kilometer
Zeit: 33 Minuten

Am 10. Oktober läuft der Kinofilm „Sein letztes Rennen“ an, eine ebenso humorvolle wie hintergründige Tragikkomödie, in der Sie die Hauptrolle spielen, einen ehemaligen Olympiasieger im Marathonlauf. Wie kam es dazu?

Dieter Hallervorden: Komischerweise war der Bezug zu mir da, bevor das Buch überhaupt fertig war: Der Autor, Kilian Riedhof, der übrigens auch die Regie führt, hat beim Schreiben des Buches in der Hauptrolle an mich gedacht. Vielleicht ist es deswegen auch so deckungsgleich. Er kannte mich zwar persönlich nicht, aber er hatte Filme von mir gesehen und sich vorgestellt, dass ich das bestimmt gut spielen könnte.

Sie spielen Paul Averhoff, einen Marathonläufer: Mussten Sie sich auch körperlich vorbereiten, trainieren?

Dieter Hallervorden: Oh ja, das habe ich sehr ernst genommen und mich speziell auf den Film etwa fünfeinhalb Monate vorbereitet. In der Beziehung bin ich ein Pflichtmensch, bin jeden Tag gelaufen, hatte einen Trainer, bin im Urlaub in der Bretagne zusätzlich geschwommen und in die Folterkammer gegangen – und ich habe elf Kilo abgenommen.

Das klingt nach einer richtigen Lebensumstellung?

Dieter Hallervorden: Ja, auf jeden Fall. Ich hatte ja sogar einen Ernährungsplan, den müssen Sie sich mal anschauen. Ich habe ja früher ganz gerne mal so einen Sun-Downer konsumiert, ein schönes Gläschen Champagner, oder ein Stückchen Erdbeerkuchen mit einem Irish Coffee – das war alles weg. Auch Kohlenhydrate zum Abend: Alles weg. Ich habe da wirklich sehr spartanisch gelebt, auch keinen Alkohol mehr getrunken.



Paul Averhoff (Dieter Hallervorden) hat 1956 als Marathonläufer olympisches Gold geholt. Doch jetzt müssen Paul und seine Frau Margot (Tatja Seibt) ins Altenheim.
Das soll es nun gewesen sein? Nicht mit Paul! Er holt seine alten Laufschuhe hervor und beginnt zu trainieren - um einen letzten Marathon zu laufen!


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Die Rolle muss Sie also sehr gereizt haben?

Dieter Hallervorden: Das Drehbuch hatte mich begeistert! Es balanciert für die Zuschauer auf dem schmalen Grat zwischen Schmunzeln und zutiefst berührt sein. Es ist ein menschliches Schicksal mit allen Höhen und Tiefen. Und die Rolle selbst, dieser ehemalige Marathonläufer, entspricht in seinem Wesen so sehr stark meinem eigenen Wesen: Ich bin auch so ein bisschen Revoluzzer, ich lasse mir auch nicht alles gefallen. Ich setze gerne meinen Willen durch. Ich habe meinen eigenen Kopf. Und das ist dieser Paul Averhoff im Film ganz explizit. Deswegen war das mir auch ein wichtiges Anliegen: Das muss ich nochmal packen. Vor allem gelingt es mir dadurch ja auch, eine ganz andere Farbe vom Schauspielerischen her zu zeigen - verglichen mit früheren Filmen von mir, oder wenn Sie an Nonstop-Nonsens-Zeiten denken. Da haben wir gespielt, um das Zwerchfell anzusprechen, man wollte Lacher erzeugen. Doch hier im Film geht es darum, das Herz anzusprechen, also Gefühl zu erzeugen. Und das erfordert eine ganz andere Art zu spielen.

Mit dem Film definieren Sie sich also auch schauspielerisch noch mal neu: War es für Sie schauspielerischer Ehrgeiz, diese melancholische, diese ernsthafte Seite so zu spielen, so auszuleben?

Dieter Hallervorden: Ja, zweifelsohne. Ich weiß nicht, ob ich das so sagen darf, weil ich nicht dazu da bin, mir auf die eigene Schulter zu klopfen, aber ich glaube schon, dass ich mit der Gestaltung dieser Rolle schauspielerisch in eine andere Liga aufgestiegen bin. Das war aber insofern nicht schwer, weil der Typ des Paul Averhoffs so sehr meinem Wesen entspricht. Mein Wahlspruch ist: „Ich will. Und ich kann!“ Und das ist ja eigentlich genau die Philosophie von dem Paul Averhoff: Mindestens einmal mehr aufstehen als hinfallen, das zeichnet ihn aus. Und das ist auch meine Philosophie. Die Rolle war für mich wie ein persönliches Anliegen, der Film fast wie eine persönliche Botschaft.

