Besinnliches zu Weihnachten

Die Läufer-Predigt von Klaus Feierabend

Zu Weihnachten veröffentlichen wir traditionell die Läufer-Predigt, die Pfarrer i. R. Klaus Feierabend seit über 25 Jahren vor dem Berlin-Marathon hält.

Die Top-Fotos vom Berlin-Marathon 2013

Klaus Feierabend, Berliner Pfarrer im Ruhestand, hält seit über 25 Jahren die Predigt, wenn am Abend vor dem Berlin-Marathon in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche der Ökumenische Gottesdienst für die Marathonläufer stattfindet. Nachfolgend veröffentlichen wir seinen Predigttext aus diesem Jahr.

Am Vorabend des Berlin-Marathon predigt Klaus Feierabend im Ökumenischen Gottesdienst für die Marathonläufer.

Bild: photorun.net

Meine lieben Marathon laufenden Nächsten, und Ihr anderen Freunde, die Ihr diesen kleinen, frommen Läuferjubel mitfeiern wollt!

Also dann: Die Bibel berichtet von einer Gottesbegegnung, die es in sich hat. Von einem „Vorübergehen Gottes" ist die Rede. Also: Gott geht vorbei! Kann da von einer Begegnung gesprochen werden? Wenn Gott vorbei geht, ist das doch ein ziemlich flüchtiges Ereignis: Vorbei, zu spät, nie wieder!? Ein „flüchtiger Gott" gar! Gott bewahre! Aber, hören wir mal rein: Es ist zunächst ein Riesenschauspiel, ein gewaltiges Spektakel, ein aufregendes Großereignis, aber irgendwie anders: Als eine Art von VORTÄUSCHUNG wird es beschrieben. Es heißt: „Ein mächtiger Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem Herrn her; ER aber war n i c h t in dem Sturm. Nach diesem kam ein Erdbeben mit seiner zerstörerischen Gewalt; aber Gott war auch nicht in diesem Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer mit seiner verzehrenden Kraft. ER war nicht in diesem Feuer.

Und dann dies: Nach dem Feuer kam EIN STILLES, SANFTES SAUSEN. Als Elia das wahrnahm, verhüllte er sein Antlitz mit dem Mantel und machte sich bereit." ER MACHTE SICH BEREIT Und dann: DIE STIMME GOTTES. Sie sprach zu ihm. Das muss eine Frage gewesen sein, denn Elia, der berühmte Prophet, antwortete mit dem Eingeständnis seiner Angst vor dem, was sein Unglück wäre. Gott jedoch: „Gehe wieder deines Weges und handle furchtlos!" Nicht wahr, frei zu sein von Angst ist besser noch als eine Taschenlampe in der Hand im Dunkeln und sicherer als ein begehbarer Weg! Wisst ihr, meine Freunde, wann bei Elia ein neuer Mut sich einstellte? Ich denke, das war schon, als er sein Haupt verhüllte und sich bereit machte. Er musste nämlich bereit sein. Ohne diese Haltung – sozusagen „v o r dem Start" – wäre nichts gegangen.

Wenn wir den Startschuss zum Marathon verbummeln, laufen wir nicht, und ohne zu laufen, erreichen wir niemals das Ziel. So einfach ist das, aber so leicht zu verfehlen. Ich erinnere mich heiter an meinen einzigen New-York-Marathon, das war 1998. Im Gespräch versunken vor dem Start, wir beide, der eben kennengelernte Mitläufer aus Berlin-Ost und ich. Irgendwann sagte er: „Die sind schon längst über alle Berge!" „Wie bitte?" „Ja, die sind vor ungefähr fünf Minuten gestartet." „Wer?" „Na, alle, außer uns." „Das gibt’s doch nicht! Jetzt holen wir die Afrikaner niemals mehr ein!“ „Hä hä, aber dafür haben wir den Chip am Schuh und dieselbe Startzeit. Na, die werden sich wundern!"

So begaben wir beide uns in aller Ruhe dorthin, wo eine Viertelstunde zuvor der Startschuss ertönt war. Und siehe da, dort wimmelte es noch von startenden Läufermengen. Was aber beim Marathon möglich ist – und erst recht mit dem Chip am Schuh – das lassen die herrschenden Umstände dieser Welt sonst nicht zu. Wer den Start verpasst, hat schon verloren. Wer sich nicht bereit macht, verpasst die Gelegenheit zum Leben. Ohne sich zu bereiten, hätte Elia die Stimme Gottes nicht wahrgenommen. „Er verhüllte sein Antlitz mit dem Mantel," heißt es in großer Schönheit der Sprache. ER VERHÜLLTE SEIN ANTLITZ MIT DEM MANTEL. Den Mantel als Symbol des Selbstschutzes. Er verwendete dieses Symbol in scheinbarer Verschwendung, nur um sein Gesicht zu bedecken. Das ist eines der überraschenden Bildworte der Bibel.

