Horst Milde im Interview

Die Situation der deutschen Marathonläufer

Was muss passieren, damit deutsche Läufer eine Chance haben, über die Marathondistanz wieder die europäische Spitze zu erreichen? Horst Milde, Gründer des Berlin-Marathons, analysiert die aktuelle Situation.

Mary Keitany war 2009 Läuferin des Jahres

Horst Milde ehrte als Präsidiumsmitglied des Verbandes der internationalen Straßenlaufveranstalter (AIMS) vor einigen Jahren Mary Keitany als Läuferin des Jahres. Die Kenianerin brach in Berlin den 25-km-Weltrekord.

Bild: photorun.net

Es ist bald 25 Jahre her, dass ein deutscher Marathonläufer zuletzt eine Zeit unter 2:10 Stunden erreichte. Beim Berlin-Marathon 1990 war Jörg Peter Dritter in 2:09:23 und Stephan Freigang folgte auf Platz vier mit 2:09:45. Was muss passieren, damit deutsche Läufer eine Chance haben, zumindest wieder die europäische Spitze zu erreichen? Im folgenden Interview nimmt Horst Milde dazu Stellung. Er startete einst den Berlin-Marathon und initialisierte eine Reihe von weiteren großen Rennen. Horst Milde ist Vorsitzender der German Road Races (GRR).

Gibt es genügend Talente?

Horst Milde: Deutschland hat knapp über 80 Millionen Einwohner, da scheint es mir abwegig zu sein zu behaupten, hier gäbe es zu wenig Talente. Vielmehr suchen wir nicht genug beziehungsweise finden wir sie nicht. Aber vielleicht ist der „Talentemarkt“ schon durch den DFB „abgefischt“. Wenn durch das Fernsehen 24 Stunden am Tag Fußball gesendet wird, die Eltern und die Kinder das ständig sehen – und auch wissen, dass schon die jüngsten Fußballer mit Geld geködert werden – und der DFB und die Profivereine eine hervorragende Nachwuchsarbeit durch viele Aktivitäten initiieren, dann bleibt für die Leichtathletik nicht mehr allzu viel übrig. Auch in den Schulen ist die Leichtathletik nur noch eine Randsportart – wie auch in den Medien. So gibt es wohl in Zukunft einen Überlebenskampf für die olympische Sportart Nummer 1.

Sind junge Athleten nicht konzentriert genug aufgrund vielfältiger Ablenkungen?

Horst Milde: Selbst in Sotschi haben die Fun-Sportarten mächtig zugelegt – und „Fun“ ist wohl zukünftig am beliebtesten, denn die Knochenarbeit des Leichtathletiktrainings stößt bei Jugendlichen auf nicht viel Gegenliebe. Und wenn dann noch die großen Vorbilder fehlen aus dem Fernsehen und den anderen Medien fehlen, dann wird’s immer schwerer.

Fehlt es an Motivation und Förderung?

Horst Milde: Der Nachwuchs kann heute nicht nur den Sport im Fokus haben. Die jungen Athleten müssen sich natürlich auch für die Ausbildung interessieren, wenn sie später einen lukrativen Beruf haben möchten. Die Risikoabwägung zwischen einem Engagement im Sport und der Sicherung der späteren Existenz kommt ziemlich früh – und schreckt wohl ab, wenn man weiß, dass man später auf der Straße stehen könnte. Die Gestaltung des Umfeldes für eine sportliche Entwicklung von der Schule bis zum späteren Beruf ist nicht gegeben, insofern sind es immer nur Glücksfälle, wenn es Jugendliche heute an die Spitze schaffen. Zum Marathon und zum Straßenlauf kommen Talente zu spät. Hier fehlt der Unterbau. Es gibt seitens des Deutschen Leichtathletik-Verbandes keine Meisterschaften über 15 km oder im Halbmarathon für den Nachwuchs.

GRR hat seit dem Vorjahr den GRR-Nachwuchs-Cup der unter 18- und 20-Jährigen sowie ab 2014 zusätzlich der unter 22-Jährigen eingeführt, um Jugendliche zu motivieren. Dieser Cup wird zaghaft angenommen, aber er kann auch nur ein kleiner Baustein sein – mit langfristiger Perspektive. Ebenso werden Jugendliche von den Veranstaltern durch die Mini-Marathon-Angebote motiviert. Auch im Kinderbereich versuchen die großen Veranstalter mit entsprechenden Angeboten den Nachwuchs zu „ködern“. Aber es mangelt an Systematik – und vielleicht am Können –, die Talente zu erkennen und weiterzuführen. Der London-Marathon sieht den dortigen Mini-Marathon als das „Kapital“ für die Zukunft des Laufsports in England und forciert das entsprechend. Doppel-Olympiasieger Mo Farah zum Beispiel hat einst den Mini-Marathon in London gewonnen. In den USA kämpfen sie einerseits gegen die Fettleibigkeit der Jugend. Der US-Verband fördert dabei den Jugendlaufsport mit landesweiten Crossläufen und anderen Initiativen, um den Nachwuchs nicht zu verlieren.

