Besinnliches zu Weihnachten

Die Läufer-Predigt aus Berlin

Zu Weihnachten veröffentlichen wir traditionell die Läufer-Predigt, die Pfarrer i. R. Klaus Feierabend seit über einem Vierteljahrhundert vor dem Berlin-Marathon hält.

Pfarrer Feierabend hält die Läufer-Predigt am Abend vor dem Berlin-Marathon.

Pfarrer Feierabend hält die Läufer-Predigt am Abend vor dem Berlin-Marathon.

Bild: J. Scheider

Klaus Feierabend, Berliner Pfarrer im Ruhestand, hält seit den 80er Jahren die Predigt, wenn am Abend vor dem Berlin-Marathon in der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche der Ökumenische Gottesdienst stattfindet. Nachfolgend veröffentlichen wir seinen Predigttext dieses Jahres.

Meine guten Freunde, die ihr mir freundlich gesonnen seid und die ich voller Freude begrüße!

Mit meiner heutigen Läuferpredigt zum Berlin-Marathon 2014 will ich Euch endlich meinen besten Freund vorstellen und ihm ein lebendes Denkmal setzen. Ihr werdet merken, es ist das Denkmal eines Läufers. Deshalb will ich ihn in den Kreis des laufenden Fußvolkes Gottes einbeziehen, zu dem auch wir gehören.

Also ihr, das Fußvolk Gottes, hört mal her! Die Rede ist von Nathan Söderblom, ein schwedischer Erzbischof von Uppsala und Theologieprofessor in Leipzig, berühmtester Prediger in den lutherischen Kirchen von Nordeuropa, Begründer und unermüdlicher Begleiter der ökumenischen Bewegung weltweit und Friedens-Nobelpreisträger im Jahr 1930. Man merkt schon: Solche Aufzählung scheint langweilig. Die Person des Nathan Söderblom aber hat „Pep" in sich. Er war, wie gesagt, mein bester Freund, und auch mein allererster, weil ich, als er starb, noch gute drei Jahre auf meine Geburt zu warten hatte. „Allewetter“, wie ist das möglich, einen solchen besten Freund zu haben? Im katholischen Köln damals war das möglich: Damals gab es dort die Redewendung von „Abrahams Wurstkessel" oder genauer: Abrahams „Woarschkessel“, die meine Mutter uns gegenüber oft benutzte. Damit war die Existenz eines Menschen vor seiner Geburt gemeint. „Der sitzt noch in „Abrahams Woarschkessel!“ so sagte man dann.

Meine Frau Mama hatte dieses Sprachbild verinnerlicht und uns Kindern überliefert. In Berlin kannte niemand diese Rede. Mein eigener „Woarschkessel" hatte seinen Ausgang trotzdem nicht in Köln. Denn nicht dort wurde ich geboren. Nein, durch Gottes Gnade war ich dazu bestimmt, ein Berliner zu werden, per Geburt. Aber auf meinem Weg nach draußen – hört einmal, auf meinem Weg hinein ins Leben – herausgezogen aus „Abrahams Woarschkessel“, habe ich ein Kölner Gesicht mitbekommen, ein kölsches Lächeln! Eingetragen und eingegraben in meinem Gesicht – als bleibendes Geschenk – mit dem Vorrecht zu einem frühen Weisheitsspruch von erstaunlicher Reife.

Meine katholische Mama wusste was von dieser Tradition und setzte ahnungsvoll ihre Hoffnung auf mich, und ich enttäuschte sie nicht. Mein erster Weisheitsspruch purzelte unter die Leute wie ein vom Wind verwehter Hut, den man unbedingt zurückhaben will: „Ich bin lieber doof als dick, das sieht man nicht gleich!“ Es gab Familienmitglieder, die wenigen Kölner nämlich, die das für genial hielten. Die Berliner Verwandtschaft sagte jedoch: „doof! Naja, man sieht’s . . . !"

Ich legte deshalb noch einmal nach und hielt an folgender Weissagung mein Leben lang fest, bis heute: „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit!" Nicht zu spät in meinem Leben lernte ich also den alten Schweden tatsächlich kennen. Und ich kann Euch sagen: Da war was los! Da schlug es Dreizehn! So um 1961 hat das angefangen, als ich der erste Pfarrer der neu gegründeten und sehr munteren Spandauer Kirchen-Gemeinde wurde, die seinen Namen trägt, bis heute. Was haben wir für Schlachten geschlagen, um diesen Zustand zu erhalten! Gegen den Widerstand dämonischer Mächte haben wir unser Dasein durchgesetzt. Dabei aber sind sie sich so richtig nahe gekommen, der alte Nathan und der kleine Klaus.