Das Bildwort macht deutlich: Es gab hier etwas zu erkennen, was für die Augen und für die Ohren unerkennbar bleiben musste: Die Flüsterstimme Gottes. Um sie wahrnehmen zu können, musst du zur Ruhe gekommen sein, bereit für die Einflüsterung der Worte des Lebens. Und zugleich musst du wie auf dem Sprung sein. Sportler kennen eigentlich diese Doppelung: zur Ruhe gekommen und auf dem Sprung zugleich! Es gab mal eine Anfrage an uns Berliner Marathon-Läufer, von Horst Milde, dem ersten Renndirektor – die Anfrage nach dem „Schönsten Erlebnis" beim Marathon. Meine damalige Antwort: „Die unbeschreibbare Stimmung in der Stunde vor dem Start. Ich fresse und saufe diesen Zeit-Cocktail, ich spüre mit den Vielen die Droge „Laufen Können". Mir erscheint das wie eine Beschreibung für das Bereitsein – bereit für das Außergewöhnliche, das Unsichtbare, Unerhörte, das Unhörbare, für die süße Mühe der angespannten Hoffnung, für das „Leben in Erwartung", IN RUHE, ABER AUF DEM SPRUNG.

Ich erzähle Euch jetzt von einem Tennisfreund, einem pfiffigen Witzbold und intelligenten Schlaumeier, aber auch ein im Verborgenen Suchender, ein Mensch also in seinen Widersprüchen – er sagte einmal zu mir: „Übrigens, Bruder Klaus, ich bete regelmäßig." Ich staunte: „Was beteste denn?" „Na so ungefähr: „Lieber Gott, komm doch mal rüber, wenn de was willst! Amen!" „Du machst Witze. Kommt er denn?" „Nich die Bohne, er bleibt hübsch drüben.“ „Na, das nenne ich mal eine erfreuliche Missachtung des Gebetswunsches durch den Allerhöchsten. Er bleibt drüben, sieh mal an. Er lässt dich warten, stimmt’s?" „Ja, bis zum Jehtnichmehr.“ „Siehste! Weil er eben l e i s e kommt, ohne Schallverstärker! Stell dich auf die leisen Töne ein und richte dein Gehör nach innen aus, dann stimmt’s.“ „Na ja,“ sagt er darauf, „Ist ja meine Rede, man muss einfach nur an ein Leben nach dem Tode glauben.“ „Weißt du was? Das ist Unsinn. Wenn es darum geht, Gott zu finden, solltest du dich mehr um ein Leben v o r dem Tode bemühen. Dazu brauchst du eine neue Lebenseinstellung, es hat Folgen für dich. Für ein Leben n a c h dem Tode die Hand zu heben, bringt dagegen keinerlei Veränderung mit sich, es kostet nichts. Es ist sterbenslangweilig. Kann jeder. Es muss aber sein mit dir „wie auf dem Sprung". Verstehst du, DU musst sein, „wie auf dem Sprung!“ „Na, wenn de meinst, dann v e r s u c h ich’s mal mit der leisen Tour, ein himmlisches Geflüster war auch mal was N e u e s." „Gut, ich wünsch dir was."

Liebe Freunde hier an diesem vertrauten Ort! In der Vorbereitung für heute Abend konnte ich die bewährte, vertraute Idee, die Gewohnheit von früher nicht mehr beiseite lassen, und so sag ich: Jetzt muss es mal wieder sein: Eine zärtliche Erinnerung an meine Lieblingsläuferin, die unerreichbar einmalige „Frau F“, ist fällig. Nicht nur, dass ich wöchentlich mit ihr 5 km durch den Spandauer Stadtforst lief, sondern 45 Jahre hindurch ich an ihrer Seite durch's Leben. Und in meinen Läuferpredigten nahm sie über Jahre eine besondere Rolle ein: Unter Euch sind nicht wenige, die das noch gehört haben. Im vergangenen Jahr erinnerte mich einer von Euch beim Hinausgehen nach dem Abendgebet daran und vermisste ihre Erwähnung. Ob der Prediger seine „Frau F." vergessen habe?! Ich war sprachlos, so sehr rührte es mich. Ich hätte antworten sollen: „Nein, nein, nicht vergessen, sie ist mir ganz nahe, ich bin ganz nah bei ihr."

Meine Frau F. also, die in ihren letzten Jahren nur noch im Rollstuhl ihre geliebte „Blaue Kirche" besuchen konnte, sie hatte ihre angeborene und bis zum Ende beibehaltene Fröhlichkeit nicht verloren. Und auch nicht ihren Mutterwitz, mit dem sie geistesgegenwärtige Treffer landen konnte, eingewickelt in höchst unterhaltsame Anzüglichkeiten. Am besten gelang ihr das bei mir, und es ging dann schwer auf meine Kosten. Ungerührt pflegte sie dann zu bemerken: „Ich hab das nur von DIR, Du machst das schon immer mit mir. Nun sieh zu, wehr dich, wenn du kannst." Haha, sehr witzig.

