Interview

Ein Lauf mit Christian Jürgens

Christian Jürgens ist Sterne-Koch im Restaurant Seehotel Überfahrt in Rottach-Egern. 2013 wurde er zu Deutschlands Koch des Jahres gekürt. Er läuft täglich am Tegernsee.

Trainingstagebuch
Strecke: Rottach-Egern, Uferweg am Tegernsee
Wetter: sonnig, 18 Grad
Distanz: 9 km
Zeit: 60 Minuten
Tempo: 6:40 min./km

Wenn man Sie so ansieht, bestätigen Sie eindrucksvoll das neue Bild des fitten Kochs!

Ja, ich gebe mir Mühe. Ich mag aber nicht den Satz: „Für einen Koch sind Sie ganz schön fit!“ Grundsätzlich ist Fitness ein Gut für jedermann und sollte nicht an bestimmten Berufsständen festgemacht werden. Mit Spitzensportlern können wir uns ja eh nicht messen, aber man ist doch schon ein guter Sportler, wenn man sich auf seinem Niveau souverän bewegt und weiter entwickelt.

Köche stehen doch den ganzen Tag, woher nehmen Sie eigentlich die zusätzliche Energie zum Laufen?

Die Energie muss ich nirgendwo hernehmen. Die habe ich in mir. Vor vier Jahren habe ich mein Leben geändert und bin sehr viel gesundheitsbewusster geworden. Ich habe eine Frau kennen gelernt und mit ihr habe ich die negativen Begleiterscheinungen meines Berufes hinter mir gelassen wie zum Beispiel das Glas Wein nach Feierabend, oder auch mal zwei oder drei. Gelaufen bin ich damals nur einmal pro Woche und dann viel zu schnell und Dehnen oder ähnliches gab es gar nicht. Ich habe vor, noch lange meinen Beruf auszuüben und dazu muss ich auch noch lange fit bleiben. Also trainiere ich mittlerweile mit einem Personal Trainer im Studio, um meine stehende Tätigkeit durch Krafttraining zu unterstützen. Zum Laufen muss der Coach mich nicht abholen. Das schaffe ich alleine. Und zwar jeden Morgen mit meiner wunderbaren Frau!

Wie schnell und wie weit laufen Sie beide dann in der Regel?

Unser Tempo in der Früh ist nicht zügig, aber es ist auch nicht langsam. Wir laufen jeden Tag hier am wunderschönen Tegernsee ungefähr eine halbe Stunde lang. Kennen Sie das nicht? Wenn man morgens aufsteht, und irgendwie nicht gut drauf ist, geht man zum Laufen und nach einer halben Stunde sind alle Probleme plötzlich lösbar.

War Sport immer Bestandteil Ihres Lebens?

Sportlich war ich eigentlich schon immer, aber über die Arbeit vergisst man dann die anderen Dinge und Hobbys. Dieses unregelmäßige Laufen, was meist nur einmal pro Woche stattfand, tat mir auf Dauer einfach nicht gut. Jetzt habe ich es so hinbekommen, dass das Laufen und das Krafttraining die perfekte Unterstützung für meine eigentliche Spitzendisziplin sind…

…nämlich das Kochen! Im letzten Jahr lief es richtig gut für Sie. Sie wurden zum Koch des Jahres 2013 ernannt.

Wenn ich ehrlich bin, lief es die letzten fünf Jahre immer toll. Angefangen hat das alles sicherlich schon 1997, als ich die Chance bekam, auf der Maximilianstrasse Küchenchef zu werden. So richtig durchgestartet bin ich dann hier im Seehotel Überfahrt und komplett Fahrt aufgenommen habe ich dann in den letzten zwei bis drei Jahren, weil ich mich frei machen konnte von dem, was mich abgelenkt hat. Ich habe mich fokussiert und offene Baustellen habe ich einfach erledigt und hinter mir gelassen. Wer loslassen kann, wird freier! Ich arbeite gerne hart für meinen Erfolg, aber auch das geht nur in einem gesunden Körper.

Ist das vielleicht der Grund, warum Sie nicht der einzige Spitzenkoch sind, der läuft?

Das kann gut sein. Es gibt aber auch da eine Unterteilung. Ich würde mich nie in die Reiher derer einordnen, die neben ihrem Beruf als Koch auch noch Marathon laufen. Die gibt es ja auch! Das wäre nichts für mich. Das wäre eine Spezialisierung auf dem falschen Feld. Laufen ist nur ein Baustein für mich. Ich bin viel zu ehrgeizig und würde hinter meinen eigenen Erwartungen ständig hinterher rennen, wenn ich an Laufwettkämpfen teilnehmen würde. Ich sehe mich eher als Zehnkämpfer, der in vielen Disziplinen einen hohen Durchschnitt halten will. Aber meine Hauptdisziplin ist nun mal das Kochen.

Sehen Sie denn das Kochen sportlich?

Kochen kann ich im Gegensatz zum Laufen nicht alleine. Kochen ist ein Mannschaftssport. Da brauche ich meine Mitarbeiter, die Küche und den Service. Die sind sehr, sehr wichtig. Im Kochen möchte ich in Bereiche vorstoßen, die vor mir noch nicht so viele erreicht haben. Ich gehöre mittlerweile zur Spitzenklasse in Deutschland und durch den dritten Stern sogar weltweit. Diesem Erfolg gilt meine volle Konzentration. Den Körper fit zu halten, ist einfach nur die notwendige Grundlage für mich als Chefkoch.

Würden Sie das Kochen aufgeben und dem Laufen oberste Priorität geben, Sie wären auch hier Spitzenklasse. Das ist mein derzeitiger Eindruck, lieber Herr Jürgens!

Dankeschön. Ja, meinen Schweinehund, den habe ich ganz gut im Griff. Und er war für mich immer ein großer Motivationsfaktor. Wenn der Hund auf der Schulter auftaucht, dann will ich ihm zeigen, wer hier der Boss ist. Es war mir schon immer sehr, sehr wichtig, dass ich mich im Griff habe, egal in welcher Lebenslage. Man muss sich selbst aber auch mal vergeben können. Auch das habe ich von meiner großen Liebe gelernt: Es muss nicht immer alles auf einmal sein. Mehr Ruhe und das Leben im Hier und Jetzt sind manchmal sehr viel mehr wert, als das akribische Durchplanen eines kompletten Tagesablaufs vom Zähneputzen bis zum Schlafengehen. Das ist Energieverschwendung!

Das ist ein sehr schöner Gedanke und nicht nur der Schlüssel zum Erfolg, sondern auch zum Glücklichsein.

Ein Lauf mit ...:

Ein Lauf mit Matthias Killing