Wir interessierten uns sehr füreinander. Ja, er auch für mich. Ich spürte, dass ich ihm sympathisch war, ich hatte denselben Sinn für Humor. Und für den treffenden Witz. Ich konnte immer wieder erschrocken gucken, wenn er seine berühmte Pfarrer-Ansprache mit dem aufsehen erregenden Zitat eröffnete: „Ein Pfarrer hat sich zu Tode zu arbeiten!“ Oh Gott, wirklich?! Und dann ... nach einer Pause – mit heiterem Lächeln: „Aber langsam und mit Verstand!“

Wer sich als Läufer nicht verausgaben kann, läuft nicht richtig

Du lieber mein Gott! Einverstanden! Ganz schön witzig, der liebe Gott. Na gut, eigentlich war es Nathan Söderblom. Und dies, bitte schön, war doch gleich ein erster Fischzug, in Form eines Strohhalms, hingereicht dem normalen Marathonläufer: Du hast dich zu verausgaben, mein lieber Scholl. Wer sich als Läufer nicht verausgaben kann oder will, der läuft nicht richtig. Aber: Langsam und mit Verstand. Also: merk du dir das! Und so ging das nun bei mir!

Ich sprach – Jahre später – folgende Worte zu meiner Söderblomer Gemeinde, dabei im Gefühl angesiedelt zwischen spielerischer Selbstironie und leicht-irrer Sehnsucht: „Ihr wisst doch, dass er bei mir war, im Gottesdienst damals, da saß er doch hier in der ersten Reihe, im vor-vor-vorigen Jahr – so irgendwann damals war das doch, glaub ich.“ Darauf tönte es: „Was erzählst du uns da, Pfarrer? Als Nathan Söderblom starb, da musstest du noch volle drei Jahre auf deine Geburt warten, hast du uns doch selber erzählt. In Abrahams Wurschtkessel musstest du warten.“ Ja, ja Woarschtkessel, „aber es stimmt doch trotzdem, oder hab ich das etwa alles nur geträumt? Haben wir alle ihn gesehen. Saß nicht seine Frau neben ihm?“ „Gewiss, und wie oft habe ich euch von seiner Anna erzählt!"

So, und nun also waren sie tatsächlich da gewesen. Und nach dem Gottesdienst waren die beiden schnell verschwunden. Aber sie hinterließen eine Nachricht: Es habe ihr, der Anna, im Gottesdienst der Nathansöderblom-Kirchen-Gemeinde sehr gut Gefallen. Und der berühmte Prediger – mit allen Predigt-Wassern gewaschen – fügte hinzu: Besonders die Kunst des Gemeindehirten, in Hochgeschwindigkeit auf die nächste Predigtkreuzung zuzupreschen ... „preschen“ sagte er – als gäbe es sie, die Kreuzung, nicht – das hätte was für sich, ... allerdings ..., eine Besorgnis des Bischofs blieb ... Ein Crash ist ein Crash, auch wenn nur das Tempotaschentuch die Nase trifft – zwar ist dies nicht direkt niederschmetternd als gefühltes Ergebnis einer etwas zu flüssig geratenen Predigt –fühlt sich jedoch durchdringend feucht an. Nicht so angenehm. „Mann oh Mann!“ Das alles hat der alte Schwede gesagt!? Allerhand! Allerhand! Offenbar ganz heiter-solidarisch, wie es seine Art ist. Und zum Schluss die einfache Bitte: Der Berliner Kollege möge das doch bedenken.

Nun ja, hat der dann auch gemacht. Jetzt aber die wichtige Frage: Indem ich sie stelle, könnt Ihr mir bei der Beantwortung helfen! Wie kommt der alte Berliner Laufprediger mit dem weltberühmten Läuferbischof auf dieselbe blaue Linie? Wo auch Ihr Euch tummelt? „Läuferbischof“ sage ich nun schon. Denn um was ähnliches wird es sich handeln müssen für uns, denen es hier nicht auf die gefalteten Hände ankommt, sondern auf die hörbereiten Füße. Folgende Anekdote mit der erlösenden Pointe: Kirchentag in Wittenberg. Söderblom nahm Teil und auch sein Freund, der sächsische Landesbischof Ihmels. Der warnte den Schweden vor der zu eiligen Errichtung eines religiösen Völkerbundes: „Wir müssen doch erst einmal den politischen Völkerbund abwarten“, sagte er. Der ja dann auch kam, einige Jahre später. Dieser Vorgriff aber war der geniale Schachzug des Erzbischofs, der einfach überzeugt war von der ökomenischen Idee. Und genau das hat ihm schließlich den Friedensnobelpreis eingebracht.

