Jürgen Petersen

Ein Lauf mit dem Gedächtnisgroßmeister

Jürgen Petersen ist einer von weltweit 38 Gedächtnisgroßmeistern und nutzt die Laufzeit zum Auswendiglernen.

Trainingstagebuch
Strecke: Hamburg-Blankenese
Wetter: 4 Grad, bedeckt
Distanz: 10 Kilometer
Zeit: 53 Minuten
Tempo: 5:20 min/km

Wie heißt die Hauptstadt von Tuvalu?

Funafuti.

Respekt! Sie haben die rund 200 Hauptstädte der Welt vor knapp 20 Jahren auswendig gelernt. Wie behalten Sie das alles?

Die Wiederholungsdurchgänge, die man braucht, um diese Daten im Langzeitgedächtnis zu speichern, mache ich beim Laufen. Das nenne ich „Brainrunning“.

Wie funktioniert das?

Beim Wiederholen während des Laufens gehe ich nach einem Routensystem vor. Zum Beispiel meine Wohnung: Da steht jeder Gegenstand für eine Zahl – die Yuccapalme für die 1, die Couch für die 2 usw. Mit diesen Bildern verknüpfe ich die Informationen, die ich mir merken will. Beispiel: Die Hauptstadt des alphabetisch ersten Staats der Erde, Afghanistan, wird mit der Palme verbunden. In der Palme schwingt also ein Affe an einem KABEL – für Kabul. Und wenn meine Wohnung nicht ausreicht, nehme ich den Hamburg-Marathon. Der besteht bei mir aus 52 Routenpunkten.

Diese Technik könnten Sie ja auch auf dem Sofa anwenden. Was bringt Ihnen das Laufen dabei?

Früher bin ich nur sportlich gelaufen. Dann habe ich mal einen Vortrag von Ulrich Strunz gehört, der sagte: Lauft langsamer, dann startet der Zwölfzylinder in eurem Kopf! Das habe ich ausprobiert – und festgestellt, dass ich beim Laufen auf einmal Zeit hatte zu denken. Das hatte ich früher nie. Jetzt nutze ich die Laufzeit immer, um irgendetwas auswendig zu lernen oder es zu verfestigen. Und das ist auch die Botschaft des Brainrunning: Laufen ist nicht nur körperliche, sondern auch mentale Fitness.

Was haben Sie denn zuletzt auswendig gelernt?

Die zwölf Kunstepochen von der Romanik bis Moderne. Dazu habe ich als Gast im Kunstunterricht einer Schule ad hoc ein System entwickelt: Auf Platz 1 stelle ich mir einen Roman (Romanik) vor, auf Platz 2 Gott (Gotik), auf 3 ein Reh (Renaissance) … Aber das ist ja auch nicht so schwer. Meine bei Auftritten spektakulärste Nummer ist die Zahl Pi. Die habe ich auf 1000 Stellen hinter dem Komma im Kopf.

Und wie lange brauchen Sie beim Laufen, um die zu repetieren?

Zwölf Minuten – aber nur bei einem Puls von 145. Wenn ich schneller laufe, Puls um die 155, dann brauchen ich dafür 15 Minuten. Und bei einem Puls von 165 schaffe ich das gar nicht mehr. Das hat etwas mit den kreativitätsfördernden Botenstoffen im Gehirn zu tun, die bei 75 bis 80 Prozent der maximalen Herzfrequenz am meisten ausgeschüttet werden.

Wie bekommen Sie so etwas Abstraktes wie die Zahl Pi anschaulich?

Ich habe für jede Zahl zwischen 00 und 99 ein Bild im Kopf. Dadurch reduzieren sich die 1000 Stellen auf zwei Bilder pro 250 Routenpunkte. Eigentlich kann das jeder schnell für die Zahlen von 00 bis 20 umsetzen: die 07 sind Zwerge, die 11 Fußball usw. Es geht immer darum, die Daten in Form von Bildern in der anderen, der rechten Gehirnhälfte abzuspeichern. Die ist zwar langsamer als die linke, hat aber mehr Fassungsvermögen. Das ist wie beim Computer mit der Festplatte und dem Arbeitsspeicher.

Wie wird man vom selbstständigen Landwirt zum Gedächtnisgroßmeister?

Ich habe Mitte der neunziger Jahre als Bauer ein Seminar besucht: Büroorganisation, Zeitmanagement, Einkaufen, Verkaufen … Ein halber Tag widmete sich dem Gedächtnistraining. Das hat mich begeistert – wie man innerhalb kürzester Zeit, ohne viel Training die Merkleistung vervielfachen kann. Das habe ich zuerst für mich vertieft und später in Seminaren und Vorträgen an andere weitergegeben. Inzwischen kann ich davon leben und habe mich von meinem Hof getrennt. 2003 war ich erstmals bei den Deutschen Gedächtnismeisterschaften, 2008 wurde ich dann bei der Weltmeisterschaft in Bahrain Gedächtnisgroßmeister – der 38. weltweit.

Was muss man dazu können?

Das ist ein Zehnkampf – und bei drei der Disziplinen muss man eine bestimmte Mindestleistung vollbringen, um den Titel führen zu dürfen. Zum Beispiel gehören dazu: sich 1000 Ziffern innerhalb einer Stunde zu merken, 100 Handynummern, die Reihenfolge von 520 Spielkarten, zehn Kartendecks auswendig lernen …

Im vergangenen Jahr sind Sie mit 45 Jahren beim Hamburg-Marathon eine neue persönliche Bestzeit gelaufen – 3:08 Stunden. Da war der Puls sicher höher als 145 …

Ja, der Durchschnittspuls war 172. Da stimmte alles. Es hat sich bezahlt gemacht, dass ich mich dafür erstmals im Training wirklich gequält habe. Erstens bin ich öfters mal drei Kilometer in 11:40 Minuten gelaufen und zweitens habe ich bei meinen langen Läufen auf den letzten sieben Kilometern auf Marathon-Renntempo beschleunigt. Der Übergang ist hart. Ich habe festgestellt, dass es mir leichter fällt, wenn ich vor dem Tempowechsel kurz stehenbleibe.

Und vor jedem Lauf machen Sie Liegestützen?
Ja, 50 bis 55 Stück. So vertreibe ich mir die Zeit, in der meine GPS-Uhr die Satelliten sucht. Und nach dem Lauf mache ich zwölf Klimmzüge.

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