Werden Topathleten im Marathonbereich entsprechend gefördert? Was könnte hier verbessert werden?

Horst Milde: Es gibt in diesem Bereich eigentlich genügend Unterstützung von allen möglichen Institutionen, aber es kann trotzdem nie genug sein. Bevor man an die Spitze kommt, ist Geduld gefragt – und die hat heute keiner mehr. Dabei müssen die Athleten immer unter Druck stehen, mit einer „Beamtenmentalität“ sind keine Leistungen abrufbar. Die USA macht es bei den Läufern vor, durch Ausschüttung von Prämien bei ihren vielen Meisterschaftsrennen. Da ist der Anreiz im Leistungsbereich hoch – und es wird auch knallhart durchgezogen. Die Spitzenläufer müssen sich jeweils durchsetzen und beweisen. In den letzten zehn Jahren laufen die US-Amerikaner nicht mehr hinterher. Sie haben mit Frauen und Männern Erfolg. Der Grund dafür liegt in der langfristigen, systematischen finanziellen Förderung. Hier kann es eine Verbesserung nur geben, wenn sich Verantwortliche aus den verschiedensten Bereichen zusammensetzen und ein Gesamtkonzept stricken – von den Sportschulen beginnend bis zur Hinführung zum Leistungssport und zur späteren beruflichen Absicherung. Die Schulen müssen wieder schwerpunktmäßig Leichtathletik anbieten und leistungsorientiert ausbilden.

Hat der deutsche Langstreckenlauf ein Trainerproblem? Gibt es genügend erfahrene Trainer?

Horst Milde: Die Trainerschaft scheint teilweise überaltert zu sein, doch gerade da steckt das Potenzial der jahrelangen Erfahrung. Aber wie Jürgen Klinsmann vor einigen Jahren die Trainingskonzepte im Fußball „aufmischte“, wünscht man sich das auch hier bei der Leichtathletik. Alte Strukturen der letzten 30 Jahre müssten geändert werden. Wir haben junge Nachwuchstrainer, aber für sie fehlt der finanzielle Anreiz. Vereine als auch Verbände können sich Vollzeit-Trainer nicht leisten, deswegen gibt es meistens Honorarjobs oder mischfinanzierte Angebote. Trainerstellen müssen für ausgebildete Diplom-Sportlehrer in den Vereinen aber sichere Arbeitsstellen werden, ansonsten wird es in der Leichtathletik nicht weiter voran gehen.

Wäre es sinnvoll, wenn sich deutsche Athleten starken internationalen Trainingsgruppen anschließen würden?

Horst Milde: Sich an internationalen Trainingsgruppen zu beteiligen, scheint mir geradezu geboten. Schon Dieter Baumann war damals in Kenia nicht alleine auf weiter Flur, Victor Röthlin holt sich seine „Körner“ in Zusammenarbeit mit internationalen Trainingsgruppen. Der London-Marathon hat kürzlich in Kenia einen Sportplatz bauen lassen, damit einheimische und britische Athleten dort trainieren und sich weiter entwickeln können. Über den eigenen Tellerrand zu schauen, scheint mir das Allerwichtigste zu sein, ansonsten wird man von der internationalen Entwicklung abgehängt. Allerdings gilt es festzustellen, dass es den meisten europäischen Verbänden im Laufbereich in der Spitze auch nicht besser geht.

Wann läuft wieder ein deutscher Marathonläufer eine Zeit unter 2:10?

Horst Milde: Wenn es nicht kenianische oder äthiopische „Importe“ gibt, dauert es mindestens fünf Jahre bis die 2:10-Schwelle unterschritten wird – es sei denn, deutsche Läufer machen plötzlich Minuten-Sprünge bei neuen Bestzeiten. Bei den Frauen sind die Hahner-Zwillinge ein Glücksfund für den deutschen Straßenlauf. Auf der Bahn sind sie nicht schnell, aber ihre Zukunft liegt im Marathon.

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