Energie-geladene Ausdauer im großen Lauf des Lebens

Ihmels jedoch berief sich für seine abwartende Position auf eine berühmte Bibelstelle in Hebräer 12,1: „So lasst uns nun laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns verordnet ist.“ Das entscheidende Wort war „hypomonä“, bei Luther mit „Geduld“ übersetzt. „Langmut“ und „Behutsamkeit“ gehören dazu. „Lasst uns laufen mit Geduld und Langmut und sehr behutsam in dem Kampf, der uns verordnet ist.“ So klang es ganz übereinstimmend in der allgemeinen Überzeugung der nationalen Kirchen in Europa damals, sieben Jahre nach dem Kriegsende 1918. Aber eben ziemlich mutlos, nicht wahr? Auf der Rückreise nach Stockholm las Söderblom den griechischen Text und ... dann rief er den Begleitern zu: „Wisst ihr, was „hypomonä“ wirklich heißt? „Energie“, nicht „Aufschub!“ „Ausdauer!“ „Das ist das richtige Wort!“ Soweit mein bester Freund. Und ist es nicht so: Hier haben wir den geborenen Ausdauerläufer. „Lasst uns laufen mit Energie-geladener Ausdauer im großen Lauf des Lebens, so wie er sein soll. Diesen Aufruf können wir morgen früh umsetzen beim großen Lauf durch Berlin, nicht wahr?

Und wir ahnen immer noch neue Zusammenhänge zwischen Lebenslauf und Läuferleben und rufen mit heiterer Stimme: „Nathan Söderblom, willkommen im Jubilee-Club des Berlin-Marathons!“

Seine Auffassung vom Laufen und vom Leben erfüllt uns mit Vertrauen und mit Hoffnung. Und wir bleiben dabei. In jedem Wettersturm. Aber da ist noch etwas hinderliches! Dein Kleinmut, der dich auch heute Abend nicht verlassen will. Und dir dort geht's genau so. Wie ihr euch in die Stühle presst: Bang, bänger am bängsten! Das muss nicht sein. Was ihr nötig habt, das ist ein neuer Mut. Der soll euch heute noch erreichen. Vertraut darauf das ist noch nicht alles. Da gibt’s auch noch die anderen, unter euch – dazwischen gestreut wie ein paar Prisen Salz.

Es gibt nichts Ehrlicheres als das Laufen

Wenn’s mal so wäre. Bei denen nämlich ist die biblische Frage angebracht: „Was aber, wenn das Salz dumm geworden ist? Wenn es nicht mehr salzt? Wenn also aus dem Selbstbewusstsein des erfolgreichen Läufers so etwas wie der Hochmut des künftigen Verlierers geworden ist? Eine Entwicklung, mit der der Hochmütige absolut nicht rechnet. Er glaubt, dass ihm alle Möglichkeiten zur Verfügung stünden, wenn er nur wollte. Aber wisst ihr nicht, dass es nichts Ehrlicheres gibt, als das Laufen?

„Lügen haben kurze Beine!“ Nirgendwo hat diese Wahrheit eine größere Anwendungskraft als beim sportlichen Laufwettkampf. Hochmut kann sich auf dem Straßenasphalt innerhalb einer halben Stunde in ein tödliches Elend verwandeln. Nicht, dass ihr sterben müsstet. Aber doch „anhalten“, „stehen bleiben“!

Und dann das unglaubliche Gefühl der „Todesschwäche“, welches ihr bisher nur den Anderen zugeordnet habt, den Schwachen eben. Und jetzt ihr?! Unglaublich. Wie ihr das spürt durch „Mark und Bein“: Eure geplante Endzeit auf dem Kurs sinkt minütlich und unaufhaltsam ins bodenlose, eure Siegermentalität verdampft auf dem Asphalt schmerzhaft vor euren Augen. Das macht der Hochmut!

Einen Wink nur, mehr nicht, einen Wink benötigt ihr alle, ihr Schwachen und ihr Starken. Ihr werdet ihn bekommen. Wenn ihr ihn erwartet. Eigentlich sollte ich das Schwachsein und das Starksein nicht so sehr voneinander trennen. Denn wir sind oft beides zugleich oder abwechselnd beides. Und ich spüre insgesamt hier unter uns eine große Ruhe und Gelassenheit. Auch sie kann sich mitteilen. Jeder von uns nimmt und gibt zugleich. Gut so. Heiter und bescheiden sollt ihr das Ziel erreichen. Und ihr werdet es erleben: Das reine Glück.

Amen so soll es sein.

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