Es ist wahrscheinlich schwer, sich von dem Rollenbild des "Didi", das die Medien und die Menschen gerne sehen wollen, zu emanzipieren, oder?

Dieter Hallervorden: Ja, aus einer Schublade zu klettern ist schwer. Aber ich versuche es erfolgreich seit einiger Zeit, auch mit der Übernahme des Schlosspark-Theaters in Berlin, wo ich ja auch ganz andere Rollen spiele. Bei den Leuten, die ein bisschen Grips haben, ist mir schon die Umkehrung gelungen.

Können Komödianten auch ernste Rollen spielen?

Dieter Hallervorden: Ich glaube, dass wirklich gute Komödianten – also nicht Comedians – sehr wohl ernste Rollen spielen können. Es ist doch für das Publikum immer interessant, wenn Rollen gegen den Strich gebürstet besetzt werden. Um mal ein Beispiel zu nennen: Jack Lemmon in „Missing“. Er ist der Vater, der nach seinem verschollenen Sohn in Chile sucht. Also eine sehr traurige Geschichte – aber Jack Lemmon ist ja ein bravouröser Komiker. Und er hat das super gespielt. – Das begreifen deutsche Produzenten, vor allem Redakteure beim Fernsehen, eben nicht. Sie haben nicht die Phantasie, die ein Zuschauer hat! Die wollen doch Schauspieler sehen, die nicht immer nach demselben Strickmuster gemacht sind. Ich glaube, die Amerikaner haben uns das vorgemacht. – Eine Einschränkung muss ich allerdings machen: Wenn Schauspieler, die nur ernste Rollen gespielt haben, wenn die versuchen, komisch zu sein, dann wird’s furchtbar!

Als Paul Averhoff laufen Sie viel in dem Film: Sind Sie früher schon gelaufen?

Dieter Hallervorden: Gelaufen nicht, aber ich hatte viele sportliche Hobbies, vom Windsurfen bis zum Segeln, ich habe auch lange Tennis gespielt. Und für viele meiner Rollen musste ich ja fit sein. Die meisten meiner Stunts habe ich ja auch selbst gedreht. Außerdem habe ich, in meinem Alter vielleicht erstaunlich, einen 14-jährigen Sohn, der sozusagen mein Fitnesstrainer ist. Da wo andere in meinem Alter vielleicht sagen, wir legen jetzt mal ein bisschen die Beine hoch und gucken Fernsehen, das ist bei mir nicht so. Also Tischtennis oder so etwas ist da immer angesagt: Insofern bin ich auch vor den Aufnahmen ganz gut in Form gewesen.

Als Paul Averhoff sagen Sie den Satz: „Das ganze Leben ist ein Marathon.“ Ist das ein passendes Zitat, ein Urteil, das Sie über den Film hinaus vertreten würden?

Dieter Hallervorden: Ich finde schon. Denn man weiß ja, – wenn man das Bewusstsein eines Fünfjährigen erreicht hat – dass das Leben endlich ist. Aber die Frage, die sich jeder stellen muss, ist doch: Was mache ich daraus? Wie lange halte ich das durch? Und in welchen Etappen schaffe ich welche Ziele? Und wenn man sich im Leben eben keine Ziele setzt, sondern einfach nur so vor sich hin dämmert und sozusagen seinem Beruf nachgeht, weil man irgendwie Geld verdienen muss, wenn man also keine Freude am Leben empfindet und neben der Arbeit sich nicht für Hobbies interessiert, ich meine jetzt nicht Briefmarkensammeln, sondern Dinge, die nicht nur die Seele erfreuen, sondern auch den Körper erhalten – dann ist es schwer. Und deswegen finde ich schon, auch wenn das sehr vereinfacht gesagt ist: Das ganze Leben ist ein Marathon. Ich finde, das Bild stimmt.

In der Szene, in der Sie diesen Satz sagen, folgt ja noch der Nachsatz: „Und am Ende steht der Sieg, ganz sicher der Sieg!" Sie sagen das im Film mit sehr viel Emotion.

Dieter Hallervorden: Ja, das ist in einer Talk-Szene mit Reinhold Beckmann. Das ist eine sehr schwere Szene gewesen. Diesen Satz kann man zwar einfach so aufsagen – aber das ist gar nichts: Man muss es natürlich auch empfinden! Man muss sich dabei denken, was hinter dem Text steht! Man muss dabei an eigene, auch schwere Episoden im Leben denken – bei mir etwa das Kriegsende, wie meine Eltern sich gerettet haben, wie lange ich gekämpft habe in dem Beruf, wie ich mir immer neue Ziele setzen musste. Daran muss man bei so einer Filmszene denken, in bestimmten Etappen und Bildern. Denn: Worte im Text sind ja eigentlich nur die kleinen Boote auf dem Fluss der Emotionen. Deshalb mussten wir diese Szene, diesen Satz, ja, ich glaube, zwanzigmal drehen.