Und so war ich bereit für die trefflich liebevollen Gemeinheiten meiner Frau F. Etwa diese: Auf meine geäußerte Sorge um eine befriedigende Endzeit beim nächsten Berlin-Marathon: „Natürlich, mein Holi, bist du nicht mehr so schnell wie früher, doch unter den LETZTEN bist du einer der FÜHRENDEN, das weiß doch inzwischen jeder!" Ja, selbst Trostlosigkeiten klangen in ihrem Mund wie Verheißungen. Es wäre mein Wunsch für Euch, die Ihr morgen früh euren mit großer Anspannung erwarteten Berlin-Marathon laufen werdet, dass Ihr euch eine heitere Leichtigkeit zu eigen machen möget! Nicht, dass Ihr losgaloppieren sollt wie junge Pferde! Kontrolliert und in Gelassenheit getaucht vielmehr! „Als wennste schwebst", wie der Berliner sagt. WENN EUCH DAS GELÄNGE! Aber fast nehme ich das wieder zurück. Denn es beschreibt nur den Idealzustand , und der besteht zu selten t a t s ä c h l i c h. Und der ihm gleichende Ideal-W u n s c h , den man ausspricht für den anderen, ist selten durchdacht, sondern meist nur „dahergesagt.“ Nicht wahr, ähnlich wie jene lächerliche Geburtstagsgratulation für einen Neunzigjährigen – kann man oft hören, so einen Quatsch!: „Auf die nächsten 90 Jahre!“ Ja, so heißt es ziemlich dümmlich, der Gratulant aber kommt sich sehr witzig vor.

Dabei ist das fast schon eine Kränkung, weil hier die wahrhaftig gelebten 90 Jahre nicht ernst genommen sind. Also besser ist es, Euch eine Kraft zu wünschen, die gerade in der Schwäche wirksam wird und sich entfalten kann. Dann, wenn während des Laufes Eure Gewissheit kleinlaut geworden ist und Euch nicht mal mehr im Scherz das „Große-Töne-Spucken“ in den Sinn kommt, kaum dass Ihr die Hälfte der Strecke hinter Euch gelassen habt, dann werdet Ihr leiser und leiser, umso lauter und rücksichtsloser die Schwäche sich bemerkbar macht. Dann aber denkt daran: Gott ist ein Liebhaber der „Leisen Töne“. Seid bereit für sie, und „verpennt“ sie nicht! Erwartet sie, seid „auf dem Sprung“!

Ich habe beides erlebt. Beides bleibt mir unvergesslich: Die brüllende Schwäche, die das Weiterlaufen bis zum Ziel als Illusion vernichten wollte, und der leise aber beharrlich aufkommende Keim einer neuen Haltung. Zuerst schien diese nicht mir selber zugehörig, eher wie eine Einrede zur Selbsttäuschung, eine Fata Morgana. Dann aber, ich könnte sagen: Schritt für Schritt, kam „Fleisch an die Knochen“, so sagt man, um das Unerklärbare zu beschreiben. Ich jedenfalls fasste neues Zutrauen zu meiner Fähigkeit, das blanke Übel zu ertragen, ohne aufzugeben. Und ... kann man das glauben: Ich spürte das neue Zutrauen wie einen Schub, den ich bitter nötig hatte, ihn aber eigenmächtig nicht herstellen konnte.

Es war wie bei meinem E-Rad, das ich seit einigen Jahren habe, für meine und meines Freundes gemeinsame Radwanderungen über drei Wochen: das Rad mit dem so genannten Elektro-Schub. Immer wieder sagen mir Sportsfreunde, gerade die: „Aha, mit Elektroantrieb, fährt von alleine, toll!“ „Aber mitnichten," antworte ich dann unermüdlich wieder und wieder: „Du musst treten, treten, von allein fährt es keinen Meter. Je mehr du ackerst, umso stärker ist der Schub. Und umgekehrt, bitte schön!“ „Ja, aber, Herr Pfarrer, dann ist es doch kein Wunder mehr, dann hast du das doch selber geschafft, mit ganz eigenen Kräften!“ „Nein, das ist nur zur Hälfte richtig, sogar nur zur kleineren Hälfte“ – ein Begriff, den uns Heinz Rühmann in dem berühmten Film „DIE FEUERZANGENBOWLE“ ans Herz gelegt hat: Die Rede von der „KLEINEREN UND DER GRÖSSEREN HÄLFTE“.

Der Hauptanteil, also die Größere Hälfte liegt nicht bei meiner Energieleistung, sondern im Erleben einer „wie von außen, wie von oben mir zufallenden Erneuerung. Sie gibt mir nicht die Kräfte zurück, die ich beim Start in mir hatte. Aber sie reicht mir das Kräftemaß zu, das ich benötige, um doch noch ans Ziel zu kommen. Für mich ein Wunder. Ich wünsche es allen. Kommt ans Ziel! Und im nächsten Jahr kommt wieder hierher, in die für mich fast überirdische BLAUE KIRCHE! Gott begleite Euch! Seid behütet! Freut Euch! Amen.

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