In der Rolle des Paul Averhoff haben Sie viele Laufszenen: Haben Sie persönlich Freude am Laufen gefunden?

Dieter Hallervorden: Ja. Aber nicht gleich zu Anfang. Ich musste erst eine gewisse Zeit durchstehen. So nach einem Monat etwa stellte sich - in Anführungsstrichen, und nicht negativ gemeint - so eine Art Sucht ein, wo ich dachte, Mensch, das macht ja richtig Spaß! Und dann war ich konsequent: Egal, was für ein Wetter war, ob es regnete oder stürmte – ich bin jeden Tag gelaufen. Und zwar immer vor dem Frühstück, gleich morgens. Und das ist bei mir auch typisch: Ich kann sehr gerne nach einer Vorstellung sagen: Ich trinke gar kein Bier! Aber ich kann nicht sagen: Ich trinke ein Bier. Das heißt, ich muss mir wirklich ganz konkrete Ziele setzen. Ich bin, egal ob Sonnabend oder Sonntag war oder was auch, immer gelaufen, ich habe das durchgezogen. Und das ist auch wichtig. Sonst findet man immer eine Ausrede. Jeden Tag ist da irgendetwas, was dagegen sprechen könnte, wie: Es regnet, oder die Sonne steht schon zu hoch.

Sie waren im letzten Jahr beim Berlin-Marathon und haben den Startschuss gegeben, hatten Sie Kontakt zu den Läufern?

Dieter Hallervorden: Ja, nach dem Startschuss mit dem Bürgermeister hatten wir an dem Tag Drehbeginn gegen elf Uhr. Ich bin beim Marathon immerhin 15 km mitgelaufen, an unterschiedlichen Streckenabschnitten. Das war lustig: Ich bin 400-500 Meter vor dem Kamerastandpunkt ins Feld, dann mit den Läufern mit. Und das musste ich mehrfach wiederholen – entweder haben die mich mit der Kamera zu spät entdeckt oder es war ein zu großer Läufer vor mir, der mich verdeckte, oder es haben Zuschauer gewunken, die mich erkannt hatten. Das ist das, was eben auch nervt beim Filmen: Ich musste ja gleichzeitig auch aufpassen, dass die Leute neben mir oder vor mir mich nicht als Didi erkennen, und die Leute, die am Straßenrand stehen, nicht womöglich auch noch in die Kamera winken. So hatte ich viel Kontakt zu den Läufern. Und es war auch körperlich anstrengend, das kam noch erschwerend dazu. Wir haben viele, viele Teile mehrmals drehen müssen!

Hätte Sie selbst auch mal ein Marathon gereizt?

Dieter Hallervorden: Naja, ich glaube, wenn man wirklich einen ganzen Marathon laufen möchte, da muss man schon sehr intensiv trainieren. Und zwar mehr als ein Jahr. Und ich glaube, dass ich das mit meiner Zeit nicht vereinbaren könnte: Ich führe ja zwei Theater, das Schlosspark-Theater und die Wühlmäuse, mache nebenher Dreharbeiten, habe eigene Auftritte. Sie war mir nicht fremd, diese Marathonwelt. Ich habe diese Leute gut verstanden, die sehen wollen: Was kann mein Körper leisten? Die Freude war ja auch zu spüren bei den Läufern. Das war eine angenehme Erfahrung. Aber eine Erfahrung, mit der ich zwar weiter laufe – aber nicht, um mich auf einen Marathon vorzubereiten.

Welchen Stellenwert hat das Laufen für Sie? Wie definieren Sie das?

Dieter Hallervorden: Das ist eigentlich der innere Wunsch, dass ich den Körper möglichst lange noch auf dem Level halten möchte, den ich jetzt noch habe. Und dafür muss man natürlich was tun. Ich kann ja nicht nur im Bett liegen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

Laufen Sie um abzuschalten?

Dieter Hallervorden: Nein, zum Abschalten komme ich beim Laufen nicht. Das ist bei mir anders, wissen Sie: ich bin Hobbygärtner. Dabei kann ich abschalten, wenn ich mit meinen Händen in der Erde arbeite. Wenn ich pflanze, wenn ich Beete anlege. Das ist für mich Entspannung. Beim Laufen, da denke ich eigentlich ständig nach: Habe ich den Text richtig gelernt? Oder ich gehe den Text in Gedanken durch – natürlich nicht sprechend, aber in Gedanken.

Laufen Sie heute weiter?

Dieter Hallervorden: Ja, ich laufe weiter. Nicht mehr in der Konsequenz wie bei der Vorbereitung auf den Film. Aber ich laufe jetzt fünf Mal in der Woche 30 Minuten.

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